26.04.2010

Qualitätsoffensive für eine optimale Rollstuhlversorgung gestartet

30 Fachleute bei bundesweiter Fachtagung "Roll&Control" der Fachhochschule Bielefeld.

"Ich muss mich wohlfühlen in meinem Stuhl, wie in einem Langstreckenflieger sitze ich täglich 15 bis 16 Stunden darin", sagt Jürgen Geider aus Masch bei Heidelberg, Rollstuhlfahrer und in den 1980er Jahren Mitentwickler des ersten Aktiv-Rollstuhls für behinderte Sportler. Wie technische Innovationen aus Forschung und Entwicklung und eine gute medizinisch-fachliche Beratung trotz Kürzungen im Gesundheitswesen zu einer besseren Hilfsmittelversorgung führen können, darüber berieten am Donnerstag (22. April 2010) auf der "Roll&Control" rund 130 Verbandsvertreter, Entscheidungsträger, Fachleute und Interessierte aus ganz Deutschland. Ausrichter der ersten interdisziplinären Fachtagung war das Kompetenzzentrum für Bewegungsvorgänge (KfB) an der Fachhochschule (FH) Bielefeld.

"Die Aufrechterhaltung von Mobilität ist eine wesentliche Voraussetzung für soziale Teilhabe, ob bei der Freizeitgestaltung, im Berufsleben oder bei der Wahrnehmung staatsbürgerlicher Rechte", so Professor Dr. med. Michael Seidel von den von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel im Tagungszentrum Assapheum, "hier auf der Roll&Control wird ein wichtiges Thema behandelt, das auch unsere Arbeit berührt." Menschen im Rollstuhl wollen aktiv am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, das machten auch die zahlreichen Nutzerinnen und Nutzer unter den Tagungsgästen deutlich.

Oft werden manuelle Rollstühle nicht nach individuellen Kriterien ausgewählt und eingestellt und sind deshalb für die Nutzung ineffizient. Dass viele dieser Hilfsmittel bei der Fortbewegung einen enormen Kraftakt erfordern, das hatten verschiedene Forschungs- und Entwicklungsprojekte der FH Bielefeld ergeben. Jetzt hat ein interdisziplinäres Wissenschaftsteam um Professor Dr.-Ing. Ralf Hörstmeier gemeinsam mit führenden Rollstuhlherstellern und Verbänden eine Qualitätsoffensive gestartet, um die Versorgung von Rollstuhlfahrerinnen und -fahrern zu verbessern. Erstmals sind auf der von der Hochschule initiierten Fachtagung "Roll & Control" alle an der Hilfsmittelversorgung Beteiligten an einen Tisch gekommen.

Gäste aus ganz Deutschland

Auf Einladung des KfB-Teams am Fachbereich Ingenieurwissenschaften und Mathematik der FH Bielefeld wurde einen Tag lang in Workshops, Fachvorträgen und Diskussionen die Energieeffizienz von Rollstühlen und deren Nutzungsoptimierung betrachtet. Zu der Veranstaltung in Bielefeld kamen rund 130 Gäste aus Ostwestfalen-Lippe, ganz Deutschland und den Niederlanden: Vertreterinnen und Vertreter von Fachverbänden, Kostenträgern, medizinischen Professionen, Sanitätsfachhandel, Herstellern sowie Rollstuhlnutzerinnen und -nutzer und deren Angehörige.

Zur "Qualität in der Hilfsmittelversorgung" nahm Jan Wolter, Leiter Politische Kommunikation bei Spectaris, dem Deutschen Industrieverband für optische, medizinische und mechatronische Technologien e.V. mit Sitz in Berlin in seinem Vortrag Stellung. "Es gibt Beispiele exzellenter Versorgungen, die weltweit nicht übertroffen werden, es gibt aber auch Beispiele, die zeigen, dass die Hilfsmittelsversorgung in Deutschland nicht immer den Ansprüchen gerecht wird, die man an eine führende Industrienation stellen kann", so Wolter.

Um den Energieverbrauch beim Antrieb manueller Rollstühle darstellen zu können, haben Professor Hörstmeier und sein Team 2008 ein sogenanntes Energiecluster entwickelt und in Testreihen auf der Fachmesse Rehacare eingesetzt. "Unser 'KfB Energiecluster für manuelle Rollstühle ©' erlaubt eine Einstufung unterschiedlicher Modelle in Energieeffizienzklassen - je nach Leicht- oder Schwergängigkeit", erklärt der KfB-Leiter und Tagungsinitiator. Die Chancen dieser Entwicklung unterstrich Timo Pagano, Healthcare Manager Deutschland bei der Invacare Aquaqtec GmbH in Isny: "Mit dem Energiecluster ist der Nachweis möglich, dass bei bestimmten Krankheitsbildern bestimmte Rollstühle notwendig sind". Die Datenblätter ihrer Auswertung von der Rehacare haben Rollstuhlfahrerinnen und -fahrer bereits zur Vorlage bei den Krankenkassen genutzt, um ein individuell angepasstes Hilfsmittel zu erhalten.

Forderungen für die Zukunft

"Stets den Nutzer im Blick", diese Devise Hörstmeiers übernahm auch die Gruppe des Workshops "Nutzung - Qualität", der von Dr. Lutz Worms, Arzt für Bewegungs- und Sporttherapie bei den von Bodelschwinghschen Stiftungen, geleitet wurde. Sie forderten für die Zukunft, alle im Versorgungssystem Verantwortlichen inklusive Nutzer und Krankenkassen von Anfang an in den Hilfsmittelbeschaffungsprozess einzubinden, die Entwicklung einfacher, modularer und "mitwachsender" Hilfsmittelsysteme, national gültige Ausbildungs- und Qualifizierungsstandards für alle an der Versorgung Beteiligten sowie die Einführung eines Qualitätssiegels. "Rollstuhlnutzerinnen und -nutzer sind unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen", unterstrich Dr. med. Thomas Meiners, Chefarzt des Zentrums für Rückenmarksverletzte an der Werner-Wicker-Klinik in Bad Wildungen, in seinem Vortrag, "individuelle Bedürfnisse erfordern eine individuelle Versorgung und die Sicherheit und Effizienz von Hilfsmitteln erfordern wissenschaftliche Begründungen."

Die Fachtagung stand unter der Schirmherrschaft von NRW-Innovationsminister Professor Dr. Andreas Pinkwart und wurde von der Vorstandsvorsitzenden der Stiftung "Deutsche Schlaganfall-Hilfe", Dr. Brigitte Mohn, unterstützt. Insgesamt waren über 20 bundesweite Initiativen und Institutionen als Partner eingebunden. Weitere Informationen unter www.fh-bielefeld.de/kfb