22.03.2005

Ingenieurinnen braucht das Land

Carmen Sander, Studentin im fünften Semester der Mathematik, absolviert gerade ihr Praxissemester bei dem Automobilzulieferer Hella KGaA Hueck & Co. in Lippstadt. Seit Oktober setzt sie sich im Rahmen ihres Praxiseinsatzes hauptsächlich mit Muster- und Testgestell-Logistik für Scheinwerfer verschiedener Automarken auseinander, die als Schnittstelle zwischen Maschine und Scheinwerfer für die mechanischen Prüfungen dient.

Im Mess- und Testzentrum hat die Bielefelder Studentin eine Datenbank entwickelt und programmiert, die sämtliche Testgestelle verwaltet und die Suche nach geeigneten Gestellen ermöglicht. Doch zunächst lag eine Menge administrativer Arbeit vor ihr: "Die Datenbankprogrammierung war für mich ein völlig neues Gebiet, denn die dafür relevante Vorlesung habe ich noch nicht besucht." Mittlerweile ist die Datenbank fertiggestellt und findet bei den Kollegen großen Anklang, da sie den Ablauf der Testgestellsuche verkürzt. Carmen Sander ist derzeit die einzige Frau in der Abteilung. Auf die Frage, ob sie sich wohl fühlt: "Es macht mir nichts aus, ausschließlich mit männlichen Kollegen zu arbeiten, ganz im Gegenteil. Ich werde von den Kollegen gut akzeptiert und es herrscht eine nette Atmosphäre".

"Für Unternehmen sind Frauen wie Carmen Sander wichtig, noch immer sind sie in ingenieur- und naturwissenschaftlichen Berufen Schlusslicht," stellt Brigitte Böwingloh, Koordinatorin des Projektes Unternehmenspatenschaften, fest. Und das, obwohl die Wirtschaft gerade in diesen Bereichen von qualifizierten Frauen und deren spezifischen Kompetenzen profitieren könnte. Gerade Studentinnen erbringen sehr gute Leistungen in den technischen und naturwissenschaftlichen Studiengängen." Der Frauenanteil ist in den drei ingenieurwissenschaftlichen Fachbereichen Elektrotechnik und Informationstechnik, Maschinenbau sowie Mathematik und Technik immer noch sehr gering, er beträgt zur Zeit 12 Prozent.

"Haben junge Frauen sich für ein ingenieurwissenschaftliches Studium entschieden, fehlt ihnen im Gegensatz zu den männlichen Kollegen oft das nötige Netzwerk, um den Berufseinstieg zu finden", so Brigitte Böwingloh. Auch aus diesem Grund hat die Fachhochschule Bielefeld ein Patenschaftsprojekt ins Leben gerufen. Regionale Patenunternehmen bieten Praktika an und ermöglichen den Studentinnen, ihre Abschlussarbeiten in interessanten Projekten zu realisieren. "Die Studentinnen erhalten Kontakte und Einblicke in unterschiedlichste Aufgaben und betriebliche Abläufe. Um später im Job Fuß zu fassen, sind solche Praxiserfahrungen oft ausschlaggebend," so die Koordinatorin des Projektes.

Aber auch die Unternehmen profitieren von den Patenschaften. Sie investieren in die Ausbildung der Studentinnen, um ihren zukünftigen Fachkräftebedarf zu sichern "Wir können dadurch Studentinnen an unser Unternehmen binden und Talente gezielt fördern. Paktikanten bringen frischen Wind ins Unternehmen und haben meist noch einen anderen Blickwinkel", so Wencke Braun, die Leiterin des Hochschulmarketings bei dem Lippstädter Unternehmen Hella und Ansprechpartnerin für das Patenschaftsprojekt ist. Die konkrete inhaltliche Ausgestaltung der Patenschaften wird individuell zwischen der Studentin, dem Unternehmen und der FH Bielefeld vereinbart. "Studentinnen haben die Möglichkeit, ihr theoretisches Wissen mit praktischen Erfahrungen anzureichern," meint Wencke Braun. "Sie sollten aber schon ein gesundes Selbstbewusstsein mitbringen, wenn sie in einer männerdominierten Branche arbeiten."

Neben Hella aus Lippstadt machen auch Unternehmen wie Miele in Gütersloh, VW in Wolfsburg und mehr als 35 weitere Unternehmen beim Projekt mit, darüber hinaus wird mit dem VDI, den Kammern und Verbänden und der Agentur für Arbeit eng kooperiert.

"Ich habe die Erkenntnis gewonnen," weiß Carmen Sander zu berichten, "dass Theorie und Praxis oft sehr weit auseinanderliegen und das Nachfragen nichts mit Schwäche zu tun hat." Deshalb hält die 22 jährige solche Praxiskontakte für sehr wichtig, um das theoretisch Gelernte erproben zu können. Gute Kontakte hat sie bereits geknüpft. Und wenn alles gut klappt, kann sie vielleicht sogar ihre Diplomarbeit bei Hella schreiben.

Wer sich für das Projekt oder ein Studium an der FH in Bielefeld interessiert, findet im Internet weitere Infos unter: www.fh-bielefeld.de/unternehmenspatenschaften


Kontakt:

Brigitte Böwingloh
Fachhochschule Bielefeld
Gleichstellungsbüro
-Projekt Unternehmenspatenschaften-
Kurt-Schumacher-Strasse 6
33615 Bielefeld

Tel: 0521/106-7744 oder
0521/56 09 766 (VDI)
e-mail: unternehmenspatenschaften@fh-bielefeld.de