Heutzutage ist es überall zu finden: Mikroplastik. Es wird insbesondere durch die Luft und durchs Wasser in die entlegensten Winkel der Erde transportiert. Da Mikroplastik mit konventionellen Filtrationsverfahren in Kläranlagen nicht vollständig zurückgehalten wird, ist es mittlerweile fast überall nachgewiesen: In landwirtschaftlich genutzten Böden, in Klärschlämmen, in Meeres- und Flusswässern, in der Atmosphäre, im Schnee, in arktischem Eis und der Tiefsee.
In dem linken Behälter ist Wasser zu sehen, in dem sich Mikroplastikpartikel befinden. Zum Vergleich: Im rechten ist sauberes Wasser.
Als Mikroplastik werden Kunststoffkleinstteilchen im Größenbereich zwischen 5mm und 1µm bezeichnet. Kleinere Partikel werden folglich als Nanoplastik und größere als Makroplastik deklariert [1, 2]. Dabei kann ihre Gestalt von sphärischen über zylindrischen zu Partikeln willkürlicher Geometrie variieren [3].
Mikroplastik, aber auch Nanoplastik, ist durch seine geringe Dichte und Größe sehr leicht in Form von Stäuben luftgängig und in Flüssigkeiten, wie Wasser, heterogen als Suspension „lösbar“. „Lösbar“ bedeutet an dieser Stelle nicht, dass sich der Kunststoff in der Flüssigkeit auflöst, wie es beim chemischen Rezyklieren der Fall ist. Hier ist die Bildung einer Suspension, also eines Feststoff-Flüssigkeitsgemisches, gemeint. Partikel in dieser heterogenen Suspension fallen zum Beispiel via Sedimentation aus oder liegen als Schwebstoffe in der Lösung vor. Mikroplastik und Nanoplastik weisen viele Gemeinsamkeiten auf, der Einfachheit wird im Weiteren wird jedoch nur noch auf Mikroplastik eingegangen.
Mikroplastik lässt sich generell in primäres und sekundäres Mikroplastik einteilen. Eine Ursprungsbestimmung im Späteren ist jedoch nicht trivial, da viele der Teilchen optisch nicht unterscheidbar sind und sich die Herkunft meist nur über chemische oder physikalische Analysen ermitteln lässt.
Primäres Mikroplastik
Als primäres Mikroplastik werden Kunststoffteilchen bezeichnet, welche direkt produziert werden und nicht erst durch äußere Einflüsse degenerieren [4]. Primäres Mikroplastik wird in der Industrie als Scheuer- oder Poliermaterial eingesetzt, findet aber auch Verwendung in Farben und Lacken sowie im Consumermarket in zum Beispiel Kosmetika oder Drogerieprodukten [4]. Auch in reflektierenden Straßenmarkierungen oder Aufdrucken auf Kleidung wird es eingesetzt [4, 5].
Eine weitere Gruppe, die als Form des primären Mikroplastiks gesehen werden kann, ist das „flüssige“ beziehungsweise quellbare Mikroplastik, welches in wasserlöslichen Folien genutzt wird. Diese Gruppe wird auch als Water soluble synthetic polymers (WSSP) bezeichnet. Zu bekannten Vertretern gehören unter anderem Polyvinylalkohol (PVA), Polyethylenglykol (PEG) oder Polyethylenoxide (PEO). Ob diese Kunststoffe zu Mikroplastik zählen sollten, wird auf Grund ihrer adsorbierenden und gelbildenden Eigenschaften kritisch diskutiert. Da jedoch auch die WSSP einen negativen Effekt auf lebende Organismen haben [6], werden sie hier aufgeführt. Für hydrophile und hygroskopische Kunststoffe, wie PVA, ist Wasser ein sehr gutes Lösungsmittel. Es kann einfach in die polymere Struktur diffundieren, so dessen Zugfestigkeit senken und die Struktur des Polymers schwächen [7, 8]. Dieses Verhalten wird als Quellen des Kunststoffes bezeichnet und sorgt für das Zerfallen des Polymers in kleinere Teile [7, 8]. In der Regel werden diese Polymere nicht in deren monomere Untereinheiten degeneriert, wie die Benennung als „wasserlöslich“ oder Vermarktung als „Auflösung in Wasser“ vermuten lässt. Auch wasserlösliche Kunststoffe bilden kolloidale, mikroskopisch kleine Partikel, welche einen gelartige Konsistenz aufweisen [7, 8] und vom Organismus absorbiert werden können [6]. Eine Besonderheit bilden biologisch abbaubare Kunststoffe, welche zum Beispiel dem Standard OECD 301B entsprechen. Diese Kunststoffe sind unter aeroben Bedingungen im Wasser von Mikroorganismen in ihre Bestandteile abbaubar, so dass Produkte aus biologisch abbaubaren Kunststoffen nicht zu Mikroplastik degradieren.
