Ausstellung in Berlin ab 24. April: HSBI-Gestaltungsprof. Herwig Scherabon betreibt „Künstlerische Forschung“ und arbeitet mit (toten) Körpern und Technologie
„Le Chat“, das französische Pendant von ChatGPT, schreibt über „Künstlerische Forschung“, dass es darum gehe, „durch künstlerische Prozesse neues Wissen zu erzeugen und zu reflektieren – nicht nur als Ergebnis, sondern auch als Teil des Forschungsweges selbst“. In seinem Projekt „The Clinic of the Unbodied“, das zurzeit in verkleinerter Form im Berliner Studio Schuetzenverein unter dem Titel „Attemps at a Body“ zu sehen ist, beschäftigt sich Prof. Herwig Scherabon von der Hochschule Bielefeld mit Tierknochen und assembliert sie in Skulpturen zusammen mit technischem Equipment. Seine Fragen lauten: Wie werden Körper in unseren Systemen geformt, technisiert und kontrolliert? Seinen künstlerischen Forschungsansatz will er auch seinen Studierenden nahebringen und aufzeigen, dass sie etwas können, was KIs nicht vermögen.In seiner Arbeit durchdringt Scherabon künstlerisch forschend Themen wie Zucht und Euthanasie und stellt die drängende Frage, wie Technologie unsere Wahrnehmung und die Körper selbst verändert hat – und weiter deformiert.
Bielefeld (hsbi). Wo hört der menschliche Körper auf? An seinen Fingerspitzen doch wohl … Oder gehören all die Geräte, die er mit ihnen bedient, auch noch dazu? Womöglich sogar alles, was er auf diese Weise bewirkt? „Für mich ist zum Beispiel das Smartphone eine Erweiterung des Mensch-Seins“, sagt Prof. Herwig Scherabon vom Fachbereich Gestaltung der Hochschule Bielefeld (HSBI) und hier mitverantwortlich für die Studienrichtung Digital Media and Experiment (DMX). Er folgt damit gezielt dem britischen Evolutionsbiologen Richard Dawkins, der den Biberbau als Verlängerung des Biber-Seins beschrieb – samt Impact auf das Ökosystem.
Hier beginnt für Scherabon „Künstlerische Forschung“. An der Schnittstelle von Körper und Technologie. Und mit einer Absage an anthropozentrische Sichtweisen. Zur Illustration verweist der 37-Jährige gerne auf die Tatsache, dass der Mensch ohne die etlichen Billionen von Pilzen und Bakterien in seinem Darm gar nicht lebensfähig wäre. „Bei genauerer Betrachtung offenbart sich der Körper eher als temporäre Allianz denn als souveränes Subjekt“, sagt Scherabon. „Wir leben in der Regel nicht in dem Bewusstsein, dass wir in unmittelbarer körperlicher Verbindung stehen mit unserer Umwelt. Wir sehen zum Beispiel Natur als etwas Separates. Meine Kunstwerke laden dazu ein, eine andere Perspektive einzunehmen, zu transzendenten Erfahrungen, Bewusstseinserweiterungen oder sich in fremde Lebensformen einzufühlen.“
Wie verändert und deformiert Technologie unsere Wahrnehmung und Körper?
Die Arbeit war bereits im Herbst 2025 in Berlin zu sehen, eine reduzierte Version wird nun erneut gezeigt..
So ein „empathischer Prozess“ kann bisweilen geradewegs in die eigene Dunkelheit führen. Das geschieht etwa bei Herwig Scherabons Ausstellung „The Clinic of the Unbodied“. Diese Arbeit war im Herbst 2025 in Berlin zu sehen und kehrt nun in einer kleineren, leicht modifizierten Schau vom 24. bis zum 26. April noch einmal in die Hauptstadt zurück (s. Infokasten). „Clinic bezeichnet für mich ein System, in dem Untersuchungen stattfinden, Fürsorge ausgeübt wird – aber eben auch Gewalt“, sagt Scherabon. Künstlerisch forschend durchdringt er Themen wie Zucht und Euthanasie und stellt die drängende Frage, wie Technologie unsere Wahrnehmung und die Körper selbst verändert hat – und weiter deformiert.
