Die Ausstellung in der Galerie Hochschulverwaltung (Gebäude D), Kurt-Schumacher-Straße 6 in Bielefeld ist für die Öffentlichkeit vom 1. Juli bis 8. Oktober 2004 geöffnet. Öffnungszeiten: werktags von 9:00 - 15:00 Uhr.
Vom ersten Strich bis zum Diplom. Skizzen, Zeichnung und Modell, Tränen, Träume und Testate eine Werkschau von Studienarbeiten des Fachbereichs Architektur und Bauingenieurwesen in Minden enstanden in den Lehrbereichen Entwerfen sowie Grundlagen Entwerfen bei Professorin Rouli Lecatsa.
Von der Skizze zur Zeichnung, ... vom Plan zum Modell ... Es sind Schritte, Gedankenprozesse, Techniken: Sie bilden das Alphabet der neuen Sprache, die Architekten in der Regel lernen müssen um ihre Arbeit zu vermitteln. Architektur ist Kultur und Kommunikation, Handwerk und Technik, Phantasie und Ratio, Funktion und Form ... Architektur ist alltäglich und feierlich. Sie ist eben ein entsprechend komplexer Lernprozess ... Die Ausstellung zeigt Entwürfe von Architekturstudierenden, die "vom ersten Strich bis zum Diplom" einen Querschnitt durch verschiedene Phasen meiner Entwurfslehre dokumentieren. Entwerfen ist kein Lehrfach an sich, sondern vielmehr das Erlernen einer Fähigkeit, mehrere Aspekte und Fachgebiete sinnvoll funktional zu verknüpfen, um eine Gebäudeform und Gestalt zu entwickeln. Gerade zu Beginn des Studiums sollte das kreative Potential durch die Lehre gefördert werden. Gleichzeitig sollen die praktischen Grundlagen für die Umsetzung erlernt werden. Eine ästhetische Sensibilisierung für Bauformen und das Begreifen der Zusammenhänge und der Abhängigkeiten verschiedener Disziplinen bilden hierfür die Grundlage.
Denn: Bauen alleine ist nicht mit Architektur gleichzusetzen. Die Architektur ist sowohl ein technisches und wirtschaftliches, als auch ein soziales und ästhetisches Ereignis. Architektur ist aber vor allem ein öffentliches Ereignis. Architektur ist elementar und um es noch exakter mit den Worten von Manfred Sack auszudrücken: "Sie ist eine Angelegenheit des menschlichen Wohlbehagens, kurzum eine Sache unseres Daseins." Denn was gebaut wird, schafft Realität, die Lebensraum bildet.
Immer seltener sind die Architekturbeispiele der Gegenwart, die sich mit den primären Fragen des Wohnens, Arbeitens, sozialen Lebens befassen. Wie denn auch? Der virtuelle Schein der immensen Verfügbarkeit von Informationen und Werten, die die menschliche Gemeinschaft produziert hat, überschattete in der Regel solche elementaren Bedürfnisse. Durch den magischen Klick wird ein bequemer Zugriff auf Jahrhunderte lange Erfahrung ermöglicht. Modernismen und Trends jagen einander mit Internetgeschwindigkeiten. Der Anteil elektronischer Technik in Gebäuden nimmt zu, doch soll die Technik immer weniger sichtbar sein. Intelligenz wird den Fassaden, Betriebssystemen, Finanzierungsarten zugeschrieben - gemeint ist damit Multifunktionalität. Energiebewusstes Bauen schreibt statt dicker Mauern, eine "Haut" zwischen Außen und Innen vor.
Die Architekten werden aufgefordert, Bereiche für Medienbedürfnisse in vorhandene Gebäudestrukturen anzupassen. Die Möglichkeiten der Vernetzung haben reale Auswirkungen auf die Arbeitsformen und Gebäudefunktionen. In dieser Situation sind neue Typologien gefragt. Letztendlich geht es um die Formulierung der gesellschaftlichen Identität, die sich in den "Zeichen" der zeitgenössischen Architektur widerspiegeln sollte.
Das Selbstverständnis des Architektenberufes hat sich geändert. Der Architekt muss heute mit vielen verschiedenen Parteien verhandeln und zusammenarbeiten. Seine Aufgabe besteht zum überwiegenden Teil darin, widersprüchliche Interessen zu vereinen und den gegebenen Machtverhältnissen der jeweiligen Bauprojekte standzuhalten. Um sich durchsetzen zu können, reicht es nicht, gute Koordinations- und Führungsqualitäten zu besitzen. Man muss nachdrücklich in der Lage sein, entsprechend überzeugende Argumente und Strategien, auch wirtschaftlicher Art, für seine Projekte und Ideen zu entwickeln. Nur so kann ein Architekt heute eine gewisse Kontrolle über seine Bauprojekte behalten. Er muss Team-Fähigkeit beweisen und über ein breites interdisziplinäres technisches Wissen verfügen, um einen Konsens mit den am Bau Beteiligten zu finden. Von der Autonomie des Architekten von einst ist heute nicht mehr die Rede.
Diese Umbruchphase könnte eine äußerst kreative aber ebenso schlechte Zeit für die "Baukultur" bedeuten. Denn gerade hierzulande wird unter dem allgemeinen wirtschaftlichen Druck und der zur Zeit schlechten Bauwirtschaftlichen Situation, das Bauen radikal standardisiert und kommerzialisiert. Die Kluft zwischen dem Bauen und der Architektur droht größer zu werden. Die künftige Architektengeneration hat zweifellos zur Aufgabe die Suche nach neuen Typologien für eine differenzierte Gesellschaftsstruktur. Die Frage bleibt offen ob diese Generation so herangebildet wird, um dieser sozialen Verantwortung auf einer breiten Basis standhalten zu können.