Sekundäres Mikroplastik
Sogar in einem Riff bei Bohol in den Philippinen ist Kunststoff zu finden. Schaut man sich Mikroplastik im Meer an, lässt sich feststellen, dass 35 Prozent der Partikel aus synthetischer Kleidung kommen, 28 Prozent vom Reifenabrieb und 24 Prozent aus städtischem Feinstaub. Der Rest entspringt u.a. Straßenmarkierungen, Schiffsbeschichtungen und Kosmetik.
Im Vergleich zu primärem Mikroplastik wird sekundäres Mikroplastik nicht industriell hergestellt, denn es ist ein Abfall- und Zersetzungsprodukt: Wenn Produkte oder größere Teile durch äußere physikalische oder chemische Einflüsse degenerieren, entsteht dadurch Mikroplastik [4]. Zu sekundärem Mikroplastik zählen mechanischen Abriebe von Reifen oder Bremsvorgängen sowie ausgewaschene Fasern von Textilkleidung oder Kunststoff-Kochgeschirr. Darüber hinaus entsteht sekundäres Mikroplastik bei der chemischen und photochemischen Zersetzung von Makroplastik in der Umwelt [2, 9]. Es gibt verschiedene Mechanismen, die dazu führen, dass sekundäres Mikroplastik entsteht:
Physikalische Zersetzung
Die mechanische Zersetzung beschreibt den Zerfall von Kunststoffen durch physikalische Scher-, Zug- und Kompressionsdeformation.
Scherung: Eine Scherung lässt sich am einfachsten veranschaulichen, in dem der unter Kraft gesetzte Körper in viele parallele Schichten aufgeteilt wird. Durch die Kraft, die auf die Oberfläche des Körpers wirkt, werden jene Schichten parallel zueinander verschoben. Die innere Reibung beziehungsweise Kohäsion des Festkörpers setzt sich dieser Deformation bis zum Abriss entgegen. In einer realen Umgebung findet zusätzlich Reibung an der bewegten Oberfläche und dem unbewegten Boden statt. Diese externen Reibungskräfte erzeugen einen Abrieb, da sowohl der Festkörper als auch die externen Kontaktflächen eine gewisse Rauigkeit aufweisen. Durch einen Kohäsionsabriss des Materials findet in der Regel auch eine Splitterbildung statt. Diese ist geringe desto niederviskoser also weicher das Material ist. Diese Splitter und der Abrieb enthalten Mikroplastik.
Kompression: Mikroplastik bei einer Kompression entsteht meist bei Schneidprozessen. Eine im Vergleich zum Festkörper schmale Kante komprimiert das Material so sehr, dass sich ein Bereich mit steigender Spannung bildet, was zum Bruch führen kann. Je steifer und spröder das Material ist, desto eher wird es brechen. Durch die Spannungen, die sich vor der Schneidkante im Festkörper gebildet haben, birst das Material unter Abgabe kleinerer Trümmer. Derartige Prozesse finden beim Bohren, Fräsen und Schneiden von Kunststoffen statt, aber treten auch beim Bergen von bereits versprödetem Makroplastik in maritimer Umgebung durch Netze oder den Einwirkungen der Brandung an Küsten auf.
