Girls’Day und Boys’Day 2013 an der Fachhochschule Bielefeld.
Bielefeld/Minden (fhb). Heute ist alles umgekehrt an der Fachhochschule Bielefeld: Während die Mädchen eine Vorlesung in Robotik besuchen und Strom aus Früchtetee erzeugen, versorgen die Jungs die Wunden eines Patienten und erlernen das Blutdruckmessen - heute ist Girls'Day und Boys'Day 2013. Im ganzen Bundesgebiet schnuppern Schülerinnen und Schüler von der fünften bis zur zehnten Klasse in Berufe und Studiengänge hinein, die sonst eher vom jeweils anderen Geschlecht bevorzugt werden. Mit einem bunten Programm hat sich die FH am Zukunftstag für Jungen und Mädchen beteiligt. An den Standorten Bielefeld und Minden gab es viele praxisnahe Einblicke in die unterschiedlichen Studiengänge.
Noch etwas schüchtern und zurückhaltend folgten die Mädchen zwischen 12 und 15 Jahren Dr. Elke Koppenrade durch die Flure und Räume des Fachbereichs Ingenieurwissenschaften und Mathematik am Stadtholz. Die 15 Schülerinnen waren gekommen, um sich an der FH die "Angewandte Mathematik" anzuschauen. Zuerst gab es einen Blick in eine Robotik-Vorlesung und andere Seminare der Lehreinheit. "Ihr könnt nur einschätzen wie das Leben an der Hochschule wirklich ist, wenn ihr auch einen Einblick in die Vorlesungen und einen Kontakt zu den Studierenden bekommt", erklärte Koppenrade, während sich die Studierenden über die kleine Unterbrechung freuten. Danach folgte eine Einführung zum Studieren an der FH und am Fachbereich. "Wir machen hier angewandte Mathematik. Das bedeutet viel am Rechner arbeiten und viel Simulation für ganz verschiedene Bereiche, denn die Mathematik findet sich in fast allen beruflichen Disziplinen wieder", verdeutlichte Elke Koppenrade. Was man später mit einem mathematischen Studium alles anfangen kann, berichteten drei Studenten, die derzeit ihr 14-wöchiges Pflichtpraktikum in unterschiedlichen Betrieben absolvieren. Gerade der praktische Bezug mache den Unterschied zu einem Studium an einer Universität aus, wie Koppenrade erklärte. Dann waren die Mädchen selbst gefragt: Dreieckszahlen, Quadratzahlen und Geometrie. Mit mathematischen Knobelaufgaben bekamen sie einen ersten Vorgeschmack auf das, was sie im Studium erwartet. "Ich hätte nicht gedacht, dass es so viele Berufe gibt, in denen man mit Mathe so viel machen kann", sagt die 14-jährige Vivien Petersilie von der Theodor-Heuss-Schule aus Sennestadt, die sich später vielleicht für ein Innenarchitektur-Studium begeistern könnte.
Während am Stadtholz viel an der Tafel gearbeitet wurde, beschäftigten sich 25 Mädchen am Fachbereich Wirtschaft und Gesundheit mit technischen Rechnern. Hier ging es um die "Grundlagen der Homepagegestaltung für Girls" im Studiengang Wirtschaftsinformatik. Sabine Demoliner machte die Mädchen mit einem Texteditor und einem Browser vertraut, mit dem sie einige Lektionen zum Thema Textgestaltung bearbeiteten. Auch hier stand das eigene Ausprobieren und Üben ganz oben auf dem Plan. Dass es sich lohnt in dieses Berufsfeld einzusteigen, versuchte Sabine Demoliner den Schülerinnen mit einem Appell klarzumachen: "Qualifizierte Mädchen und Frauen werden in diesem Bereich dringend gesucht".
Auch am Campus Minden konnten 55 Mädchen in die eher technisch geprägten Studiengänge hinein schnuppern. Die Professorinnen und Professoren und Mitarbeiter hatten von Elektrotechnik, Maschinenbau und Informatik zu Architektur und Bauingenieurwesen ein buntes Programm auf die Beine gestellt. Die Schülerinnen kamen aus Gymnasien und Berufskollegs aus Minden, Lübbecke, Löhne, Bielefeld, Bad Oeynhausen und Rietberg.
Am Fachbereich Technik bekamen 20 Mädchen der Jahrgangsstufen 7 und 8 bei Versuchen im Physiklabor und im Elektrotechniklabor einen Einblick in die naturwissenschaftlichen Grundlagen, die in Ingenieurberufen, z.B. im Maschinenbau oder in der Elektrotechnik, eine wichtige Rolle spielen. Außerdem lernten sie das Berufsbild einer Informatikerin kennen und übten sich im Programmieren.
