Bielefeld (fhb). Jono Kulecki hat sein persönliches Bild vom Sterben und Tod in seine Masterarbeit einfließen lassen. Der Student vom Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Bielefeld hat sich in seiner Abschlussarbeit im Studiengang Angewandte Sozialwissenschaften an ein Thema herangewagt, das in der Gesellschaft oft tabuisiert wird: Das Leben und Sterben in einem Hospiz. In den Fokus stellt er die Angestellten und wie sie die Menschen in ihrer letzten Zeit begleiten. Durch die wissenschaftliche Auswertung eines Gesprächs mit der Sozialarbeiterin Beate Dirkschnieder vom Hospiz in Bethel, möchte er Sterbebegleitern praxisnahe Empfehlungen an die Hand geben, um bei Betroffenen und Angehörigen die Angst vor dem Tod zu mildern.
Bereits in seiner Bachelorarbeit hat sich Jono Kulecki mit der Arbeit von Menschen im Hospiz beschäftigt und wollte diesen Forschungsansatz in seiner Masterarbeit vertiefen. Es geht ihm um die "Strategien zur Angstbewältigung in der Palliativpflege und -betreuung", so der Titel seiner Masterarbeit. Anhand der "Grounded Theory" hat er ein Interview aus seiner Bachelorarbeit mit der Sozialarbeiterin des Hospiz in Bethel ausgewertet, um daran Theorien abzuleiten, die für die Praxis allgemeingültig umgesetzt werden können. "Mir kam es darauf an, ein unverfälschtes Bild von der Arbeit in der Palliativpflege zu bekommen. Wie gehen die Angestellten dort zum Beispiel mit den besonderen und vielschichtigen Anforderungen in der Sterbebegleitung um, ohne dabei selbst überfordert zu sein. Ist es überhaupt möglich, über einen längeren Zeitraum diese schwierige Arbeit zu leisten?", erklärt Kulecki seinen Ansatz.
Sich als junger Mensch mit dem Thema Tod und Sterben so tiefgehend zu befassen ist für den 27-jährigen ganz selbstverständlich."In unserer Familie war Tod zum Glück nie ein Tabuthema und ich habe in meinem Verwandten- und Bekanntenkreis die Erfahrung gemacht, dass der Tod auch etwas sehr Erlösendes sein kann", sagt Kulecki. Trotzdem habe er sich nach dem Tod seines Großvaters zum ersten Mal bewusst damit auseinandergesetzt. Er selber hat zwar keine Angst vor dem Tod, allerdings beschäftigt ihn der Prozess des Sterbens intensiv und verursacht auch bei ihm ein unangenehmes Gefühl.
Für seinen Analyseansatz hat Jono Kulecki bewusst das Gespräch mit Beate Dirkschnieder ausgewählt, da sie durch ihre langjährige Erfahrung im Hospiz eine Expertenrolle für sein Forschungsfeld einnimmt: "Menschen, die zum Sterben ins Hospiz kommen, wollen keine Ratschläge von mir. Die wissen ihre Dinge selbst. Die brauchen einfach Menschen die den Mut haben, da zu bleiben und zuzuhören", sagt Dirkschnieder.
Das Gespräch hat Kulecki anhand von zwei Codierungs-Schlüsseln analysiert und daraus eine Kernaussage erarbeitet, mit der Handlungsempfehlungen abgeleitet werden können.
Seine erste wichtige Erkenntnis: Die Wahrnehmung von Angst im Sterbeprozess ist immer ganz individuell. "Jeder Tod ist einzigartig und stellt eine persönliche Erfahrung dar. Das gilt für die Sterbenden und deren Angehörigen gleichermaßen", sagt er. Daraus hat er die Konsequenz entwickelt, dass Sterbebegleiter nicht mit einem feststehenden Konzept an die Angstbewältigung herangehen können. "Für die Angstbewältigung ist immer ein individuell auf den Sterbenden und seine Angehörigen abgestimmtes Vorgehen notwendig. Dies erfordert sowohl eine hohe fachliche Kompetenz, als auch ein ausgeprägtes Einfühlungsvermögen", lautet Kuleckis Schlüsseltheorie.
Seine abschließende Handlungsempfehlung für die Arbeit in der Palliativpflege und -betreuung lautet: "Man muss sich mit der eigenen Angst vor Tod und Sterben auseinandersetzen. Nach meiner Erfahrung verliert der Tod dadurch seinen Schrecken", erklärt er. Diese Hypothese untermauert er mit einem Zitat seiner Gesprächspartnerin Dirkschnieder: "Ich halte den Tod übrigens auch für etwas sehr Wichtiges, auch die Auseinandersetzung mit dem Tod. Letztendlich ist er nur ein Spiegel auf das Leben. Die beiden gehören zusammen, wie Zwillinge."
Nachdem Jono Kulecki seine Masterarbeit abgegeben hat und erfolgreich benotet worden ist, wird er ein berufspraktisches Anerkennungsjahr als klinischer Sozialarbeiter im Gilead IV im Evangelischen Krankenhaus in Betehl machen. Einen späteren Arbeitseinsatz in der Palliativpflege oder -betreuung möchte er nicht ausschließen, allerdings kann er sich auch eine weitergehende Untersuchung zu seinem Bachelor- und Masterthema vorstellen, vielleicht im Rahmen einer Doktorarbeit.