Frankreich ist der wichtigste Außenhandelspartner Deutschlands. Doch die konkrete Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Franzosen gestaltet sich oft unerwartet schwierig. Häufig werden die kulturellen Eigenheiten beider Länder in Geschäftsbeziehungen völlig ignoriert. Welche kulturellen Unterschiede zwischen beiden Ländern bestehen und worin sie begründet sind, hat Nadine Soffel, Absolventin des Europäischen Studiengangs Management der Fachhochschule (FH) Bielefeld, in ihrer Diplomarbeit zur Interkulturellen Kompetenz am Beispiel des deutsch-französischen Managements untersucht. Ihre Erfahrungen während eines Praktikums in Los Angeles verstärkten den Wunsch, sich intensiv mit der kulturellen Thematik zu beschäftigen.
Auslöser, sich mit dem Thema Interkulturelle Kompetenz näher zu beschäftigen, waren verschiedene Auslandsaufenthalte während des Studiums unter anderem an der französischen Partneruniversität des Fachbereichs Wirtschaft in Valençiennes. "Ich nahm an, dass die Unterschiede nicht größer sein würden, als diejenigen, denen ich in Bayern begegnen würde. Schon am ersten Vorlesungstag habe ich aber gemerkt, dass hier die Uhren anders ticken". So sei es für sie eine harte Prüfung gewesen, gemeinsam mit französischen Studenten ein Referat zu verfassen.
Treffen Menschen mit unterschiedlicher kultureller Prägung aufeinander, ist es oft nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Probleme auftauchen. Wie kann man derartige Kollisionen vermeiden? "Der Schlüssel dazu ist die Interkulturelle Kompetenz", sagt Soffel. "Sich die fremden als auch die eigenen kulturellen Besonderheiten ins Bewusstsein zu rufen, um sich adäquat verhalten zu können."
Schon die Analyse der Grundwerte offenbarte erhebliche Unterschiede. Werden Deutsche beispielsweise hauptsächlich durch Geld motiviert, treibt Franzosen das Erreichen von Macht verbunden mit einer elitären Position an. Zu erheblichen Irritationen führe, so Nadine Soffel, die Personenorientierung der Franzosen, die zunächst bestrebt seien, eine persönliche Beziehung zum Gegenüber herzustellen, um das nötige Vertrauen für die anschließenden geschäftlichen Besprechungen aufzubauen. Die sachorientierten Deutschen bauten hingegen Vertrauen durch eine erfolgreiche fachliche Zusammenarbeit auf. "Franzosen empfinden das deutsche Vorgehen in Besprechungen sofort zur Sache zu kommen als plump. Und Deutsche werten den Versuch der Franzosen durch Small Talk eine stimmige Arbeitsatmosphäre zu schaffen als unprofessionell", erläutert Soffel.
So reagieren französische Geschäftspartner gerne auch ausweichend auf ausgearbeitete Konzepte, stellen bereits feststehende Ziele in Frage und bringen vollkommen neue Aspekte ins Spiel. Die Verhandlungspartner auf deutscher Seite sind verärgert und versuchen, die Diskussion wieder auf eine sachliche Ebene zu lenken. Das bringt wiederum die französischen Partner in Rage, die sich nicht verstanden fühlen. Ohne die Kenntnis der jeweiligen kulturellen Hintergründe sehen sich hier beide Seiten in ihren Vorurteilen bestätigt: Die Franzosen 'halten sich nicht an Abmachungen‛, die Deutschen gehen 'wie Dampfwalzen‛ vor. "Für Franzosen schafft die abstrakte, originelle Idee einen emotionalen Zugang zum Projekt, der essentiell für ihre Motivation ist. Deutsche argumentieren mit Zahlen und Fakten, planen vom ersten bis zum letzten Schritt", so Soffel. Man könnte es auch so ausdrücken: Deutsche wollen überzeugt, Franzosen verführt werden.
Die Ursache derartiger deutsch-französischer Unterschiede liegt in der verschiedenen Entwicklung der Staatsstrukturen, dem französischen Zentralismus und dem deutschen Föderalismus. Wie diese historischen Fakten das kulturelle Erbe prägen und das gegenwärtige Verhalten beeinflussen, hat Nadine Soffel in ihrer Arbeit fundiert herausgearbeitet. Ihr haben diese Erkenntnisse geholfen, sagt sie, kulturbedingte Konflikte, die sie während ihrer Auslandsaufenthalte erlebt hat, im Nachhinein als solche zu erkennen und kulturelle Unterschiede besser zu verstehen. Studierende, die einen Aufenthalt in Frankreich planen sowie Mitarbeiter von Unternehmen, die häufig mit französischen Geschäftspartnern zusammenarbeiten, können von ihren Erkenntnissen profitieren: Ihre Arbeit wird in der Bielefelder Schriftenreihe zur wirtschaftswissenschaftlichen Praxis, die die Fachhochschulgesellschaft fördert, veröffentlicht.