Bielefeld (fhb). Studierende aus aller Welt hatte Prof. Dr. Gerald Oeser jetzt zu Gast. Der Experte für Produktions- und Logistikmanagement am Fachbereich Wirtschaft und Gesundheit nahm sie mit auf eine Reise durch die globale Logistik, sprach über Entwicklungen, Herausforderungen und Erfolge und wollte von ihnen wissen, was es für Logistik-Besonderheiten in ihren Heimatländern gibt. Persönliche Einschätzung, auf Postern festgehalten und zur Diskussion im Seminar freigegeben. Oeser: „Das war höchst interessant, wir haben in lockerer Runde zusammengesessen, in kurzer Zeit ist einiges zu Papier gebracht worden, und wir haben viel voneinander gelernt.“
Zum Beispiel, dass in Frankreich, „dem drittgrößten Logistikmarkt in Europa mit dem größten Wasserstraßennetz“ Autobahnen allgemein gebührenpflichtig sind, jedoch meist in sehr gutem Zustand und weniger stauanfällig als in Deutschland. Tristan Rodriguez stellt – abseits der Logistik – mit einer gehörigen Portion Humor in seiner Präsentation klar: „Eigentlich gibt es keine kulturellen Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich, außer dass wir Baguettes lieben und Schnecken essen.“
Auch im fernen Mexiko, „der Brücke zwischen Nord- und Südamerika“, so der Poster-Hinweis, sind Autobahnen zwischen den wichtigsten Städten gut und mautpflichtig. Die restliche Infrastruktur, vor allem das Eisenbahnnetz, ist im Vergleich zu den steigenden Direktinvestitionen ausländischer Unternehmen und dem Transportaufkommen unterentwickelt. Wegen der weiten Entfernungen - Mexiko ist ungefähr fünfmal so groß wie Deutschland - und häufigen Straßensperrungen der Polizei wegen der hohen Kriminalität könnten Transporte länger dauern. „Vielleicht hat Volkswagen ja auch deshalb eine Produktionsstätte in Puebla errichtet, nah am bevölkerungsreichen und kaufkraftstarken Zentralmexiko und nah zum internationalen Hafen Veracruz“, mutmaßen die mexikanischen Studentinnen. Nicht nur deutsche Produkte werden sehr geschätzt. Mariana Gómez Constantino: „Mexikaner lieben die Produkte, die im Ausland hergestellt wurden, aus Prestige- und Qualitätsgründen. Deshalb haben es ausländische Firmen leicht, in Mexiko mit ihren Produkten Fuß zu fassen.“
In Jordanien, erfuhren die rund 20 Studierenden, prägen Import- und Exportbeschränkungen den Handelsalltag. Dennoch oder gerade deshalb würden große Anstrengungen unternommen, logistische Herausforderungen zu meistern. So wurde zum Beispiel das Logistik-Hub Aqba Logistics Village nahe der Grenze zu Saudi-Arabien errichtet. Der kommunikative Umgang unter Geschäftspartnern unterscheide sich von dem in Europa gewaltig. Wangenküsse als Begrüßung seien nicht unüblich, „Beine dürfen in Gegenwart von Älteren nicht überkreuzt werden“, verrät eine weitere Poster-Notiz.
Dass Lettland mit seinen rund zwei Millionen Einwohnern und dem demografischen Wandel hin zu einer alternden, schrumpfenden Gesellschaft in naher Zukunft vor einer ganzen Reihe nicht nur logistischer Probleme stehen wird, wird trefflich festgehalten. Misslichkeiten wie die im Vergleich mit Westeuropa breiteren Spurweiten werden notiert, die einen durchgehenden Schienenverkehr verhindern. Aber nicht ohne Stolz wird festgehalten: „Wir haben landesweit das schnellste Internet in Europa.“
Sozusagen in einem Schnellkurs hat Professor Oeser seine internationalen Studierenden die deutlich unterschiedlichen Logistikvoraussetzungen in den Heimatländern erklären lassen, hat dabei logistische und rechtliche Zusammenhänge und Risiken erklärt und ganz nebenbei Kultur und Land und Leute nähergebracht. Dieses Wissen können die Studierenden im Beruf bei der Nutzung und beim Aufbau einer internationalen Logistik nutzen. „Die Bereitschaft zum Austausch und die Neugier über das, was in anderen Ländern passiert, waren groß. Ich denke, es hat allen Beteiligten eine Menge Spaß gemacht. Und gelernt wurde auch“, fasst Oeser zusammen. Dass Deutschland „mit 259 Milliarden Euro Umsatz im Jahr der größte Logistikmarkt in Europa ist“, wie auf einem Poster zu lesen, verblasst da fast zur Randnotiz.