Geben und Nehmen – Begegnungen mit der fremden Normalität Juchitáns
Unter dieser Themenstellung steht die neue Ausstellung der Galerie Zentralverwaltung der Fachhochschule (FH) Bielefeld, die Rektorin Professorin Dr. Beate Rennen-Allhoff am Mittwoch, 4. Juni 2003 eröffnet.
Rituale, Reichtum und die Menschen in der mexikanischen Kleinstadt Juchitán werden mit Fotos, Bildern und Exponaten vorgestellt. Eingebunden ist die Sonderausstellung "Farbenspiel" - Gemälde zeitgenössischer Künstler aus Juchitán, Schule Franzisco Toledo. Stefanie Neumann, Studierende aus dem Fachbereich Sozialwesen, stellt an diesem Tag das Projekt "Lebenswelten in Lateinamerika" aus dem Studienschwerpunkt Gobal Social Work - Interkulturelle Soziale Arbeit vor. Die Ausstellung ist bis zum 17. September 2003, werktags von 09:00 bis 15:00 Uhr in der FH Bielefeld, Rektorat/Zentralverwaltung, Gebäude D, 1. Etage, Kurt-Schumacher-Straße 6 in Bielefeld geöffnet.
Zu ihrer Ausstellung schreibt Professorin Dr. Cornelia Giebeler, Fachbereich Sozialwesen:
"Die von Zapoteken geprägte mexikanische Kleinstadt Juchitán
Wertvolle Trachten, kämpferische Menschen, handelnde Frauen, akzeptierte Muxe, Widerstand gegen jedwede Dominanz von außen, das sind die Zuschreibungen in Mexiko, die schon Frida Kahlo anregten, sich in der Tracht der Zapotekinnen zu kleiden.
Es ist erstaunlich: Im Süden Mexikos, der Region mit der größten Analphabetenrate und der bittersten Armut Mexikos, ist es dem Volk der Zapoteca gelungen, durch seine Kultur des Gebens und Nehmens kulturell und ökonomisch relativ selbstständig zu bleiben.
In der Begegnung mit den Zapotekinnen entschlüsselt sich uns eine fremde Normalität, in der mehrere Geschlechter leben, Marktfrauen den Handel bestimmen, Frauen das Geld einnehmen und verwalten. Dreitägige Feste für mehrere tausend Menschen sind nichts Ungewöhnliches. Köchinnen, Hebammen und spirituelle Heilerinnen sorgen für Gesundheit und psychisches Wohlergehen.
Sind Feste bei uns Ausdruck von Freude und Gemeinschaftsgefühl, bieten die Feste in Juchitán darüber hinaus eine Basis der Ökonomie sowie des kulturellen und sozialen Austausches. Tausende von Menschen treffen sich auf den 36 großen Nachbarschaftsfesten - die vor allem im Mai vor dem großen Regen stattfinden - und feiern ihre Heiligen oder ihren Berufsstand. Und damit die geleistete Arbeit der Frauen für das Fest auch öffentlich gewürdigt wird, gehört der dritte Tag ihnen: Sie feiern ihr Fest des "Töpfewaschens", die "Llavada de las Ollas".
Ihre Trachten entstehen mit großem Aufwand. Für jeden Anlass gibt es eine besondere zweite Haut, in die sie dem Anlass gemäß schlüpfen. Doch die gleichen Frauen tragen auch Jeans und Minirock, wenn sie sich zum Tanz der Jugend auf dem Dorfplatz versammeln.
Essen und alles was damit zusammenhängt hat einen großen Stellenwert. Dick-Sein ist schön, Essen geben ist ein Wert. Die Fülle der Gaben während der Feste steht in krassem Gegensatz zur sparsam-puritanischen Alten Welt.
Während Männer die landwirtschaftlichen Grundstoffe liefern, verarbeiten die Frauen Fisch, Fleisch, Mais, Obst und Gemüse weiter und verkaufen diese Produkte auf dem Markt, ebenso wie die handwerklichen Arbeiten ihrer Männer und Brüder.
