Die Uhr tickt: Aktuelle Ausstellung „Countdown“ von Gestaltungs-Studierenden der HSBI untersucht Ursachen und Auswirkungen des Klimawandels – und formuliert eine Sehnsucht nach Veränderung
Vom Müll in Bielefeld über Schieferabbau im Sauerland bis hin zur Arbeitsweise von Agrarbetrieben in Deutschland: Aus unterschiedlichen Blickwinkeln haben sich Studierende der Studienrichtungen „Fotografie und Bildmedien“ und „Digital Media and Experiment“ der Hochschule Bielefeld dem Begriff Nachhaltigkeit genähert. In Fotografien und Installationen werden Raubbau, Umweltverschmutzung oder vernachlässigte Infrastruktur thematisiert. Die Ausstellung „Countdown“ ist vom 22. Mai bis zum 21. Juni am Fachbereich Gestaltung in der Lampingstraße zu sehen. Studierende der Studienrichtungen „Fotografie und Bildmedien“ und „Digital Media and Experiment“ (DMX) sind für die Ausstellung auf die Suche gegangen nach Ursachen und Auswirkungen des Klimawandels. Hier ein Teil der Arbeit „Liebes Ahrtal, wie geht es dir?".
Bielefeld (hsbi). „Countdown“ lautet der Name der aktuellen Ausstellung am Fachbereich Gestaltung der Hochschule Bielefeld (HSBI). Und der Name ist Programm: Die Uhr tickt und die Generation der Studierenden scheint getrieben von der Angst um unseren Planeten und dem Wunsch nach einem gesellschaftlichen Wandel. Studierende der Studienrichtungen „Fotografie und Bildmedien“ und „Digital Media and Experiment“ (DMX) sind für die Ausstellung auf die Suche gegangen nach Ursachen und Auswirkungen des Klimawandels. Antworten gefunden haben sie beim Müllproblem in Bielefeld, beim Schieferabbau im Sauerland, in Agrargbetrieben in ganz Deutschland und rund um die schwer auffindbaren Orte, an denen Unterseekabel das Land erreichen.
In Fotografien und Installationen thematisieren die Studierenden zudem Themen wie individuelle Mobilität, Lichtverschmutzung, verschwenderischen Lebensstil in der westlichen Welt, vernachlässigte Infrastruktur und Luft- und Umweltverschmutzung. Noch bis zum 21. Juni 2025 sind die Arbeiten am Fachbereich Gestaltung, Lampingstraße 3, 33615 Bielefeld, zu sehen. Die Ausstellung ist kostenlos und kann zu den Öffnungszeiten des Gebäudes besucht werden.
Prof. Anna Zika: „Transformation als Megatrend“ als Thema eines Symposiums
Initiatorin Prof. Dr. Anna Zika, Professorin für das Lehrgebiet Theorie der Gestaltung, und Hugo Hilpmann, Kurator der Ausstellung und Fotografie-Student. Im Hintergrund ist die Arbeit "Peak of an Iceberg" von Leon Adam Haas zu sehen.
Die Ausstellung ist Teil des Symposiums „Wandel gestalten“ das am 21. und 22. Mai am Fachbereich stattfindet. Initiatorin ist Prof. Dr. Anna Zika, Professorin für das Lehrgebiet Theorie der Gestaltung. Im Fokus steht die Frage, wie es gelingen kann, ein neues, „gutes Leben” zu führen, ohne uns bei der Auseinandersetzung mit Konsum, Emissionen und Klimawandel von Begriffen wie „Verzicht” oder „Einschränkung” abschrecken zu lassen. Antworten und Inspiration liefern Vorträge von Professor:innen und Studierenden, ein Upcycling-Workshop und Ausstellungen. In einem Blog haben Studierende zudem Ideen, Interviews und Artikel zum Thema zusammengestellt: https://wandel-gestalten.hsbi.de/
Prof. Dr. Anna Zika weiß, dass Nachhaltigkeit und der Wunsch nach gesellschaftlichem Wandel ihre Studierenden umtreiben. Zika: „Diese eng verbundenen Themen bringen weltweit zahlreiche Texte hervor und regen theoretisch an, was praktisch geschehen sollte – und bei uns am Fachbereich bereits geschieht. Die Transformation hat begonnen und zeigt sich als Megatrend nicht nur in Politik, Gesellschaft und Wissenschaft, sondern auch in der Kunst und der Gestaltung sowie am Fachbereich Gestaltung, in der Mode, im Design, in den Seminaren, im Sprechen und im Denken von uns Lehrenden und ganz besonders von den Studierenden.“
Leon Adam Haas ist für sein Projekt „Peak of an Iceberg“ (Spitze eines Eisbergs) zu verschiedenen Agrarbetrieben in Deutschland gereist. Er portraitierte Akteur:innen, die die Agrarwende vorantreiben wollen.