Zehn Skulpturen bilden die „Clinic of the Unbodied“. Jedesmal treten die Knochen von Tieren in Verbindung mit technischen Utensilien, medizinischen Instrumenten und algorithmischen Signalen. Man sucht nach den „Lebewesen“ in diesen prothetischen Konstruktionen, wobei sich deren „Körper“ aber nur immer weiter in Beziehungsgeflechten auflösen. Für die Arbeit „I Wish This Would Be The Shape of You“ etwa hat Herwig Scherabon die Wirbelsäule eines Hundes kreisförmig re-arrangiert und an die Stelle des Kopfes ein Display gesetzt. „Der Mensch projiziert seine Wünsche und Vorstellung auf andere Lebensformen“, erklärt er dazu. „Nur so konnte über die Jahrtausende der Wolf zum Chihuahua werden.“
Nicht die Skulpturen sind verstörend, sondern die Systeme dahinter
Die vordergründige Kälte und Distanz dieser Werke ist wohlkalkuliert, und das kann beim Betrachter durchaus Verstörung auslösen. „Das liegt jedoch nicht an der Kunst selbst, sondern daran, dass die Systeme, die hier ans Tageslicht kommen, verstörend sind“, so der HSBI-Professor. „United in Signals“ heißt eine andere Arbeit, in der Scherabon die Rückgrate eines Schweins und eines Ferkels zu einer materiellen Einheit verschaltet. Dabei wird Beziehung als etwas verstanden, das sich in Strukturen einschreibt und als Signal fortbesteht. Was hier wie, warum und worüber kommuniziert, bleibt dem eigenen Einfühlungsvermögen überlassen.
Alles, was auch nur einen Hauch von Metaphorik ausströmen könnte, vermeidet Herwig Scherabon. „Künstlerische Forschung ist eine epistemische, nach Erkenntnis suchende Praxis“, unterstreicht er. „Dabei geht es nicht um die Darstellung oder Illustrierung von Wissen, sondern um das Generieren von Wissen durch praktische Anwendung. Erkenntnisse entstehen auch nicht erst über die Vermittlung durch Text, sondern direkt im künstlerischen Objekt. Es ist damit Teil eines Denkprozesses.“
Die Materialien stammen aus Baumarkt, Wald und Familienarchiv
„Ich glaube, dass alle Materialien mit einer eigenen Geschichte daherkommen und es interessant ist, genau hinzuhören.“
Prof. Herwig Scherabon
Scherabon ist von der Wirksamkeit der Materialität überzeugt. „Material Magic“ nennt er das. „Und wenn ich als Künstler Materialien in eine Assemblage gebe, entsteht eine Begegnung“, sagt er. „Ich glaube, dass alle Materialien mit einer eigenen Geschichte daherkommen und es interessant ist, genau hinzuhören. Meinen Studierenden sage ich immer: Bitte sammelt, macht Recherche, und dann lasst euch von diesem Material leiten!“ Er selbst wird häufig im Baumarkt fündig. „Tatsächlich gehe ich eher selten beim Künstlerbedarf shoppen. Der Baumarkt-Besuch ist für mich so eine Art Meditation. Dort gehen die Menschen ja meistens hin, weil sie ein schönes Projekt haben. Diese Atmosphäre inspiriert mich.“
Anderes Material wiederum weist tief hinein in die eigene Biografie. „Einige der Knochen für ‚The Clinic of the Unbodied‘ habe ich auf Wanderungen gefunden – und im Familienarchiv“, erzählt Herwig Scherabon. „Mein Urgroßonkel hat in der Nazizeit als Tierarzt gearbeitet. Von ihm stammen die Primatenschädel und die handgeschriebenen Notizen, die ich in meiner Installation ‚Stolen Bodies‘ verwendet habe.“ Der Zusammenhang mit der oft ethisch fragwürdigen Herkunft dieser Körperteile ist in ebendiesem Werk aufgearbeitet. Auch die Überreste eines toten Rehs, das er im Wald gefunden hat, fanden ihren Weg in die Ausstellung. „Dazu musste ich mich mit taxidermischen Prozessen auseinandersetzen – also schon ziemlich ekelhaft“, sagt Scherabon.
Die Herausforderung ist, nicht ins Gestalten abzurutschen
Für die Arbeit „I Wish This Would Be The Shape of You“ hat Scherabon die Wirbelsäule eines Hundes kreisförmig re-arrangiert und an die Stelle des Kopfes ein Display gesetzt.