Die mechanische Zersetzung ist also ein alltäglicher und allgegenwärtiger Prozess beim Umgang und der Benutzung von Kunststoffen, welcher im Regelfall immer zur Entstehung von Mikroplastik führt.
Chemische Zersetzung
Kunststoffdegradation ist die chemische Zersetzung der polymeren Struktur von Kunststoffen. Diese kann durch verschiedene Prozesse und unter unterschiedlichen Bedingungen erfolgen.
Thermische Zersetzung: Durch direkte Erhitzung oder Kontakt mit heißen Oberflächen können Kunststoffe bei hohen Temperaturen zerfallen, indem ihre Polymerketten brechen.
Oxidative Zersetzung: Chemische Reaktionen von Kunststoffen mit Sauerstoff führen – oft katalysiert durch Wärme oder UV-Strahlung – zu einer Oxidation der Polymerketten und Nebengruppen. Dies kann zur Bildung von Rissen oder Verfärbungen führen.
Hydrolytische Zersetzung: Einige Kunststoffe, insbesondere Polyester, können durch die Reaktion mit Wasser zersetzt werden. Diese Hydrolyse führt zum Abbau der Polymerketten.
Chemische Zersetzung: Chemikalien wie Säuren, Basen oder Lösungsmittel können Kunststoffe angreifen und degradieren, indem sie die chemischen Bindungen schwächen oder brechen. Hier gilt wie so oft in der Chemie: „Gleiches löst sich in Gleichem“.
Photodegradation: Ultra-violettes Licht (UV-Licht) kann die chemischen Bindungen in Kunststoffen mit Chromophoren schwächen und brechen. Dies führt zu einer Degradation und ist besonders bei Kunststoffen im Freien relevant.
Der Grad und die Geschwindigkeit der Zersetzung hängen von der Art des Kunststoffs, den Umgebungsbedingungen und der Anwesenheit von Additiven ab, die die Degradation entweder beschleunigen oder verlangsamen können. Bei allen Arten der chemischen Zersetzung entstehen in der Regel kleine, kolloidale Mikropartikel.
Photochemische Zersetzung
Die photochemische Zersetzung ist einer der häufigsten Arten, wie Makroplastik im Freien degradiert, da sie unabhängig vom Medium und Gebiet ist und an jedem belichteten Ort auftritt. UV-Licht ist der Grund für die Alterung von Kunststoffen, da es mit den Chromophoren, Licht-aktivierbaren chemische Verbindungen, wechselwirkt. Chromophore sind lange Ketten konjugierter Doppelbindungen oder Aromate (in der Regel Benzol-Ringe) und bilden exponierte π-Bindungen mit delokalisierbaren Elektronen. Ein solches Elektron kann durch die Strahlung angeregt werden, was zu einem Bruch der chemischen Bindung und Radikalisierung des Moleküls führen kann. Freie Radikale sind hoch reaktiv und können Kettenreaktionen auslösen. Dies sorgt für eine Änderung der chemischen Struktur des Polymers und ändert dessen mechanische Eigenschaften. Durch UV-Strahlung degenerierte Polymere werden in der Regel spröde, reißen und vergilben. Bei einer andauernden Exposition führt die Degeneration zu einer vollständigen Zerstörung der polymeren Struktur.
Auswirkungen von Mikroplastik auf Organismen
Das Riff in der Mindanoasee bei Bohol auf den Philippinen scheint auf dieser Aufnahme im Jahr 2016 völlig intakt zu sein. Damit das so bleibt, sollen Kunststoffprodukte langlebiger, zuverlässiger, wiederverwendbar, nachrüstbar, reparierbar, wartungs-, reparatur- und recyclingfreundlicher sowie energie- und ressourceneffizienter werden – und der Eintritt von Mikroplastik in unsere Gewässer verhindert werden.
