14.01.2016

Wenn auf dem Rosastift „Hautfarbe“ steht

Kita-Projekt des Studiengangs Pädagogik der Kindheit zu Interkulturalität, Diskriminierung und Gewaltprävention.

Bielefeld (fhb). Sechs Wochen lang haben acht Studierende des Bachelorstudiengangs "Pädagogik der Kindheit" der Fachhochschule Bielefeld  jeden Mittwoch das Kinderhaus "Die kleinen Strolche" in Brackwede besucht. Zusammen mit den Fachkräften vor Ort haben sie sich mit den Kindern auf spielerische Weise den eher erwachsen klingenden Themen Interkulturalität, Diskriminierung und Gewaltprävention angenähert. Konzeptionell stützten sie sich auf den "Anti-Bias-Ansatz" und die vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung. Schwerpunkt waren die Themen Identität, Gemeinsamkeiten, Zuschreibungen, Partizipation und Kinderrechte.

Nach Abschluss des Projekts zogen nun Studierende, Erzieherinnen, Lehrende und Eltern in der Fachhochschule  ein Resümee. Begleitend dazu haben die Studierenden eine kleine Posterausstellung über Methodik und Ergebnisse erstellt.

Professorin Dr. Erika Schulze, die den Studiengang Pädagogik der Kindheit  leitet, führte in das Thema ein: "Kinder wachsen heute in den unterschiedlichsten Familienkonstellationen auf und sprechen verschiedene Sprachen. Erwachsene können sich von dem Umgang der Kinder mit dieser Pluralität einiges abgucken." Dabei werden die Kinder schon früher von Vorurteilen und Stereotypen geprägt, als manch einem bewusst sein mag. "Schon mit zwei Jahren können Kinder Geschlechter und Hautfarben unterscheiden", erklärte Stephanie Weber, die das Seminar leitete.

Doch wie spricht man mit 4-Jährigen über Diskriminierung oder Kinderrechte? Die Antwort: Indem man altersgerechte Beispiele aus dem Alltag wählt und diese spielerisch verpackt. Auf die Frage "Was ist fair? Was ist unfair?" antworteten die Kinder beispielsweise, dass es unfair sei, dass sie an manche Spielsachen nicht drankommen, weil sie zu weit oben im Regal liegen. Einem Jungen fiel auf, dass in einem Bilderbuch über die Feuerwehr nur Männer abgebildet sind und keine Frauen - obwohl er genau weiß, dass auch Frauen bei der Feuerwehr arbeiten. Ein anderes Kind findet es unfair, dass es seine Mutter nicht malen kann, weil es keinen Stift gibt, der der Hautfarbe der Mutter entspricht. "Bei normalen Buntstiften steht auf dem rosafarbenen Stift Hautfarbe", berichtet eine der Studentinnen. Es gibt zwar inzwischen auch Hautmalstifte in verschiedenen Nuancen, aber die gehören nicht  zum gängigen Sortiment und seien schwer zu kriegen, so die Pädagogen. Auch in Bilderbüchern werde meist die traditionelle Familie dargestellt mit Vater, Mutter, zwei Kindern, Haus und Hund, obwohl es immer mehr Alleinerziehende, Patchwork- oder Regenbogenfamilien mit gleichgeschlechtlichen Elternteilen gibt.

Zu den Zielen des Projekts zählte unter anderem, den Kindern zu zeigen, dass sie auch selbst etwas bewegen können, wenn sie Ungerechtigkeit sehen. So kamen die kleineren Kinder auf die Idee, einen Brief an die Kita zu schreiben, in dem sie unter anderem fordern, dass das Spielzeug so gelagert wird, dass auch alle drankommen.

Die größeren Kinder hatten zur Überraschung der Studierenden und der Erzieherinnen eine andere Idee: Sie wollten auf die Straße gehen und kundtun, dass der Krieg aufhören soll. Denn das Thema Flüchtlinge beschäftigt auch 5-Jährige, was eine der Erzeherinnen bestätigt: "Die bekommen viel mehr mit, als man glaubt." Die Kinder wissen, dass die Flüchtlinge vor dem Krieg fliehen. Das Wort Demonstration war den Kindern noch nicht geläufig, aber einige haben in der Kinder-Nachrichtensendung "Logo" gesehen oder vielleicht auch in Bielefeld erlebt, dass man auf diesem Weg etwas bewirken kann. Seminarleiterin Stephanie Weber erklärte den Kindern, dass die Zeitungen vielleicht über die Demonstration berichten und die Aktion dadurch bekannt gemacht wird. Die Kinder waren Feuer und Flamme und haben die Demo mit Unterstützung der Erwachsenen tatsächlich innerhalb von zwei Tagen umgesetzt, Sprüche für Plakate überlegt und die vorgeschriebenen Buchstaben ausgemalt. Auch wenn sie noch nicht schreiben und lesen können, hätten die Kinder genau gewusst, was auf welchem Plakat steht. Die Erzieherinnen dachten, es würde reichen, einmal über das Außengelände zu gehen, aber die Kinder wollten an der Hauptstraße entlang bis zur Ampel, schließlich wollten sie gesehen werden. Polizei und Lokalpresse waren auch dabei.

Auch kritische Stimmen blieben nicht aus. In einem Leserbrief wurde in Bezug auf die Berichterstattung zur Demo von der Instrumentalisierung der Kinder gesprochen, und auch Eltern haben in Frage gestellt, ob man 3- oder 4-Jährige mit dem Thema Krieg und Tod konfrontieren soll.
Die Erfahrung der Pädagogen zeigt jedoch, dass selbst bei 3-Jährigen das Thema Flüchtlinge präsent sei, auch wenn sie "nur" durch eine Spielzeugspende damit in Kontakt gekommen sind. Das Thema haben sie selbst eingebracht, ebenso wie die Idee, zu demonstrieren.

Dass die Erfahrung, selbst für eine Sache einzutreten, etwas in den Kindern bewirkt hat, zeigte die Wortmeldung einer Mutter: "Meine Tochter erzählt eigentlich nie von der Kita. Wenn ich sie frage, wie es war, sagt sie, dass es gut war und dass sie gespielt hat. Bei der Demonstration war es das erste Mal, dass sie ganz aufgeregt berichtete, weil sie das als Kinder selbst mit umsetzen durften. Sie wollte unbedingt dass ich zu der Demo komme, was ich natürlich auch getan habe. Ich fand das wirklich toll."

Der Träger der Kita, die Gesellschaft für Sozialarbeit e.V. (GfS) ist daran interessiert, den Ansatz der vorurteilsbewussten Bildung in ihre Einrichtungen zu tragen. "Wir betreiben Brennpunktarbeit und wollen die Kinder so gut wie möglich fördern, indem sie Selbstwirksamkeit erlernen und schon früh ein Demokratieverständnis ausbilden", so Frank Horn, Fachbereichsleiter bei der GfS. Auch andere Träger haben bereits ihr Interesse an dem Projekt bekundet.