30.04.2010

Der Praxis-Test: Das Rennen der Schlittenhunde

Mit Stipendium Auslandsjahr in den USA.

Ein Kurs in Eventmanagement gehörte mit zum Lehrstoff, den Vanessa Brockmann, Eileen Dominique Klingsiek und Tina Marquardt an der Universität von Marquette, im äußersten Nordosten der USA, zu belegen hatten. Bei der Theorie blieb es nicht: Sie mussten auch gleich helfen, das Mega-Event des Winters zu organisieren: ein Schlittenhundrennen. Das Damentrio studiert im Studiengang International Studies of Management des Fachbereichs Wirtschaft und Gesundheit der Fachhochschule Bielefeld. Pflicht ist im Rahmen dieses Studiums ein Auslandsjahr, das die Drei an der Northern Michigan University in Marquette absolvieren. Im August 2009 sind sie dorthin aufgebrochen, Ende April werden sie zurückkommen - um so manche Erfahrung reicher.

Marquette liegt am Lake Superior, genauer auf der Upper Peninsula, einer Halbinsel. 20 000 Einwohner zählt die bevölkerungsreichste Stadt der Region, 10 000 Studenten besuchen die 111 Jahre alte Universität. Und dennoch: Studentisches Leben, wie es sich der Mitteleuropäer vorstellt, gibt es in Marquette wenig. »Es gibt zwar ein Kino, ansonsten aber sehr viel Natur und den großen See vor der Tür«, berichtet Vanessa Brockmann. Man betreibt eben viel Sport, geht zum Schlittschuhlaufen oder trifft sich in einer Bar. Vanessa und Eileen, beide 24 Jahre alt, bekommen dort auch ein Bier oder Wein - nachdem sie ihre »ID«, ihren Personalausweis, vorgelegt haben. Tina muss sich mit Nicht-Alkoholischem begnügen: Sie ist noch keine 21.

Kein Wunder also, dass in der ländlichen Region, die normalerweise von Oktober bis April Schnee hat, Schlittenhundrennen das Spektakel schlechthin sind. Wobei Vanessa einschränkt: Dieser Winter war mild, es gab erst im Dezember Schnee, »und die Temperatur ging nur bis minus 24 Grad herunter«. Ende Februar allerdings, als das Bielefelder Trio das Schlittenhundrennen mitorganisierte, lag genug der weißen Pracht. »Wir haben beim UP 200 geholfen, einem 260-Meilen-Rennen durch die Upper Peninsula, das sich über drei Tage erstreckte«, erzählt Vanessa Brockmann. 80 Helfer mussten sie entlang der Strecke einsetzen. Und beim zweiten der drei Events, das über schlappe 30 Meilen ging, halfen sie den Schlittenhundfahrern, ihr Gefährt und die Hunde vorzubereiten.
Vanessa nutzte die Gelegenheit, sich selbst einmal von den Alaska-Huskies durch die Landschaft ziehen zu lassen. »Das ist einfach cool. Und es ist unglaublich, wieviel Kraft die Hunde haben«, schwärmt sie. Dabei war »ihr« Schlitten mit vier Hundestärken nicht einmal stark bestückt: Üblicherweise ziehen sechs oder acht, manchmal auch zwölf Huskies die Schlitten. »Erstaunlich ist auch, dass die Hunde unbedingt laufen wollen. Vor dem Start müssen sie von vier Leuten zurückgehalten werden«, erzählt sie. Lenken oder dirigieren konnte sie ihr Gespann nicht: »Die sind einfach in der Spur gelaufen.« Die Profis allerdings dirigieren ihre Hunde mit Pfiffen oder Zurufen. Allemal: Es war eine besondere Erfahrung.
Das war auch das Studium in Marquette: »Die Kurse sind kleiner. Alles ist persönlicher, und man kennt sich. Es ist ein bisschen wie in der Schule.« Anfangs, gesteht Vanessa zu, hatte sie Probleme mit der Sprache: »Die ersten 14 Tage waren ungeheuer anstrengend: Ich musste mich so sehr konzentrieren, um alles zu verstehen.« Ihre beiden Kommilitoninnen hatten es leichter: Eileen war schon einmal für ein Jahr in England, Tina in Australien. Mittlerweile aber sind die Anfangsschwierigkeiten längst überwunden.
Einig sind sich die drei Bielefelderinnen, dass die Menschen in Michigan sehr aufgeschlossen und freundlich sind: »Es ist so leicht, Kontakte zu knüpfen, und wenn die Leute merken, dass wir aus dem Ausland sind, fragen sie gleich nach.« Sie hoffen, von dieser Offenheit etwas mit nach Hause zu bringen und beibehalten zu können.
Auf Michigan beschränkt haben sich Vanessa, Eileen und Tina nicht: Sie waren zu Thanksgiving vier Tage in Chicago, haben zu Weihnachten Vanessas Schwester besucht, die just als Au-pair in New York ist, und waren in Kalifornien. Und natürlich hat auch der Freund von Vanessa Besuch bekommen: Er studiert ebenfalls an der FH Bielefeld und hat bis Mitte März ein fünfmonatiges Praktikum bei Wincor Nixdorf in Austin (Texas) absolviert. Die drei Studentinnen - allesamt mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes unterwegs - haben ihre Chance genutzt. Allerdings: Leben, sagt Vanessa, möchte sie lieber in Deutschland. Sabine Schulze.