Gespart wird in Gold und Schweinen: Der Reichtum an Goldmünzen der Tehuanas wurde bereits Anfang des 20. Jahrhunderts mit Erstaunen und Bewunderung zur Kenntnis genommen.
Hinter den Eindrücken von dem zapotekischen Leben steht eine komplexe Gesellschaftsform, in der Geschlechter, Markt und Spiritualität bemerkenswert sind und das rituelle Geben und Nehmen bislang zum Wohlergehen aller beiträgt.
Sonderausstellung "Farbenspiel" Gemälde zeitgenössischer Künstler aus Juchitán, Schule Franzisco Toledo
Aus der kleinen Werkstatt in dem Kulturhaus von Juchitán sind viele verschiedene künstlerische Arbeiten hervorgegangen. Die Arbeit - oft unter freiem Himmel - hat Ende der 1980er Jahre "Die jungen Maler von Juchitán" hervorgebracht. Anfang der 1990er Jahre bereits ist diese Malergruppe weit über Juchitán und den Isthmus von Tehuantepec hinaus bekannt und wird zu Ausstellungen in allen großen Städten Mexikos, in den USA, Japan, Frankreich, Deutschland und vielen anderen Ländern eingeladen.
Die Künstler folgen in kritischer Auseinandersetzung der Spur von Franzisco Toledo, ebenfalls "Juchiteco", der heute als einer der bekanntesten zeitgenössischen Maler Mexikos gilt. Seine Ausstellung war im vergangenen Jahr in Bielefeld zu sehen. In der Auseinandersetzung mit dem älteren Maler aus Juchitán wurde von den "Jungen" Neues geboren.
Delfino Marcial Cerqueda und Franzisco Javier Santiago Regalado sind zwei Künstler aus dieser Gruppe, die sich längst auch in Einzelausstellungen international einen Namen gemacht haben.
In der Sonderausstellung werden Ölgemälde von Franzisco Javier Santiago Regalado gezeigt sowie Zeichnungen und Drucke von Delfino Marcial Cerqueda. In den Arbeiten von beiden bleibt die Verbundenheit mit der "Tierra" - der Erde, aus der sie stammen - ein Motiv. So nennt Cerqueda einen Zyklus von Zeichnungen "La Poetica de la Tierra" - Die Dichtkunst der Erde. Regalados Titel sind in Zapoteco verfasst, wie "S`canda": der Traum, oder "Nica`nazaa Lu Yuba": Er, der in Schmerzen geht. Gemeinsam ist den Arbeiten die Farbigkeit, die an die bunten Trachten und schillernden Rituale im juchitekischen Alltag erinnert und der Ausstellung den Titel "Farbenspiel" verleiht.
In dem Kulturhaus Juchitáns traf und trifft sich nicht allein die künstlerische Avantgarde des Isthmus von Tehuantepec. Viele Künstler aus dem Ausland kommen hierher, um zu arbeiten, auszustellen und im Kontakt mit den Einheimischen in der staubigen oder von tropischen Regenfällen durchweichten Erde ihre Kreativität zu entfalten.
Einer der regelmäßigen und langjährigen Besucher ist der japanische Maler Shinobu Tobita, der heute die Kunstschule "Die Welt" in Shizuoka/Japan, leitet. In Juchitán hat er eine Werkstatt für plastische Kunst aufgebaut und den Kindern und Jugendlichen des auf der anderen Seite des Flusses liegenden Stadtteils Cheguigo Grundfertigkeiten künstlerischen Ausdrucks vermittelt.
Er selbst hat in vielen Städten Mexikos in der Tradition von Diego Rivera Wandgemälde angefertigt - ein Originalentwurf wird in der Ausstellung gezeigt - und die zapotekischen Traditionen künstlerisch festgehalten."