05.08.2005

Aus dem Verborgenen ans Licht

Der Bibliotheksbestand der ehemaligen Werkkunstschule Bielefeld ist eine einzigartige Sammlung alter Bücher und grafischer Drucke.  Viele Werke sind jedoch stark beschädigt. Hier hilft die Fachhochschulgesellschaft – jedoch weitere Sponsoren werden gesucht.

Der Bibliotheksbestand der ehemaligen Werkkunstschule Bielefeld, heute im Besitz der Fachhochschule Bielefeld, ist eine einzigartige Sammlung alter Bücher und grafischer Drucke zu den Themenschwerpunkten Textilkunst, Mode, Innenarchitektur, Buchkunst, Grafik und Malerei, die zum Großteil in der Zeit vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg zusammengetragen wurde. Viele Werke sind jedoch stark beschädigt und bedürfen dringend einer fachgerechten Restaurierung. Hier hilft die Fachhochschulgesellschaft - jedoch weitere Sponsoren werden gesucht.
Im Gründungsjahr des Deutschen Werkbundes, am 1. April 1907, nahm die "staatlich-städtisch unterstützte Handwerkerschule mit kunstgewerblichen Tagesklassen" in Bielefeld, heute unter dem Namen "Werkkunstschule Bielefeld" bekannt, den Unterrichtsbetrieb auf. Diese Einrichtung hat es sich zum Ziel gesetzt, zwischen Handwerk und Kunst, Industrieproduktion und kreativer Gestaltung eine fruchtbare Verbindung herzustellen. Diverse Schulen dieser Art wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Preußen gegründet. In Bielefeld aber stieß die Handwerkerschule zunächst auf erheblichen Widerstand. Einige Vertreter des ortsansässigen Handwerks befürchteten, dass die Ausbildung der Lehrlinge den Handwerksmeistern entzogen und diese zu "künstlerischer Arroganz erzogen" würden.

Auszug aus einem Leserbrief :
"Unser deutsches Vaterland ist nicht durch Kunstschulen und andere wissenschaftliche Experimente groß geworden, sondern durch seine rastlos arbeitende Bevölkerung."

Nach kurzer Zeit etablierte sich die Einrichtung jedoch aufgrund der hohen Ausbildungsqualität, der bedeutenden Lehrkräfte und der aus ihr hervorgegangenen Absolventen und ihrer Arbeiten. Sie erlangte große Bedeutung über die Stadtgrenzen Bielefelds hinaus und wurde zu einem künstlerischen Zentrum für die Region des östlichen Westfalens und des Fürstentums Lippe. Auf zahlreichen nationalen und internationalen Ausstellungen, wie beispielsweise der Werkbund-Ausstellung in Köln 1914 und der Weltausstellung in Brüssel 1910, wurden Arbeiten der Lehrkräfte, gezeigt und ausgezeichnet. Bekannte Dozenten der Werkkunstschule waren Thyra Hamann-Hartmann, Gertrude Kleinhempel, Hans Grohé und Otto Kraft. Zahlreiche Absolventen der Einrichtung sind noch heute einschlägig in der Kunst- und Kulturszene bekannt, so z.B. Carl Strüwe, Gottfried Jäger, Jochen Geilen oder auch Hannes Wader.

Nachdem die Schule zunächst auf zwei Standorte (Klosterstraße und Kreuzstraße) verteilt war, wurde am 25. Oktober 1913 feierlich der Neubau am Sparrenberg eröffnet. Das Gebäude, in dem heute die Musik- und Kunstschule untergebracht ist, prägt noch immer in wesentlichem Maße das Stadtbild Bielefelds (s. Abb. 1).

Die Werkkunstschule Bielefeld unterhielt während der gesamten Zeit ihres Bestehens eine eigene Bibliothek zur Versorgung ihrer Lehrenden und Schüler. Die Bibliothek war im Gebäude am Sparrenberg an zentraler Stelle neben dem Haupteingang untergebracht. In Zeitungsannoncen und Informationsbroschüren warb die Werkkunstschule gerne mit der guten Ausstattung ihrer Bibliothek. Im anlässlich des Einzugs in den Neubau am Sparrenberg verfassten Jahresbericht 1913/1914 heißt es:

"Die Bibliothek wurde durch die städtische Volksbibliotheks-Verwaltung katalogisiert und in dem neuen Lesesaal modern eingeordnet. Der Raum ist nun 4mal wöchentlich Schülern, Handwerksmeistern und Gesellen geöffnet zum freien Studium und Zeichnen.
Bücherbestand 1375 Bücher und Tafelwerke."

Aus den überlieferten Inventarjournalen der Werkkunstschule geht hervor, dass während der Zeit ihres Bestehens, also innerhalb von 64 Jahren, insgesamt knapp 9.000 Bücher, Zeitschriften und Mappenwerke zusammengetragen wurden. Dennoch ist heutzutage nur noch sehr wenig über den Sammlungsauftrag, die Richtlinien zum Bestandsaufbau, die fachliche Betreuung und die finanzielle Ausstattung dieser Bibliothek bekannt. Von der Bibliothek im Gebäude am Sparrenberg, die direkt neben dem Haupteingang und neben dem Direktorenzimmer untergebracht war, ist offenbar kein einziges Bild überliefert.