Mikroplastik (ob primär, sekundär oder gelartig [6]), ist ein akutes allgegenwärtiges Risiko – nicht nur für die Umwelt, sondern auch für Tiere und Menschen. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO hat Mikroplastik Auswirkungen auf das Verdauungs-, Atemwegs-, Herzkreislauf- und Fortpflanzungssystem, auf Nieren, Leber und Schilddrüse. Da es weder chemisch in Wasser gelöst, noch biologisch abgebaut werden kann (außer von speziellen Bakterien oder Pilzarten), verweilt Mikroplastik sehr lange im Kreislauf und lagert sich im Laufe der Zeit in und um Zellen sowie an zellulären Bestandteilen an. Dies ist besonders kritisch, wenn sich am Kunststoff angelagerte Toxine und Erreger oder schädliche Additive herauslösen und so zu Entzündungen führen. Die Datenlage ist zwar noch gering, doch einige Erkenntnisse sind bereits gesichert:
Gerade aquatisches Mikroplastik gelangt durch die Aufnahme in den Körper von Tieren und durch die Nahrungskette ebenfalls in den Menschen. Deshalb konnte es unter anderem im menschlichen Blutkreislauf nachgewiesen werden [10]. Beispielsweise wurden steigende Konzentration von Mikroplastik und Nanoplastik im menschlichen Gehirn beobachtet [11]. Durch die geringe Größe der Partikel können diese in Zellen eindringen und dort den Metabolismus stören. Darüber hinaus kann es im intra- oder extrazellulären Raum zu Agglomeraten kommen. Diese Faktoren können zu einer Veränderung der Chromosomen und somit zur Unfruchtbarkeit oder Tumoren führen [12, 13]. Des Weiteren können Neurotoxizität, oxidativer Stress oder metabolische Dysfunktionen vor allem im Gastrointestinaltrakt, der Leber und den Nieren auftreten [13]. Darüber hinaus können auch Pathogene auf der Oberfläche adhärieren, Toxine und andere Chemikalien in den Partikeln absorbieren oder zugesetzte Additive Nebenwirkungen hervorrufen [1, 13, 14].
Quellen
[1] Boucher, J et al. (2017). Primary Microplastics in the oceans: A global evaluation of Sources. IUCN Switzerland.
[2] Hohenblum, P et al. (2015). Plastic and microplastic in the environment. Environment agency Austria..
[3] Kataoka, T et al. (2024). Geometric relationship between the projected surface area and mass of a plastic particle. Water Research 261,122061.
[5] Burghardt, T et al. (2023). Road markings and microplastics – A critical literature review. Transportation Research Part D: Transport and Environment 119, 103740.
[6] Mondellini, S et al. (2022). Beyond microplastics: Water soluble synthetic polymers exert sublethal adverse effects in the freshwater cladoceran Daphnia magna. Science of The Total Environment 847, 157608.
[8] Bertling, J et al. (2018). Endbericht: Mikroplastik und synthetische Polymere in Kosmetikprodukten sowie Wasch-, Putz,- und Reinigungsmitteln. Fraunhofer Verlag.
[9] Balan, G et al. (2020). Investigation on water absorption and wear characteristics of waste plastics and seachell powder reinforced polymer composite. Jurnal tribologi 27, 57–70.
[10] Leslie, H et al. (2022). Discovery and quantification of plastic particle pollution in human blood. Environment International 163, 107–199.
[11] Campen, M et al. (2024). Bioaccumulation of Microplastics in Decedent Human Brains Assessed by Pyrolysis Gas Chromatography-Mass Spectrometry. National Library of Medicine. Preprint, 157608.
[12] Sharma, S et al. (2017). Microplastic pollution, a threat to marine ecosystem and human health: a short review. Environmental Science and Pollution Research 24, 21530– 21547.
[13] World Health Organisation. (2022). Dietary and inhalation exposure to nano- and microplastic particles and potential implications for human health. World Health Organisation.
[14] Barboza, Let al. (2018). Marine microplastic debris: An emerging issue for food security, food safety and human health. Marine Pollution Bulletin 133, 336–348.