In dieser Situation kann man nicht differenziert genug in der Lehre arbeiten. In der Ausstellung werden auf Druckfahnen Projekte und Entwürfe aus verschiedenen Semestern präsentiert. Weiterhin wird über eine Bilderkollage ein Einblick in Details, Objekte, Momente aus dem Alltag des Unterrichts in meinen Seminaren gewährt.
Meine Lehre thematisiert: das Ganzheitliche in der Architektur, die Notwendigkeit des Experiments, des Konzeptionellen in Kombination mit dem Funktional - Konstruktiven, vom Objekt bis hin zu baufähigen Projekten. Einerseits ist mein Anliegen bei den Studenten "räumliches Denken" anzuregen und einen Zugang zum Begriff der Materialität und ihrer Bedeutung für die Gestaltungsaussage und konstruktive Ausführung zu ermöglichen. Man sollte es nicht bei den bequemen Möglichkeiten der 3D-Animationen belassen, die Architekten in dieser wichtigen Fähigkeit in keiner Weise fördern. Andererseits soll man "Fragen" formulieren lernen, um diese dann entsprechend durch eigene, innovative Lösungen zu beantworten.
Besonders geeignet sind Aufgaben, die eine sehr enge Fragestellung haben und eine neue Sichtweise des Gewohnten erfordern. Dies ermöglicht, Eigenes außerhalb von Vorbildern und üblichen Klischees zu entwickeln. Solche Themen sind zum Beispiel die vorgestellten vierzehntägigen Entwurfsaufgaben: Wie "Mut zur Lücke". Hier sollte beispielsweise ein extrem schmales und tiefes Baugrundstück als dreigeschossiges Wohnhaus entwickelt werden. Eine schwierige Bauaufgabe, was die Belichtung und Belüftung, aber auch die Verteilung räumlicher Funktionen betrifft. "Restflächen" von noch bebaubaren Stadtgrundstücken oder Gassen, die mit der Zeit unbrauchbar wurden, stellen ähnliche Problemstellungen in der Praxis.
Oder etwa ein "City Parasit"- als Beispiel einer Form von Nomaden-Bauten, für Gebäudestrukturen, die sich an die Infrastruktur vorhandener Bausubstanz anschließen können bis hin zu den in der Ausstellung präsentierten Projekten "Bauen mit der Natur", wobei Baumhäuser, als pilzartige Gebilde inspiriert von den Hochsitzen in der Waldlichtung zur Rückzugsmöglichkeit und Meditation dienen, oder die Neuinterpretation und Nutzung einer Landschaftsruine, nämlich der stillgelegten Transrapidstrecke mit modernen Campinghäusern u.a.
Diese Lockerungsübungen dienen auch dazu, grafische Darstellung zu erlernen sowie in kurzer Zeit eine Idee zu erfassen und zu präsentieren. Studentische Wettbewerbe sind auch Gegenstand der betreuten Entwurfslehre. Hier ist die Entwicklung neuer Gebäudetypologien meistens das Hauptthema, wie z.B. der Hebel-Wettbewerb zum Thema -"Oasen"- neue Ideen für die Autobahn-Raststätten von Morgen.
Bei den Semesterentwürfen, Projekten und Diplomarbeiten handelt es sich zumeist um reale Bausituationen. Ob es das kleine Gästehaus mit Schwimmbad nebst dem Holsteinischen Bauernhaus betrifft oder die "Kitas" erbaut über dem alten Bunker.
Die vorgestellten Diplomarbeiten formulieren eine komplexere Entwurfsaufgabe. Die Diplomarbeit von Lars Köstler "hhoO2".com, Ort der Arbeit am Alsterfleet Hamburg" entwickelt einen neuen Gebäudekomplex unter Berücksichtigung der Lage und des städtebaulichen Kontexts in Bezug zur Entwicklungspolitik der Stadt Hamburg. Das "Arbeiten" und seine Organisation in der Gebäudestruktur wird spezifisch interpretiert.
Gestalterisch sehr anspruchsvoll schlägt die Diplomarbeit von Jens Lange den Bau eines "Sea_Education_Center", am Überseequartier Hamburgs, am Eckpunkt vom Magdeburger Hafen. Wie sich bei der Präsentation der Arbeit in Hamburg herausstellte, war unsere innovative
Projektentwicklung im Sinne der Hafen-City-Entwicklungsgesellschaft (GHS). Die Arbeit hat räumliche Qualitäten und Antworten auf die städtebauliche Situation im voraus formuliert, die man später in internationalen Wettbewerben für das Hafengebiet thematisiert fand.
Auch die grafische und darüber hinaus mediale Präsentation der Arbeiten ist ein wichtiger Bestandteil der Vorbereitung der Studierenden für die Anforderungen der Praxis. Bei der Ausstellungseröffnung wird die Diplomarbeit vom WS 2003 über das "Leben vor dem Deich" in Finkenwerder Hamburg präsentiert. Gegenstand der Arbeit war die Erhaltung und Belebung des Hafenmilieus durch zeitgerechtes Wohnen und Arbeiten, inspiriert von der Bautradition.
Umbruchzeiten stellen eine hohe Anforderungen an die fachliche Qualität des Berufsstandes, der sich inhaltlich neu definieren muss. Die Lust am Entwerfen und an der eigenen Kreativität, nebst einem hohen Qualitätsanspruch an das handwerkliche Können, sollt das Heranreifen von Architekten unterstützen. Ihre Arbeit soll Argumente gegen einfältige Gremien und gegen die internationale Standardisierung der Baukultur entwickeln, sowie der steigenden Konkurrenz standhalten können.