Am 1. August 1971 wurde die Fachhochschule Bielefeld auf der Basis des Gesetzes über die Errichtung von Fachhochschulen im Lande Nordrhein-Westfalen (FHEG) vom 8. Juni 1971 gegründet. Damit ging die Werkkunstschule Bielefeld zusammen mit fünf weiteren Vorgängereinrichtungen in die Fachhochschule über und es entstand der Fachbereich 1 - Design (heute Gestaltung). Mit der Gründung der Fachhochschule Bielefeld wurde auch die Werkkunstschulbibliothek in die Hochschulbibliothek übernommen und 1978 in das Gebäude an der Lampingstraße gebracht. Die Bücher wurden seinerzeit ohne besondere Kennzeichnung katalogisiert und in den normalen Freihandbestand der Hochschulbibliothek eingegliedert. Lediglich Folianten, Mappenwerke und besonders alte Werke wurden in Stahlschränken unter Verschluss genommen und dort bis dato - also 25 Jahre lang - aufbewahrt.

Heute sind noch ca. 1.400 Bücher, gut 200 Mappenwerke sowie ein kleiner Bestand an Zeitschriften erhalten. Der Rest ist durch einen Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg zerstört worden, Aussonderungsaktionen in den Gründungsjahren der Fachhochschule und wahrscheinlich auch der Entnazifizierung nach dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallen.

Dennoch ist eine außergewöhnliche Sammlung alter Bücher und graphischer Drucke erhalten geblieben, die als Lehr- und Lernmaterialien für die Lehrer wie auch für die Studierenden dienten und gleichzeitig das breit gefächerte Ausbildungsspektrum der Werkkunstschule widerspiegeln.

Die wichtigsten Themenschwerpunkte sind die Textilkunst und die Innenarchitektur. Hier sind besonders die beiden sehr seltenen Mappenwerke von E. A. Seguy "Floréal" (um 1900 bei Calavas, Paris) und "Primavera" (um 1900 bei Stoll, Plauen) mit je 20 sehr farbintensiven Tafeln mit dekorativen Entwürfen zu erwähnen, die sich aus stilisierten Pflanzenmotiven ableiten (s. Abb. 2). Weitere Raritäten sind eine Mappe mit chromolitographisch erzeugten Darstellungen antiker und frühmittelalterlicher Fußbekleidungen aus Achmim-Panopolis von 1896 (s. Abb. 3) oder die beiden Mappen mit handkolorierten Entwürfen von Charles Rennie Mackintosh und Baillie Scott für ein "Haus eines Kunst-Freundes" aus dem Koch-Verlag in Darmstadt um 1900. Es finden sich aber auch sehr ungewöhnliche Titel im Bestand, wie beispielsweise ein Buch über "Oceanische Rindenstoffe" von Paul Hambruch aus dem Jahr 1926 oder "die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst" von Gottfried Semper (1860).

Zu Anschauungs- und Lehrzwecken für den Zeichenunterricht und als Grundlage für Illustrationsentwürfe diente eine breit gefächerte Sammlung an Tier- und Pflanzenführern, wie z.B. die Naturgeschichte der Vögel von George Louis Le Clerc de Buffon in 35 Bänden von 1794 (2. Auflage), und naturwissenschaftliche Abhandlungen, wie z.B. Georg Piek-Patriks "Rhythmische Musterkunst der Natur" von 1924.

Viele Werke wurden offenbar weniger aufgrund ihres Inhalts, sondern vielmehr wegen ihrer besonders wertvollen Buchillustrationen und Einbände - von der Renaissance bis zur Moderne - in den Bestand aufgenommen. Zu erwähnen sind beispielsweise das besonders reich illustrierte "Neuw Kreuterbuch" von Iacobus Theodorus Tabernaemontanus von 1588, das "Fastorum libri VI" von Publius Ovidius Naso von 1550 mit einem sehr schön geprägten Pergamenteinband mit voll funktionsfähigen Messingschließen (s. Abb. 4) oder eine besonders prachtvoll ausgestattete und illustrierte Ausgabe der "HAFIS", einer Sammlung persischer Gedichte in einer Ausgabe verlegt bei Eugen Diederichs 1912.

Einen weiteren Schwerpunkt stellen Kinderbücher, insbesondere aus den beiden ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts, dar, so z.B. "Fridolins Zauberland" mit Bildern von Walter Trier und Versen von My, 1926 im Fridolin-Verlag erschienen.

Die Hochschulbibliothek der Fachhochschule Bielefeld wird sich in Zukunft noch eingehend mit der Sammlung der Werkkunstschulbibliothek beschäftigen: zur Zeit erfolgt eine vollständige Erfassung im Online-Katalog. Insbesondere bei den sehr alten Werken ist eine Verzeichnung im VD16/VD17 angedacht, in einigen Fällen sollte auch eine Provenienzforschung erfolgen. Viele Werke sind leider stark beschädigt und bedürfen dringend einer fachgerechten Restaurierung (s. Abb. 7). Hierfür werden derzeit Sponsoren gesucht.

Der Bibliotheksbestand der Werkkunstschule Bielefeld wird heute wieder verstärkt in der Fachhochschule Bielefeld zu Zwecken der Forschung und Lehre genutzt. Im Rahmen der in Bielefeld und in der Region Ostwestfalen-Lippe vielbeachteten Ausstellung "Aus dem Verborgenen ans Licht" in Kooperation mit dem Fachbereich Gestaltung hat die Hochschulbibliothek im Oktober 2003 nach 25 Jahren einen Teil dieser einzigartigen Sammlung erstmals wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.