29.04.2011

FH-Professorin lehrt an Universität in Hongkong

Professorin Dr. Claudia Cottin vom Fachbereich Ingenieurwissenschaften und Mathematik der Fachhochschule (FH) Bielefeld hielt für zwei Monate an der City University of Hongkong (CUH) ein Intensivseminar zur Aktuar-Mathematik.

Bielefeld (fhb).  Anfang des Jahres 2011 hielt Professorin Dr. Claudia Cottin vom Fachbereich Ingenieurwissenschaften und Mathematik der Fachhochschule (FH) Bielefeld für zwei Monate an der City University of Hongkong (CUH) ein Intensivseminar zur Aktuar-Mathematik. Katharina Vokoun vom Ressort Hochschulkommunikation fragte sie nach ihren Erlebnissen.

Wie kam der Kontakt zur CUH zu Stande?
Ich habe den heutigen Mathematik-Dekan der CUH, Professor Ding-Xuan Zhou, an der Universität Duisburg kennengelernt. Damals haben wir dort beide wissenschaftlich gearbeitet. Ich war für ein Projekt tätig, in dem es um technische Anwendungen der Mathematik ging und Zhou hat nach mir das Projekt übernommen.

Was zeichnet die CUH aus?
Die CUH steht im internationalen Ranking ziemlich weit vorn, vor allem auf dem Gebiet der Mathematik. Meine chinesischen Professoren-Kollegen sind stolz, dass sie an dieser Weltklasse-Universität lehren und auch ich habe mich gefreut, dass ich als Gastdozentin eingeladen wurde. Für mich als Professorin der FH Bielefeld ist die CUH interessant, da das College of Science and Engineering unserem Fachbereich Ingenieurwissenschaften und Mathematik in vieler Hinsicht ähnelt. Es werden beispielsweise vergleichbare Studiengänge angeboten.

Welche Inhalte haben Sie den chinesischen Studierenden in Ihrem Kurs vermittelt?
Die Studenten des Master-Studiengangs "Mathematics for Finance and Actuarial Science" haben Informationen und Methoden zu Risikoabschätzungen und -berechnungen in verschiedenen Bereichen und vor allem die Risikomodellierung in Versicherungsunternehmen kennengelernt. In den Aktuarwissenschaften wird mathematisches Wissen mit juristischen und wirtschaftlichen Kenntnissen zum Finanz- und Versicherungswesen gekoppelt.

Wie wurden Sie von den Kolleginnen und Kollegen an der CUH aufgenommen?
Sehr gut. Sie haben sich um mein Arbeitsvisum gekümmert und ein Apartment auf dem Universitätsgelände für mich gemietet. Vor allem Letzteres war sehr hilfreich, da in Hongkong Wohnraum rar und teuer ist. Die Mathematiker haben außerdem zum Beispiel eine Wanderung organisiert. Dabei konnte ich die Kollegen privat kennenlernen - und der Blick aufs Meer war wunderschön.

Die CUH ist keine Partner-Hochschule der FH Bielefeld. Könnten sich zukünftig trotzdem Kooperationsmöglichkeiten ergeben?
Es gäbe beispielsweise die Möglichkeit, dass Masterstudenten der FH Bielefeld nach Hongkong gehen, um dort in einem gemeinsamen Forschungsprojekt mitzuwirken. Ich selbst habe ja jetzt bereits zum dritten Mal an der CUH gelehrt und kann mir gut vorstellen, für längere Zeit in Hongkong tätig zu sein. Ein Freisemester würde ich beispielsweise gern nutzen, um mit der CUH und einem in China ansässigen Unternehmen als Praxispartner zusammenzuarbeiten. 

Mit welchem Ziel sind Sie nach Hongkong gegangen?
Ich wollte Kontakte für Forschungsprojekte knüpfen und das ist mir auch gelungen. Für die Zukunft eröffnet das die Möglichkeit für Kooperationen, beispielsweise mit dem Forschungsschwerpunkt "Angewandte Mathematische Modellierung und Optimierung" der FH Bielefeld. Wichtig war mir auch die Auslandserfahrung, eine neue Kultur und ein anderes Bildungssystem kennen zu lernen.