„In dieser Zeit ein junger Mensch zu sein, erscheint hoffnungslos. Eine eigene Zukunft und die Privilegien des westlichen Europas stehen auf dem Spiel. Als Student:in ist das schwer zu verkraften.“
Hugo Hilpmann, Fotografie-Student und Ausstellungs-Kurator
Wie dringend dieser Wandel nötig ist, verdeutlicht „Countdown“ als Begleitausstellung zum Symposium. Kuratiert wurde die Ausstellung von Hugo Hilpmann, selbst Student der Studienrichtung Fotografie und Bildmedien. Er erklärt die Motivation zur Ausstellung aus studentischer Sicht: „In dieser Zeit ein junger Mensch zu sein, erscheint hoffnungslos. Eine eigene Zukunft und die Privilegien des westlichen Europas stehen auf dem Spiel. Als Student:in ist das schwer zu verkraften. Was sollen wir tun, um den Schutz der eigenen Existenz und den der Tiere und Pflanzen zu gewährleisten?“
Lösungen oder gar Utopien liefert die Ausstellung bewusst nicht. Der Fokus liegt auf den Ursachen und Auswirkungen, denen wir als Individuum teilweise hilflos gegenüberstehen. Etwas selbstironisch heißt es so im Ankündigungstext der Studierenden: „Wenn der Planet immer wärmer wird, wird selbst das Trinken eines Iced Coffee mit Hafermilch aus dem recycelten Becher mit Papierstrohhalm zur Herausforderung – weil die Eiswürfel innerhalb von zehn Minuten schmelzen und den Papierstrohhalm so zersetzen, dass nichts mehr herauskommt.“
Im Folgenden eine Auswahl der gezeigten Arbeiten:
Jonas Glanz und Paul Scheide: „Schiefer Vorkommen/Verwendung/Verhüllung“
Mit Schiefer als Baumaterial und seinen kulturellen und materiellen Spuren im Sauerland beschäftigen sich die Arbeiten von Paul Scheide und Jonas Glanz.
Hinaus ins Sauerland gezogen hat es die Studenten Jonas Glanz und Paul Scheide für die Fotografie-Serie „Schiefer Vorkommen / Verwendung / Verhüllung“. Sie waren dem Schiefer auf der Spur, dessen Abbau die Landschaft ebenso geprägt hat wie seine Verwendung als Baumaterial die Baukultur der Region. Schiefer ist im Sauerland fast überall zu finden – als Dachmaterial, Mauerwerk und Fassadenverkleidung von Häusern – und prägt somit die Region maßgeblich. Der Untertagebergbau verändert die Landschaft unsichtbar für die meisten Menschen, während der Abbau in Tagebaugruben neue Hügel, Berge und Senken schafft. Diese Serie fängt die Ästhetik von echtem Schiefer ein und stellt sie den synthetischen Imitationen gegenüber, die in modernen Gebäuden verwendet werden. Sie kommentiert die Spannungen zwischen Tradition und Moderne. Denn oft entsteht eine Widersprüchlichkeit zwischen der Verwendung von Schiefer und dem traditionellen Fachwerk, wobei dem Schiefer eine größere Bedeutung beigemessen wird.
Maira Wissing: "Is it really here?"
Inspiration für ihre Audioinstallation fand Maira Wissing bei einer Exkursion nach China. Dort ging sie auf die (erfolglose) Suche nach einem Unterseekabel.
