Bielefeld (fhb). Wer ist Deutscher? Und was heißt Deutschsein überhaupt? Fragen, bei denen viele Erwachsene ins Schlingern geraten, beantworteten 37 Frankfurter Grundschulkinder mit und ohne Migrationshintergrund. Eine Auswahl dieser Interviews ist im Rahmen der Ausstellung "Kinder Deutschlands" bis zum 31. Januar 2015 am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule (FH) Bielefeld zu sehen.
Die Idee zu "Kinder Deutschlands" entstand zufällig: Während einer Studie über das Lernen mehrsprachiger Kinder führte die Autorin der Ausstellung, Tatjana Leichsering von der Universität Frankfurt, Interviews mit Grundschulkindern: "Dabei haben mich die Kinder mit ihren Äußerungen häufig überrascht, beeindruckt und berührt. Deshalb wollte ich unabhängig von der Forschungsstudie weitere Interviews führen und daraus eine Ausstellung gestalten" sagt Tatjana Leichsenring. Die Fotografin Martina Henschke hat zu den Gesprächsausschnitten die Kinder in großformatigen Porträtaufnahmen abgebildet, so dass Fotografien und Text sich gegenseitig ergänzen.
Dr. Yüksel Ekinci-Kocks, Professorin für den Bildungsbereich Sprache am Fachbereich Sozialwesen, holte die Ausstellung an die FH Bielefeld: "Ich wollte insbesondere den Studierenden der Pädagogik der Kindheit zeigen, womit sie sich später im Beruf auseinander setzen werden. Dabei gefiel mir besonders der ästhetische Zugang zum Thema, abseits von Statistiken und trockenen Fakten." Dies war auch ein wichtiger Aspekt in der Gestaltung der Ausstellung. "Wir möchten ein breites Publikum auf der menschlichen Ebene abholen", sagt Tatjana Leichsering. Deshalb konzentrieren sich die Bilder besonders auf die Augen der Schüler, wodurch sie die den Betrachter persönlich ansprechen. "Doch die Bilder sind nicht alles", wie Professor Holger Hoffmann, Dekan des Fachbereichs Sozialwesen, bei der gestrigen Eröffnung der Ausstellung hervorhob: "Die Fotos werden eingebettet in die Fragestellung, wie es in Deutschland um die gelebte Heterogenität steht. Deutschland hat eine interessante Vielfalt, die wir alle als deutsch begreifen sollten."
Angesichts von Schulen, an denen bis zu 90 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund haben, sieht auch Christiane Bainski, Leiterin der landesweiten Koordinationsstelle für Kommunale Integrationszentren in Nordrhein-Westfalen, "keine Alternative, als eine neue Kultur des Lernens in den Schulen miteinander zu entwickeln". Sie hielt zur Ausstellungseröffnung einen Vortrag über die Mehrsprachigkeit in Kindertagesstätten und Schulen in Nordrhein-Westfalen. Doch nicht nur das Lernen muss für Christiane Bainski eine Wandlung vollziehen, auch die Einstellung zu bilingualen Schülern bedarf einer Überarbeitung: "Natürlich muss jeder Schüler Deutsch können, um dem Unterricht zu folgen. Aber warum wertschätzen wir den kulturellen Schatz der anderen Sprachen nicht, sondern wollen ihn stattdessen abschaffen?"
Die Ausstellung "Kinder Deutschlands" steht bis zum 31. Januar 2015 Mo-Fr zwischen 8 und 18 Uhr im ersten Obergeschoss des Fachbereichs Sozialwesen (Kurt-Schumacher-Straße 6, Haltestelle Bültmannshof, Gebäude C) Besuchern offen. Der Eintritt ist frei.