23.09.2011

Was macht ein Ingenieur?

Diese Frage stellten sich am Freitag die Studienanfänger des Studiengangs Wirtschaftsingenieurwesen an der Fachhochschule (FH) Bielefeld.

Bei der Suche nach einer Antwort half ihnen Professor Dr. Franz Feyerabend, der am Fachbereich Ingenieurwissenschaften und Mathematik das Lehrgebiet Konstruktion und technische Mechanik leitet. „Die meisten Erstsemester haben kein klares Berufsbild von einem Wirtschaftsingenieur. Das ist auch verständlich, schließlich gibt es den Studiengang in Bielefeld erst seit zweieinhalb Jahren. Es gibt also noch keine Absolventen, die die Studierenden befragen könnten. Dieses Nichtwissen und die Unsicherheit können schnell zu Zukunftsängsten führen.“  Laut Professor Feyerabend ist es wichtig, dass sich die neuen Studierenden gleich zu Beginn mit ihrem zukünftigen Beruf auseinandersetzen. Deshalb platzierte er seine Veranstaltung „Berufsbild Ingenieur“ in der Einführungswoche für Erstsemester.

Eine Vorstellung von den Studieninhalten und dem Studienverlauf erhalten die Studienanfänger durch die Vorträge von Julia Schäffer und Ulf Bremhorst, die beide bereits seit einigen Semestern Wirtschaftsingenieurwesen studieren. Einen Eindruck vom Tätigkeitsfeld eines Ingenieurs vermitteln zwei Vertreter aus der Industrie. Mirjana Strahinovic arbeitet nach ihrem Maschinenbaustudium bei dem Unternehmen iBA Bad Oeynhausen, die für die Beratung und Analyse bei technischen Entwicklungen zuständig sind. Henning Rempe ist bei dem Landmaschinenhersteller CLAAS tätig.

Als die Referentinnen und Referenten von ihrem Studienstart berichten, wird deutlich, dass sie mit unterschiedlichen Vorstellungen und Erwartungen an ihr ingenieurwissenschaftliches Studium herangegangen sind. So hatte Henning Rempe gelesen, dass ein Ingenieur viel Geld verdient und sich dann für ein duales Studium entschieden. Julia Schäffer hatte die Befürchtung im Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen nichts Halbes und nichts Ganzes zu studieren und Mirjana Strahinovic dachte, im Studium lernt sie alles, was sie für den späteren Beruf braucht.

Dass die Realität oft anders aussieht, wissen vor allem die Industrievertreter zu berichten. So musste Henning Rempe lernen, dass zu hohe Kosten meistens ein K.O. für die Umsetzung von technischen Lösungen sind. „Ich bin mit einer neuen Idee zum Chef gegangen und habe ihm einen enthusiastischen Vortrag gehalten. Doch er fragte nur: Und was bringt uns das an Mehrwert? So weit hatte ich gar nicht gedacht.“ Mirjana Strahinovic machte die Erfahrung, dass das Lernen nach dem Studium nicht vorbei ist, sondern erst anfängt. „Es geht im Beruf nicht um das Wissen, sondern darum, wie man das Wissen richtig anwendet und einsetzt.“

Was ein Ingenieur ist, können die vier Referenten nicht eindeutig sagen. Zum Schluss schreibt jeder eine andere Definition an die Tafel. So ist der Ingenieur ein Künstler der Technik mit vielen Facetten aber auch ein Problemlöser. Außerdem ist er gezwungen, wirtschaftlich zu handeln, muss aber ebenso zielstrebig und erfolgsorientiert sein.

In der anschließenden Diskussion stellen sich dann doch Gemeinsamkeiten des Ingenieurberufs heraus. So lernten Mirjana Strahinovic und Henning Rempe vieles erst durch die Anwendung in der Praxis. Eine gewisse Einarbeitungszeit und kleine anfängliche Fehler sind laut Mirjana Strahinovic bei diesem Prozess normal und werden vom Arbeitsgeber akzeptiert. Eine große Rolle spiele für beide zudem die Teamarbeit, da sie sich bei der Suche nach technischen Lösungen mit unterschiedlichen Experten beraten. Außerdem lassen sich laut Henning Rempe die im Studium gelernten Methoden nicht immer eins zu eins in die Praxis übertragen. So spielen die Faktoren Zeit und Geld im Beruf eine viel entscheidendere Rolle. „Wenn ein Produkt zu teuer ist, kann die Qualität noch so hoch sein, es wird keiner kaufen. Auch wenn manchmal tolle Ideen dahinter stecken, werden solche Produkte nicht produziert.“

Da im Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen sowohl technische als auch betriebswirtschaftliche Kenntnisse vermittelt werden, sei das Studium eine gute Basis für das spätere Berufsleben und die Absolventinnen und Absolventen seien in den Unternehmen sehr gefragt. „Das Spektrum an Wissen ist sehr breit, eine Vertiefung ist deshalb schneller möglich. Das ist ein Vorteil“, so Henning Rempe.

Mit der Veranstaltung möchte Professor Feyerabend eine Zielorientierung bei den Studierenden schaffen und deren Selbstbewusstseins stärken. „Jeder soll wissen, worauf er sich einlässt. Wir möchten zeigen, dass Ingenieure keine Übermenschen sind.“