Unterseekabel sind die verborgenen Lebensadern des Internets – physisch vorhanden, aber für die meisten Menschen unsichtbar. Sie überqueren Ozeane, verbinden Kontinente und kommen nur an einigen wenigen, streng kontrollierten Orten an Land. Selbst dort ist ihre genaue Position schwer zu finden, und die Informationen sind oft unvollständig. Die Audio-Installation „Is it really here?“ beschäftigt sich mit dieser Unsichtbarkeit und der Suche nach dem Unbekannten. Eine Audioaufnahme erzählt die Geschichte einer Studierenden-Exkursion nach Lingshui, China, wo eines dieser Kabel das Festland erreichen soll. Doch trotz Nachforschungen, offizieller Berichte und Koordinaten kann die genaue Stelle nicht gefunden werden. Die Suche endet in Ungewissheit, Vermutungen und der Erkenntnis, dass manches Wissen immer unerreichbar ist. Dieser Gedanke spiegelt sich in einer Audio-Installation wider: Ein Tonband erklingt aus einer durch Absperrband abgetrennten Ecke – ein sichtbarer, aber unerreichbarer Raum. Die Audioaufnahme hat die Studentin selbst eingesprochen und so lange „verzerrt“, bis ihre Stimme nicht mehr erkennbar ist. Die Barriere stellt dar, wie die Kabel, die die tägliche Kommunikation ermöglichen, physisch unzugänglich bleiben. Je näher die Besucher:innen kommen, desto mehr bricht die Geschichte auseinander: Klare Worte verschwinden im Rauschen, bis nur noch Rauschen übrigbleibt. Studentin Maira Wissing erklärt: „Genau wie der Klang in der Installation ist auch die physische Struktur des Internets in unserer Welt nur teilweise sichtbar. Sie verdeutlicht das Paradoxon, nah und doch unerreichbar zu sein. Die Kabel existieren, sie verbinden uns – aber die Orte, an denen sie das Land berühren, bleiben verborgen.“
Leon Adam Haas ist für sein Projekt „Peak of an Iceberg“ (Spitze eines Eisbergs) zu verschiedenen Agrarbetrieben in Deutschland gereist. Er portraitierte Akteur:innen, die die Agrarwende vorantreiben wollen.
Leon Adam Haas ist für sein Projekt „Peak of an Iceberg“ (Spitze eines Eisbergs) zu verschiedenen Agrarbetrieben in Deutschland gereist. Haas: „Wenn wir unsere natürlichen Lebensgrundlagen hierzulande und andernorts erhalten wollen, ist die Entwicklung alternativer und nachhaltiger Strategien in der Landwirtschaft dringend erforderlich. Der voranschreitende Klimawandel und zunehmende Extremwetterereignisse führen uns diese Notwendigkeit drastisch vor Augen“. Der Student besuchte und fotografierte Betriebe, die nach Antworten auf diese Probleme suchen und sich einer grundlegenden Neuausrichtung der Landwirtschaft verschrieben haben. Dabei geht es ihm einerseits um Einblicke in jene Betriebe, die sich mit hydoponischen Systemen (Pflanzenanbau ohne Erde) beschäftigen, ressourcenschonende Wirtschaftsformen erforschen, urbane Gewächshäuser betreiben oder sich für solidarische Landwirtschaften und die Erhaltung der Artenvielfalt einsetzen. Zugleich aber interessiert er sich für die Akteure, die die Agrarwende durch ihr persönliches Engagement vorantreiben und die er in eindringlichen Porträts festgehalten hat.
Lea Lemli: „Müll Bielefeld“
Überfüllte Mülleimer, leere Flaschen, Kaugummis: Die Fotografien von Lea Lemli zeigen „Alltagsmüll“ in der Bielefelder Öffentlichkeit und große Müllmengen in Wertstoffhöfen.
Unachtsam weggeworfene Süßigkeiten-Verpackungen, leere Flaschen, Kaffeebecher, Zigaretten und Kaugummis „Mir fällt vor allem eines auf, wenn ich durch Bielefeld gehe“, so Studentin Lea Lemli. „Und das ist Müll. Teilweise auch direkt an, neben oder unter den Mülleimern. Auch wenn es oft nicht große Haufen Müll auf einmal sind, sondern eher kleine Schnipsel von Bonbon oder Kaugummipapier, ist das alles doch Teil eines viel größeren Problems, dass sich nicht über ein paar Bilder einfangen lässt.“ Ihre Fotografien zeigen genau diesen „Alltagsmüll“, an den wir uns alle schon gewöhnt haben. Einige ihrer Bilder sind nicht in der Bielefelder Öffentlichkeit entstanden, sondern in einem Bielefelder Wertstoffhof und verdeutlichen die Dimensionen der Masse an weggeworfenen Dingen. (she)
Gezeigt werden Arbeiten der Studierenden Maira Wissing, Marvin Krullmann, Evelina Dallmann, Johannes Eslage, Marcus Wildelau, Johannes Hüffmeier, Lea Lemli, Leo Teufel, Louisa Klose, Regina Herdt, Paul Scheide und Jonas Glanz, Leon Adam Haas, Daniel Schramkow und Chris Mooshammer.