19.11.2004

LENA ZALJEVSKI – ES IST Ausstellung Galerie Hochschulverwaltung

Die Ausstellung ist in der Hochschulverwaltung (Gebäude D) der Fachhochschule Bielefeld, Kurt-Schumacher-Straße 6 in Bielefeld bis zum 7. Januar 2005 zu sehen. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag von 9:00 – 15:00 Uhr.

Lena Zaljevski, Absolventin des Fachbereichs Gestaltung der FH Bielefeld, präsentiert aktuelle Arbeiten, Arbeiten aus ihrer Studienzeit und ihre im Diplom unter der Betreuung von Professor Hans-Joachim Domachowski entstandenen freien Arbeiten: Von Farbe gereizt, begibt sich die Künstlerin in großformatigen Bildern in eine befreite Bewegung jenseits gedanklicher Konstruktion, aus dem klaren, durchlässigen Empfinden, aus dem Moment heraus - ES IST, wie es ist.

Ursula Blanchebarbe, Professorin am Fachbereich Gestaltung und Leiterin des Siegerlandsmuseums im Oberen Schloss in Siegen, führte auf der Ausstellungseröffnung in die Arbeiten der Künstlerin ein:

 

Lena Zaljevski - Die Gegenwart der Farbe

Lena Zaljevskis Arbeiten setzen sich mit der Farbe auseinander. Die Frage nach der Farbe und der Moderne gehören zusammen. Dabei ist es in besonderer Weise problematisch über die Farbe in der Malerei - gestern wie heute - zu reden. Sie nimmt in weiten Bereichen der historischen Malerei den ersten Rang ein, aber es bleibt bis heute offensichtlich schwierig, bildliche Farbwerte zu objektivieren und sie sprachlich zu benennen.

Unsere Farbnamen geben nur ein erstes, völlig unzureichendes Raster für Zuordnungen her. Können wir in einer Landschaft Cézannes beispielsweise einen Rot-Ton mit Orange und einen Gelb-Ton mit Ocker bezeichnen, so verfügen wir für die Beziehung beider zueinander über keinerlei qualifizierende Begriffe. Die Hinwendung zur Farbe und deren Entwicklung zu einem der wirkungsmächtigsten Sprachmittel der Malerei hat auch die Kunstgeschichte nicht unberührt gelassen. Seit dem 19. Jahrhundert wird die Geschichte der Malerei nicht mehr nur unter dem dominierenden Gesichtspunkt der Raumkonstruktion, der Perspektive, diskutiert, sondern der Farbe kommt die Rolle des Kronzeugen zu. Dabei ist die Dominanz der Farbe in der Moderne durchaus nicht unumstritten.

Während sich der Fauvist Matisse für die Farbe stark machte, sind für Max Beckmann Farbmalerei und Kunstgewerbe identisch. Und selbst in gegenstandsloser Malerei, bei Bildern also, die anscheinend ausschließlich von Farbe handeln können, gibt es Werke, für die die Farbe bedeutsamer ist als in anderen. Selbst in den unzugänglichen Bildern eines Ad Reinhardt, der große, quadratische und vollkommen schwarze Bildtafeln produzierte, ist das Schwarz keineswegs tote, stillgelegte Dunkelheit, sondern eine ungewöhnlich lebendige, reiche Farbe. Sie weist in jedem Bild andere Tönungen aus, die letztlich die Konsequenz eines Malprozesses der äußersten Komprimierung der Buntfarben sind.

Farbe ist nirgends, auch nicht in der Moderne und selbst in der Abstraktion, selbstverständlich Inhalt und Ziel malerischer Gestaltung. Die bloße Verwendung der Farbe sagt noch nichts über den Charakter der Farbigkeit, anders gesagt, über die möglichen koloristischen Qualitäten eines Werkes aus. Farbe ist somit ein eigenständiges, unendlich gestaltbares Element, vor dem in letzter Instanz jede Theorie zwangsläufig kapitulieren muss.

Für Lena Zaljevski ist Gegenwart der Farbe gleichzusetzen mit Gegenwärtigsein von Farbe. In ihren Arbeiten stellt sie die Frage: Was verkörpert die Farbe, was beinhaltet sie, was kann sie vergegenwärtigen? Extrem könnte man formulieren, es gibt überhaupt keine Farbe, es sei denn, man sieht sie und man empfindet sie. Farbe hat in ihren Arbeiten die Qualität, etwas unmittelbar auszudrücken, was mit Worten vielfach nicht zu fassen ist. Farbe kann Schichten freilegen oder Möglichkeiten eröffnen, die auf sprachlicher Ebene nicht so direkt angegangen werden können.

