Woche der Wissenschaft: Endlich Unternehmer – Erfahrungen auf dem Chefsessel
Absolventinnen und Absolventen aus den verschiedenen Fachbereichen der FH Bielefeld berichteten im Rahmen der Bielefelder Hochschulwoche über ihre Existenzgründungen.
Absolventinnen und Absolventen aus den verschiedenen Fachbereichen der FH Bielefeld berichteten jetzt im Rahmen der Bielefelder Hochschulwoche über ihren Weg vom Studium hin zum erfolgreichen eigenen Unternehmen. In seiner Begrüßung hob Professor Dr. Uwe Rössler, Prorektor für Lehre, Studium und Studienreform, die Bedeutung von Unternehmensgründungen hervor. Zwei Drittel aller Beschäftigten arbeiteten in mittelständischen Unternehmen. Der Mittelstand stelle 80 Prozent aller Ausbildungsplätze. Um Studierende noch besser zu qualifizieren, "damit sie ihre Ideen nach dem Studium im eigenen Unternehmen erfolgreich umsetzen können," so Rössler, "werden wir in allen Fachbereichen ein interdisziplinären Angebot einrichten, das von Veranstaltungen der Betriebswirtschaftslehre über Fremdsprachen bis zu Gesprächskreisen mit Unternehmern alles umfasst, was Studierende auf die Selbstständigkeit vorbereitet". Als Ergänzung werden in Zusammenarbeit mit dem Technologiezentrum Existenzgründerseminare angeboten, in denen Fachleute die angehenden Unternehmer beim Erstellen des Businessplans beraten.
Der Weg zum eigenen Unternehmen verlief bei allen vier Ehemaligen der FH Bielefeld sehr unterschiedlich. Annette Görtz studierte am Fachbereich Design und führt heute mit ihrem Mann Hans-Jörg Welsch die Görtz-Welsch-Modedesign GmbH, Gütersloh. Sie entwirft unter dem eigenen Label Annette Görtz zwei Kollektionen pro Jahr mit mehr als 140 Modellen pro Saison. Um erfolgreich zu sein, müsse man vieles "selbst" und das auch noch "ständig" tun. Ihr Rat an angehende Existenzgründer: Den Schritt in die Selbstständigkeit möglichst früh angehen. Nach Jahren beruflicher Tätigkeit in der Industrie habe man einen oft einen Lebensstandard mit vielen Annehmlichkeiten erreicht, die den Schritt in die Selbstständigkeit erschweren könnten. Ein eigener Stil, eine Marktnische seien Voraussetzung für die ersten Schritte. Stellt sich dann Erfolg ein, solle man sich vor zu viel Euphorie hüten. Von Saison zu Saison zu arbeiten, das Wachstum bewusst zu kontrollieren und zu steuern sei wesentlich, um auch dauerhaft erfolgreich arbeiten zu können. Da sie wie viele Kreative nicht gut mit Zahlen umgehen könne, ist ihr Partner Hans-Jörg Welsch für den kaufmännischen Bereich zuständig.
Völlig anders verlief der Werdegang von Bernd Ermshaus, Geschäftsführer der Kunststoff Recycling und Service GmbH, Spenge. Nach der mittleren Reife absolvierte er eine Lehre zum Speditionskaufmann und erwarb auf dem 2. Bildungsweg die Fachhochschulreife. Nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre arbeitete er zunächst in einem Bekleidungsgroßhandel als Assistent der Geschäftsleitung. In seinem letzten Job als Vertriebsleiter habe er sehr selbstständig arbeiten können und gemerkt, dass er gut auf Menschen zugehen könne. Als leidenschaftlicher Motorradfahrer diskutierte er mit Freunden den Plan, ein Motorradfachgeschäft zu eröffnen. Doch der Plan erwies sich als nicht tragfähig. Durch Kontakte im Freundeskreis kam Ermshaus dann auf den Bereich Kunststoff-Recycling. Anfangs verarbeitete das 1991 gegründete Unternehmen Ausschuss-CDs zu Granulat, aus dem Bestandteile für CD-Verpackungen hergestellt werden konnten. Den CD-Herstellern wurde so ein geschlossener Kreislauf angeboten. Inzwischen verarbeitet das Unternehmen ca. 2.600 t verschiedener Kunststoffe zu Granulat. 13 Mitarbeiter arbeiten im Dreischichtbetrieb. Da die Arbeitsbelastung immer größer wurde, stellte Ermshaus, der bis zu diesem Zeitpunkt alle Funktionen wie Einkauf, Verkauf, Produktionsplanung, technische Leitung selbst übernommen hatte, 1997 einen technischen Leiter ein. Dies sichere auch die Existenz des Unternehmens, falls er selbst einmal durch Krankheit oder einen Unfall ausfalle. Den Schritt in die Selbstständigkeit habe er trotz aller Arbeitsbelastung bis heute nicht bereut.