Am Fachbereich Architektur und Bauingenieurwesen lernten 35 Mädchen der Jahrgangsstufen 8 bis 13 anhand einer Simulation im Wellenkanal, wie sich Dämme und Deiche im Falle seines Hochwassers verhalten. Sie testeten Materialeigenschaften verschiedener Baustoffe und lernten am Beispiel des Brückenbaus, wie tragfähig Balken sein können. Etwas filigraner ging es bei einer Gestaltungsübung zur Raumwirkung von Schalenkonstruktionen weiter, die die Schülerinnen durch eigene Schnitt- und Faltmodelle erprobten. Dass auch in der Architektur nichts mehr ohne den Computer geht, zeigte sich in einer Übung zur Bauwerksrekonstruktion und einer Anwendung des Bildgestaltungsprogramms Photoshop.
Den Alltag in einem Labor konnten die Schülerinnen bei den Girls'Day Angeboten des Fachbereichs Ingenieurwissenschaften und Mathematik an der Wilhelm-Bertelsmann-Straße erleben. Prodekanin Professorin Dr. Sonja Schöning begrüßte die Mädchen. Das Girls'Day-Team am Fachbereich hatte gleich mehrere spannende Projekte vorbereitet. So konnten die Nachwuchswissenschaftlerinnen sich etwa mit der Kunststoffverarbeitung vertraut machen. Aus Kunststofffolien stellten sie durch Wärmeumformung Masken her und im Labor für Verfahrenstechnik konten sie selbst Strom gewinnen - aus Früchtetee. Zudem gab es einen Einblick in die Regenerativen Energien, wo sie mit Solar und LED arbeiten konnten und erhielten eine Demonstration am 3D-Drucker.
Obwohl die Mädchen an diesem Tag in der Überzahl waren, hatte sich auch eine Gruppe von Jungen der Realschule Jöllenbeck an die Fachhochschule getraut. Sieben Achtklässler und ein Fünftklässler wollten einmal in die "Gesundheits- und Krankenpflege" hinein schnuppern. Zunächst stellte Studiengangskoordinatorin Franziska Reimann die Lehreinheit Gesundheit sowie den Berufsalltag und die Perspektiven in diesem Job vor. Studierende, ausgebildete Krankenpfleger sowie Professoren und Wissenschaftler der FH statteten den Boys dazu einen Besuch ab und berichteten über ihre Aufgaben im Beruf und am Fachbereich Wirtschaft und Gesundheit. Danach wurde es auch für die Schüler endlich praktisch: Es ging ins SkillsLab.
"War einer von euch schon einmal im Krankenhaus? Als Patient oder als Besucher?", fragte Mitarbeiterin Susan Zäske die faszinierten Jungs. In dem authentisch eingerichteten Patientenzimmer konnten sie eine kleine Erlebnisfahrt im vollautomatischen Pflegebett sowie erste Handgriffe an der Demonstrationspuppe, die mit modernster Technik ausgestattet ist, machen. Dass die Pflege nicht nur aus gutem Zureden und Verbandswechsel besteht, sondern mitunter einige Kraft und Wissen aus der Physik, der Chemie, der Biologie und der Technik verlangt, imponierte den jungen Herren. "Ich habe jetzt ein viel besseres Bild von dem Beruf. Ich dachte das wäre langweiliger", gibt der 13-jährige Florian Dotzki zu. Trotzdem möchte er wahrscheinlich später etwas Sportlicheres machen und lieber Polizist werden.
Zum Abschluss war Fingerspitzengefühl bei den Schülern gefragt. So mussten sie ihren eigenen Puls fühlen und schließlich wie die Profis mit der Manschette gegenseitig den Blutdruck messen.
Der Girls'Day findet bereits zum dreizehnten Mal in ganz Deutschland statt, der Boys'Day zum zweiten Mal. Etwa 14.000 Veranstalterinnen und Veranstalter bieten weit über 133.000 Mädchen und Jungen die Möglichkeit, interessante Berufe zu erkunden, in denen bislang noch überwiegend Männer beziehungsweise Frauen tätig sind. Sie sollen motiviert werden, das Rollenverhalten in der Berufswahl zu hinterfragen. Neben einem Praxistag in Einrichtungen und Unternehmen können sie auch Workshops zu den Themen Berufs- und Lebensplanung, Rollenbilder und Sozialkompetenzen besuchen.