Die chinesische Kultur unterscheidet sich stark von der deutschen. Welche Besonderheiten fielen Ihnen auf?
Zuerst einmal muss man wissen, dass Hongkong in China eine Sonderstellung einnimmt. Sie haben mit dem Hongkong-Dollar eine eigene Währung, sprechen Kantonesisch, was sich vom hochchinesischen Mandarin sehr unterscheidet und haben auch eine abweichende Schriftvariante. Ich brauchte sogar ein extra Visum, als ich Hongkong für einen Ausflug ins sogenannte Mainland-China verlassen habe..  Aufgefallen ist mir auch, dass man höflichkeitshalber Gegenstände, wie etwa beim Einkaufen die Geldkarte oder das Geld, immer mit beiden Händen geben und nehmen sollte. Aber die Globalisierung  beeinflusst die Umgangsformen stark. So haben mir bei meinem jetzigen Besuch einige Kassiererinnen das Geld mit einer Hand gegeben, was vor wenigen Jahren wohl noch undenkbar war. Ein echtes Problem war für mich, dass die Häuser in Hongkong nicht mit Heizungen ausgestattet sind. Zeitweise war es nämlich noch ziemlich kalt. Für die Chinesen ist es normal, im Mantel in der Wohnung zu sitzen. Ich habe dann glücklicherweise einen Heizstrahler bekommen, ein absoluter Luxus. Kultureller Höhepunkt meines Aufenthaltes war das Fest zum chinesischen Neujahr, das aufgrund des chinesischen Kalenders erst im Februar stattfindet. Da das Jahr des Hasens eingeläutet wurde, trugen manche Frauen und Männer Hasenohren und die Straßen waren geschmückt mit - teilweise recht kitschigen - Hasenfiguren. Ich hatte aber auch Gelegenheit, traditionelle chinesische Neujahrsbräuche kennenzulernen, wie etwa die typischen Löwen- und Drachentänze, und einem wunderschönen Neujahrsfeuerwerk beizuwohnen.

Was unterscheidet den Hochschulbetrieb in China von dem in Deutschland?
An der Universität sind alle sehr strebsam. Die Chinesen arbeiten viel und sind engagiert. Zudem sind die Hierarchien stärker zu spüren. Die Studenten sind sehr höflich und bedanken sich bei den Professoren für den Unterricht. Andererseits ist es schwerer, die Studenten aus der Reserve zu locken, sie dazu zu bringen, dass sie Fragen stellen und aktiv mitarbeiten. Durch die Globalisierung gleicht sich das Verhalten aber an und die Studenten werden fordernder. Auffällig ist auch, dass die Kommerzialisierung der Bildung weit fortgeschritten ist. Das nationale und internationale Ranking der Hochschule spielt eine große Rolle. Gewöhnungsbedürftig ist, dass im Unterricht aber auch unter Freunden immer zuerst der Nachname und dann der Vorname genannt wird. Generell fand ich die chinesischen Namen sehr kompliziert und ich konnte mir diese nur schwer merken. Das war vor allem in meinem Seminar ein kleines Problem, wo etwa 30 Studierende vor mir saßen. Glücklicherweise geben sich die Chinesen oft zusätzlich englische Voramen, die ich dann in meinem Kurs verwenden durfte.

Die Chinesen geben sich also westliche Namen. Haben Sie umgekehrt auch einen chinesischen Namen?
Ja, mein chinesischer Name wird Ke-Di-Ya ausgesprochen. Den habe ich mit meiner Chinesisch-Lehrerin, mit deren Hilfe ich seit einem Jahr die Sprache lerne, kreiert. Meine Sprachkenntnisse habe ich übrigens bei diesem Aufenthalt erstmals in der Praxis getestet. Die S-Bahn war ein guter Lernort. Meine Lehrerin hatte mir für typische Durchsagen in der S-Bahn die Schriftzeichen und die Lautsprache aufgeschrieben. Trotzdem war es schwierig und gerade am Anfang half mir für das Verständnis vor allem, dass in der S-Bahn nach der chinesischen Durchsage auch noch eine englische folgte. Aber zum Schluss konnte ich Sätze wie "Die Tür schließt" oder "Im Zug ist Essen und Trinken verboten" schon recht flüssig sprechen. Ich möchte die Sprache unbedingt noch besser lernen, da man sich über die Sprache kulturell dem Land nähert. Die Sprache ist meines Erachtens ein wichtiger Schlüssel, um das Land zu verstehen.