Aus dem Studium heraus haben sechs ehemalige Studierende des Studiengangs Produktentwicklung im August 2002 die Ceres Vision GmbH gegründet. Das erfolgreiche selbstständige Arbeiten an Drittmittelprojekten im Labor für Bildverarbeitung habe die Idee reifen lassen, ein eigenes Unternehmen zu gründen, beschreibt Jan M. Böske, Geschäftsführer der Ceres Vision, die "Initialzündung". Unterstützt wird das Team von Professor Dr.-Ing. Reinhard Kaschuba, der in der Branche vor seiner Berufung an die FH Bielefeld als Businesscenter-Leiter in mehreren international tätigen Unternehmen beschäftigt war. Ebenfalls beteiligt ist die Hettich-Gruppe aus Kirchlengern. In der Region ist die Ceres Vision das größte Unternehmen, das Lösungen im Bereich der industriellen Bildverabeitung für stückweise produzierte Güter anbietet. Die Anlagen werden in der Qualitätssicherung eingesetzt zur Montagekontrolle, für Vermessungsaufgaben, zur Anwesenheitsüberprüfung und Oberflächeninspektion. Zugunsten der Unternehmensgründung stehe der Studienabschluss ein wenig hintenan. Seit einem Jahr sei er schon "scheinfrei", so Böske. Im September werde er aber sein Diplom abgeschlossen haben. Die Ausbildung im 1996 eingerichteten Studiengang Produktentwicklung habe die Grundlagen gelegt für den Schritt in die Selbstständigkeit. Neben der eigenen Motivation - Böske stammt aus einer Unternehmerfamilie - seien das Team und die Geschäftsidee wesentliche Faktoren für den Erfolg. Und im Falle von Ceres Vision auch die Tatsache, dass man Geldgeber gewinnen konnte, da bis zur erfolgreichen Installation einer Anlage erheblicher finanzieller Aufwand nötig sei.
Seinen ursprünglichen Berufswunsch Tierarzt zu werden, konnte Peter Zickermann nicht verwirklichen. Eine Pferdehaarallergie machte ihm einen Strich durch seine Pläne. Bei der Bundeswehr als Zeitsoldat reifte die Idee, Grafikdesigner werden zu wollen. Während des Studiums an der FH Bielefeld kaufte sich Zickermann mit einer Kommilitonin zusammen einen damals noch sehr teuren Mac, um schneller lernen zu können. 1990 boten sie für ein Unternehmen einen Workshop an zur Erstellung von Geschäftsberichten. Als Honorar gab es einen gebrauchten Laser-Drucker. "Um diesen Deal abwickeln zu können, meldete ich mich beim Finanzamt selbstständig", so Zickermann. "Von da ab schrieb ich Rechnungen mit Mehrwertsteuer." In seiner beruflichen Praxis arbeitete Zickermann phasenweise als freier Mitarbeiter, dann wieder in Festanstellung. Eine prägende Reise nach China führte zu verschiedenen Kontakten und Projekten - so unter anderen das Buchprojekt "China Packaging", das von der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet wurde. "Es war mir immer wichtig neben der Festanstellung eigene interessante Projekt zu bearbeiten". 1998 ließ sich Zickermann als selbstständiger Grafikdesigner in Bielefeld nieder. Die freie Mitarbeit für A3 Büro für visuelle Kommunikation GmbH führte schließlich zum Einstieg ins Unternehmertum. Seit Sommer 2002 ist Zickermann geschäftsführender Gesellschafter bei diesem Unternehmen. Das Angebot, als Partner einzusteigen, habe ihm die Möglichkeiten geboten, "meine Tätigkeiten und Perspektiven mit der funktionierenden Grundstruktur eines erfolgreich arbeitenden Büros zu verbinden".