Bilder sind zunächst stumm, sie sind erst einmal nur da. Der Betrachter geht auf sie zu, er kann die Schichten mit den Augen freilegen und kann dabei etwas erfahren. Die malerischen, offenen, sich zunächst scheinbar ungeregelt aneinanderschließenden Farbpartien finden sich dann zu Verbindungen zusammen. Aus ihren individuellen Begegnungen, Annäherungen, Dialogen, Überlagerungen, Trennungen und Nuancierungen ergibt sich der jeweilige Kontext. Diese behutsamen, verhaltenen allmählich zusammenwachsenden Verbindungen ermöglichen dann die strahlende Entmaterialisierung der Farbe. Zusammenhang und Selbständigkeit werden nicht als Widerspruch empfunden. Die Verbindungen, die Zusammenschau über das Einzelne hinweg wird direkt als Qualität der Farbe erfahren, als jene optische Energie, in der die Art des Zusammenhangs erst sinnlich erfahrbar wird.

Genauigkeit und Offenheit der Wahrnehmung spielen deshalb eine wichtige Rolle. Ein einfaches Beispiel: Wenn ich jeden Tag einen bestimmten Baum sehe, stelle ich fest, dass dieser Baum an jedem Tag etwas anderes ist. Es ist nie derselbe Baum. Er verändert sich je nach Lichtverhältnissen, nach der Stimmung, nach Jahreszeit, Himmel etc. Die Wahrnehmung des Baumes wird weitergefiltert durch den jeweiligen Betrachter, der den Baum von seiner jeweils individuellen Warte betrachtet. Genau so wird auch das Bild erst lebendig durch das Auge des Betrachters.

Das Charakteristikum eines guten Bildes ist es sogar, dass es nie zuende gesehen werden kann. Es bleiben Leerstellen, Geheimnisse. Der Betrachter wird auf den Weg geschickt zu dechiffrieren, nach dem Verborgenen zu suchen. Dabei können unterschiedliche Betrachter durchaus zu verschiedenen Lösungen kommen, abhängig von der Genauigkeit und Offenheit der Wahrnehmung, ihrer Erfahrung.

In diesem Sinne sind die Bilder von Lena Zaljevski auch Illusionen. Man überträgt seine Träume, seine Vorstellungen und Bilder und versucht, diese Bildwirklichkeit so stark zu machen, dass sie auch für andere als Wirklichkeit erfahrbar werden. Und diese geschieht mit den Mitteln der Farbe, der Form, der Linie, eines Flecks, einer Fließspur. Wenn eine Farbe auf eine andere trifft, entsteht durch dieses Wechselspiel eine komplexe Situation, ein Spannungsfeld zwischen den Tönen. Es kann ein Klang entstehen, der jedoch sprachlich nur schwer zu fassen ist. Man kann zwar von Kalt-Warm-Kontrast, Simultankontrast, komplementären Farben reden - das kann mit sprachlichen Begriffen eingegrenzt werden. Aber was hinter diesen Beziehungen steht, dahin kommt man mit unserer Sprachlogik nur bis an die Schwelle.

Farbe kann uns gerade deshalb tragen, weil sie unmittelbar auf das Nervensystem zu wirken vermag. So spielen auch bei der jungen Künstlerin Reflexhandlungen eine wichtige Rolle, das Bild erhält so seine Eigendynamik. Auf der Leinwand entsteht ein eigenständiger Organismus, der nur hier entstehen kann, ganz aus sich heraus, ein Organismus, der durch das Zusammenspiel von Linie, Form, Struktur alle Möglichkeiten, die in der Farbe liegen, ausschöpft, um eine Kraft zu entwickeln, die etwas von dem Geheimnis des Bildes preisgibt. Die Vorstellung des Bildes entsteht erst unmittelbar auf der Leinwand. Aus dem Wechselspiel von Spontaneität und Kontrolle, von Reflexion und manchmal auch Zufälligkeiten im Spiel mit der Farbe entwickelt sich ein Dialog mit dem Bild.

Lena malt dabei auch, um auszuloten, wo die Grenzen sind, wo sie sich hinbewegt. Die Offenheit gegenüber dem malerischen Ausdruck soll dazu dienen, dem näher zu kommen, was vielleicht darstellbar ist - ein Malen gegen die Wirklichkeit, weil man da nie hinkommt, denn: gesagt ist alles leichter als gemalt - und gemalt ist alles leichter als gesagt. Es gilt das gesprochene Wort.

Weitere Informationen und Kontakt über Gisela Hoffmeister, fon 0521.106-7737,
e-mail gisela.hoffmeister@fh-bielefeld.de