17.12.2013

Massive Open Online Courses mit massiven Mängeln

Prof. Dr. Jörn Loviscach referiert über MOOCs und "andere Mythen".

Mit dem treffenden Titel "Massive Kurse und andere Mythen" präsentierte Prof. Dr. Jörn Loviscach am 4. Dezember am Fachbereich Ingenieurwissenschaften und Mathematik - IuM - seine Sicht auf die Möglichkeiten und Grenzen aktueller E-Learning-Trends. Seit gut einem Jahr geistern die MOOCs - Massive Open Online Courses - durch die Medien. Bezeichnet wird damit eine spezielle Form von Onlinekursen mit einer theoretisch unbegrenzten Teilnehmerzahl. "MOOCs kombinieren traditionelle Formen der Wissensvermittlung wie Videos, Lesematerial und Problemstellungen mit Foren, in denen Lehrende und Lernende miteinander kommunizieren und Gemeinschaften bilden können", erklärt Wikipedia unter diesem Stichwort.

Jörn Loviscach spricht von einer "MOOC-Industrie", deren Vorläufer erstaunlicherweise in Form von Vorlesungen per Fernsehen bereits im Jahr 1958 gestartet sind. Ein typisches Beispiel für eine private Online-Akademie sei Udacity, wo Loviscach im Sommer 2012 selbst ein MOOC zum Thema "Differentialgleichungen" aufgenommen hat. Sein MOOC setzt sich zusammen aus Videophasen, gemischt mit vielen Aufgaben und ergänzt durch ein Forum als Austauschmöglichkeit.

Loviscach widerlegt mit einfachen Beispielen "die Mär von der Bildungsrevolution" durch die MOOCs genauso wie die daraus resultierende, angebliche Demokratisierung der Bildung. Die Nutzenden kämen vielmehr aus den Kreisen der Vorgebildeten, also Leute mit mindestens einem Hochschulabschluss, so Loviscach. Zudem belegten die von ihm vorgestellten Statistiken aus den USA, dass es von den Anmeldezahlen bis zu den Abschlusszahlen mit ausgedrucktem Zertifikat "einen erdrutschartigen Schwund gibt", so Mathematiker Loviscach. Ein Geschäftsmodell für die Produzenten der kostenlosen Kurse sei, überwachte Prüfungen anzubieten - das aber gegen Bezahlung. Auch die Anerkennung "dieser Zettel", wie Loviscach sagt, halte er in Deutschland trotz Beweislastumkehr nach dem Lissabon-Abkommen für nicht so einfach.

Mit kritischen Tönen skizziert er die Illusionen dieses MOOC-orientierten Lernens und Lehrens. Vom "trügerischen Nimbus der Star-Professoren" spricht Loviscach in diesem Zusammenhang ebenso wie vom "Studium als Halbzeit-Job" unter Verweis auf die "Zeitlast"-Studie von Prof. Rolf Schulmeister und Dr. Christiane Metzger.

Seit einigen Jahren führt Loviscach seine Mathematik- und Informatikveranstaltungen mit dem "Inverted Classroom-Model" durch, auch als "Flipped Classroom" bezeichnet und auch eine alternative MOOC-Form. Dieser so genannte umgedrehte Unterricht bezeichnet eine Lehrmethode des integrierten Lernens, die im Jahre 2000 erstmals publik gemacht wurde. Für diese Umkehrung verwendet Loviscach seine aufgezeichneten Videos, die er über YouTube und die Technische Informationsbibliothek Hannover sowie überarbeitet und erweitert mit integrierten Quizzen über die eigens von Saarbrücker Studenten auf die Beine gestellte Plattform Capira (http://www.capira.de) zur Verfügung stellt.

Mithilfe seiner öffentlich zugänglichen Unterlagen können sich seine Studierenden den Vorlesungsstoff ganz bequem und zeitlich unabhängig zu Hause erarbeiten und so auf die kommende Sitzung mit ihrem Professor vorbereiten. In der wertvollen Seminarzeit bearbeiten die Studierenden dann anhand von Aufgaben und praktischen Beispielen verschiedene mathematische, physikalische oder technische Probleme. "Dadurch üben sie die Felder der Mathematik sowie der Informatik nicht nur ein, sondern durchdenken gemeinsam mit ihrem Professor auftauchende Fragen und diskutieren Lösungswege", so Loviscach. Und er bekräftigt sein methodisches Vorgehen: "Für mich steht die möglichst individuelle Betreuung der Studierenden sowie der gegenseitige Austausch im Vordergrund."

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Aufzeichnung des Vortrags: http://youtu.be/lDL6pg6LMJ4

Aktuelles, frei zugängliches Buch zum Thema MOOCs, mit Beiträgen von Prof. Dr. Jörn Loviscach:

http://www.waxmann.com/fileadmin/media/zusatztexte/2960Volltext.pdf

Text: Wencke Meckenstock