So wird der künstlerische Prozess nicht zuletzt Forschung an sich selbst. „Es gab bei mir im Studio viele interessante Momente, wenn ich zum Beispiel Tierknochen zersägen musste“, erzählt er. „Das sind ja gewalttätige Eingriffe an Körpern, die einmal ein Leben hatten. Diese Arbeit mit Material, das herumgelaufen ist, gegessen hat, sich reproduziert hat, war auch eine erkenntnisreiche Übung in Empathie für mich.“
Der konstruktive Bau der Skulpturen stellte eine besondere Herausforderung dar. „Als gelernter Architekt habe ich ein Notizbuch voller Zeichnungen mit Schrauben, Dimensionen und Abmessungen“, erzählt Scherabon. „Die technische Planung ist für mich kein Problem. Man ertappt sich jedoch immer dabei, wie man ins Gestalten abrutscht. Bei der Künstlerischen Forschung geht es aber mehr um das Aufzeigen von Methoden und Prozessen. Es ist daher sehr wichtig, dass man technisch bleibt. Das Konzept für ‚The Clinic of the Unbodied‘ wäre viel schwerer lesbar, wenn es ästhetisiert wäre.“
Eine ehemalige Tierarztpraxis wird zum passenden Schauplatz
Sogar der Ausstellungsort spielte seine Rolle in dem Forschungsprojekt. „Durch einen tollen Zufall bin auf die Veterinary gestoßen, eine ehemalige Tierarztpraxis am Prenzlauer Berg, vermittelt durch die Non-Profit-Organisation Culterim“, sagt Scherabon. „Ich finde es immer interessanter, wenn sich Ausstellungen in geschichtsträchtigen Räumen abspielen. Sie werden dann Teil der Geschichte, die wir als Künstler erzählen.“
Zehn Skulpturen bilden die „Clinic of the Unbodied“. Die Arbeit ist in einer kleineren, leicht modifizierten Schau vom 24. bis zum 26. April 2026 noch einmal in Berlin zu sehen.
Herwig Scherabons Studierende kommen an seiner Künstlerischen Forschung gar nicht vorbei. „Meine neuen Seminarformate sind immer sehr aktuell mit meiner eigenen Praxis verbunden“, sagt er. Vor allem geht es ihm um die Vermittlung einer bestimmten Denkweise: „Unsere Absicht ist es allerdings nicht, Künstlerinnen und Künstler auszubilden. Auch keine reinen Gestalter, sondern Menschen, die verstehen, was ihre Gestaltung bewirkt. Gestaltung ist an der HSBI eine Form des Denkens. In meinem Fall kommt noch ein philosophisches Fundament hinzu.“ Ganz gleich, ob die Absolvent:innen später in Design- und Medienagenturen arbeiten, für Ausstellungen, Messen oder in der Szenografie – entscheidend sei, dass sie wissen, wie sie ein Projekt von der Recherche über das Konzept bis zur praktischen Umsetzung durchdenken können. Scherabon: „Das ist eine Kompetenz, die eine KI vielleicht nie besitzen wird.“
Die schlauesten Studierenden fragen gleich nach der nächsten Professor:in
Recherche, Konzept, Umsetzung – das sind die drei methodischen Säulen, auf denen sowohl beim Professor, als auch beim Künstler Scherabon alles steht. „Das braucht man immer in den sich stark verändernden Berufswelten, für die wir unsere Studierenden ausbilden“, sagt er. „Was die HSBI und den Fachbereich Gestaltung außerdem auszeichnet, ist die Interdisziplinarität. Die schlauesten Studierenden bei uns sind diejenigen, die sich als erstes erkundigen, zu welcher Professorin, zu welchem Professor sie als nächstes gehen können für ein spezielles Thema.“
Wer an der HSBI noch tiefer eintauchen will in Künstlerische Forschung, dem empfiehlt Herwig Scherabon den Master-Forschungsschwerpunkt Post-Digital Ecologies, der sich auf die Schnittstelle von digitalen Medien, ökologischen Zusammenhängen und kritischer Gestaltung konzentriert. (poe)
„The Clinic of the Unbodied“
Die Ausstellung „The Clinic of the Unbodied“ von Herwig Scherabon wurde gefördert vom HSBI-internen Fond für Künstlerische Forschung. Unter demselben Titel ist auch ein Buch erschienen.
Einen Ausschnitt aus dem Projekt zeigt das Berliner Studio Schuetzenverein vom 24. bis zum 26. April in der Martin-Luther-Str. 78. Titel: „Attemps at a Body“.