Bielefeld (fhb). Erst letzte Woche fegte noch ein Schneesturm über Jerusalem hinweg, während sich die Temperaturen in Bielefeld gerade so unter zehn Grad drängelten. Natalie Mizrahi (26) und Ori Elisar (31) finden das Wetter in Bielefeld gar nicht so schlecht. "Es darf jetzt nur nicht kälter werden, wir haben nicht so viel warme Kleidung dabei", lacht Natalie und zeigt auf ihren grauen Baumwollpulli. Für die letzten paar Tage muss das noch reichen. Anfang September sind die beiden mit einem NRW-Stipendium aus Israel nach Ostwestfalen-Lippe gekommen. Für ein Vierteljahr, um hier an der Fachhochschule Bielefeld zu studieren. Das ging für sie viel zu schnell vorbei. Die Zeit neben dem Studium haben sie gut genutzt und Bielefeld, Land und Leute ausgiebig erkundet: "Sauber und organisiert ist es in Deutschland und die öffentlichen Verkehrsmittel funktionieren einfach, das ist super", lobt Ori sein Gastland. Die größte Hürde, die deutsche Sprache, haben sie beide gemeistert, jeder auf seine eigene Art. Für Natalie geht es schon vor Weihnachten wieder zurück, Ori hingegen wird noch ein bisschen bleiben - den Schwarzwald will er mit seinen Eltern erkunden.
25 Studierende aus Jordanien und den Palästinensischen Gebieten bekommen jedes Jahr die Chance, für drei Monate in NRW zu studieren. Finanziert wird das Ganze mit 100.000 Euro von der Landesregierung. Ori studiert sonst in Jerusalem Grafikdesign und hat das am Fachbereich Gestaltung weitergeführt. Natalie hingegen kommt aus Tel Aviv und studiert dort Wirtschaftsingenieurwesen. Am Fachbereich Wirtschaft und Gesundheit hat sie an einigen Kursen in Strategischem Controlling, Produktmanagement und E-Business teilgenommen. "Es ist wichtig, dass wir Kurse finde, die mit den Seminaren an unseren Hochschulen zusammenpassen", erklärt die Studentin. Das hat geklappt. Ori gefällt, dass die Ausrichtung am Fachbereich Gestaltung ganz anders ist als zu Hause. "Hier liegt der Schwerpunkt viel mehr auf der Entwicklung von Grafikdesign, in Jerusalem wird hauptsächlich designed", sagt er.
Fachlich haben aber beide keine Probleme dem Unterricht zu folgen. Das größte Problem ist eher die Sprache. Für Natalie vor allem das Englische, denn sie selber spricht fast perfekt Deutsch. Ihre Mutter ist Deutsche und sie war öfter bei ihrer Tante in Waltrop. Das liegt nördlich von Dortmund. "Einige Seminare hier werden in Englisch gehalten, die Fachbegriffe sind teilweise schon schwer zu verstehen", erklärt sie. Ori hingegen spricht gar kein Deutsch. Er hat zwar einen Deutschkurs gemacht, schlägt sich aber hauptsächlich mit Englisch durch: "Wenn Leute Deutsch sprechen, kann ich das ein bisschen verstehen, aber ich kann nicht in Deutsch antworten." Es geht auch so ganz wunderbar.
Beide sind auch keine Deutschland-Neulinge. Sie hatten vorher schon mal großen deutschen Städten wie Düsseldorf, Köln, München, Stuttgart und Berlin einen Besuch abgestattet. Bielefeld war allerdings neu. Also nutzten sie die letzten drei Monate nicht nur zum Studieren, sondern haben auch ihre Gaststadt unter die Lupe genommen. "Als wir ankamen, war gerade der Weinmarkt in der Altstadt. Das war super, um das Eis mit den anderen Studierenden ein bisschen zu brechen", lacht Ori. Dann haben sie unter anderem am Bielefeld Oktoberfest teilgenommen, haben die Sparrenburg besucht und bei der Westend-Party der Uni mitgefeiert. "Ich konnte beim Uni-Sport meinem Hobby nachgehen und habe mich dort bei den Schwimmern angemeldet", berichtet Ori. "Und ich gehe gerne auf Konzerte und habe mir Karten für Bruno Mars, The Passenger und die Arctic Monkeys in Düsseldorf und Köln besorgt", erzählt Natalie.
Was beiden aber besonders gut gefällt ist die Natur und das Wetter in Bielefeld. "Hier ist es überall so grün und die Farben der Bäume im Herbst sind toll. Das hat irgendwie etwas Beruhigendes", sagt Ori.
Auch die Deutschen an sich seien ruhig. "Die Menschen in Israel sind offener und lauter, aber trotzdem ist die Atmosphäre hier super", erklärt Natalie. Beneidenswert sei die deutsche Trinkkultur, berichtet Ori, und auch beim Essen hätten sie nichts vermissen müssen. Da beide nicht nach den religiösen Speisegesetzen der Juden leben und auf koscheres oder unkoscheres Essen achten müssen, ist der Besuch in der Mensa kein Problem. Rund um sind sie sehr zufrieden mit ihrer Gaststadt.
Jetzt steht aber die Heimkehr kurz bevor. Dort wird Natalie ihr achtes und letztes Semester im Bachelor machen und dann die Bachelor-Arbeit angehen. In welche Richtung es danach gehen soll, weiß sie noch nicht. Ori ist jetzt im fünften Bachelor-Semester. Auch für ihn geht es in Jerusalem wie gewohnt weiter. Zurück nach Deutschland werden beide auf jeden Fall kommen. Natalie allein wegen ihrer deutschen Verwandtschaft, Ori wird bereits im Mai zurück sein. Dann aber in Berlin, auf einer Konferenz zu Typographie. Vielleicht machen beide ja auch nochmal einen Abstecher nach Bielefeld.