Rund 2.000 Menschen sind an den vier Messetagen auf dem Gemeinschaftsstand in Halle 7a gewesen, etwa 160 Rollstuhlnutzerinnen und -nutzer haben ihr Hilfsmittel analysieren, neu einstellen oder sich beraten lassen. Im Mittelpunkt stand der Energieverbrauch beziehungsweise die Energieverschwendung beim Antrieb manueller Rollstühle. Die Innovation: An einem Handbike konnte der persönliche Energieaufwand "erfahren" und der eigene Rollstuhl in ein neuentwickeltes Energiecluster eingestuft werden.
In Deutschland sind sie von Kühlschränken bekannt, in der Schweiz wird das System seit 2003 auch auf Fahrzeuge angewandt: Aufkleber mit Informationen zu Verbrauch und Energieeffizienz. In alphabetisch geordneten Stufen, unterstützt durch eine Farbgebung von rot bis grün, bieten sie potenziellen Käuferinnen und Käufern einen schnellen Überblick und Vergleichsmöglichkeiten. Ein interdisziplinäres Team der Fachbereiche Ingenieurwissenschaften und Mathematik sowie Wirtschaft und Gesundheit der FH Bielefeld hat jetzt in einem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekt ein System zur Einteilung von manuellen Rollstühlen in Energieeffizienzklassen aufgebaut. Damit wird nach Aussagen von Messebesuchern erstmals ein 'Gütesiegel für Rolleigenschaften' geschaffen.
"KfB-Energiecluster" entwickelt
Basierend auf Forschungsergebnissen aus vorangegangenen Projekten, in denen Fahrwiderstände und Einflussfaktoren an einer Vielzahl von manuellen Rollstühlen dokumentiert und verarbeitet wurden, hat das Forschungsteam das "KfB Energiecluster für manuelle Rollstühle ©" entwickelt. Die Einteilung in sieben Energieklassen erfolgt auf der Grundlage experimentell erfasster Messdaten. Hierbei werden das Gesamtgewicht des Rollstuhls inklusive Nutzer/in und der Fahrwiderstand berücksichtigt. Künftig sollen auch die Lastverteilung, der Reifeneinfluss und das Nutzungsprofil einfließen, um den individuellen Energieaufwand beim Antrieb eines Rollstuhls bestimmen zu können.
"Ein Rollstuhl muss passen wie ein Schuh", getreu der Devise des schwedischen Physiotherapeuten Bengt Engström hat die FH Bielefeld Messebesucherinnen und -besuchern die Möglichkeit geboten, ihre manuellen Rollstühle selbst zu testen, untersuchen und einstufen zu lassen und abschließend durch eine optimale Einstellung ihres Rollstuhls ihre Mobilität zu verbessern. Dafür standen auf dem Gemeinschaftsstand der Hochschule mit dem Behinderten-Sportverband Nordrhein-Westfalen e.V. (BSNW), dem Deutschen Rollstuhl-Sportverband e.V. (DRS) und der O4 WheelChairs GmbH fachkundige Ansprechpartner/innen für Intensiv- und Kurzberatungen zur Verfügung.
"Hilfsmittel-Beratungs-Center"
Neben einer Lastverteilungsmessung auf einer Spezialwaage wurden Rollstühle analysiert und fotografiert. Mit Hilfe eines neuen, in Handarbeit für die FH Bielefeld angefertigten Handbikes erfolgte eine Fahrwiderstandssimulation: In einem Testdurchlauf, auf Wunsch in virtuellen Landschaften, wurde die Leicht- bzw. Schwergängigkeit eines Rollstuhls "erfahren".
Entsprechend der individuellen Anforderungen und Wünsche des jeweiligen Nutzers stellten Fachkräfte anschließend die Hilfsmittel neu ein. So wurden Rollstühle durch Verstellung der Lastverteilung, Veränderung des Luftdrucks oder durch Wechsel der Bereifung optimiert. Das veränderte Fahrverhalten konnte auf einem "Rolli-Parcour" getestet und der Energieaufwand "vorher / nachher" am "Handbike" verglichen werden. Jeder untersuchte Rollstuhl wurde in das neue KfB-Energiecluster eingeteilt. In Zukunft soll eine solche Zuordnung bei der persönlichen Beratung und der Rollstuhlauswahl helfen.
Effiziente Nutzung von Rollstühlen
"Wir wollen zeigen, wie wichtig es ist, dass die Energie beim Rollstuhlfahren effizient genutzt wird. Viele Menschen könnten mit einer optimalen Anpassung und Einstellung ihrer Rollstühle viel mobiler sein", erklärt Professor Ralf Hörstmeier von der FH Bielefeld und zieht ein positives Resümee: "Der Andrang auf der Messe war groß, unser Handbike war stark gefragt und für das Energiecluster haben wir viel Lob erhalten." Dank der Hochschulbeteiligung haben in diesem Jahr etliche Rollstuhlfahrer und -fahrerinnen die RehaCare "leichtgängiger" verlassen.