Studierende des Fachbereichs Gestaltung, Illustrations-Professor Nils Hoff und das Jüdische Museum Westfalen zeigen im Hauptgebäude der Hochschule Bielefeld noch bis zum 2. September dieses Jahres eine Ausstellung über jüdische Frauenrechtlerinnen aus der Zeit vor 1933. Die Vernissage mit Künstler:innen und Kurator:innen findet am 30. Juni um 19 Uhr statt. Zu sehen sind neun lebensgroße gezeichnete Porträts, die mit Infos und Mitmachangeboten von Themen berichten, die bis heute aktuell sind.Die Ausstellung „„Rafft Euch empor! – Jüdische Aktivistinnen aus Westfalen in der ersten Frauenbewegung“ in der HSBI zeigt lebensgroße gezeichnete Porträts, die mit Infos und Mitmachangeboten von Themen berichten, die bis heute aktuell sind.
Bielefeld (hsbi). Wussten Sie, dass der Jüdische Frauenbund in der wilhelminischen Kaiserzeit und während der Weimarer Republik fast überall in Deutschland, besonders aber in Westfalen, aktiv war? Der Bund kämpfte für die rechtliche, soziale und ökonomische Gleichstellung der Geschlechter – ein Ringen, das mit dem Beginn der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erstickt wurde. Auch deshalb ist bis heute in der breiten Öffentlichkeit wenig bekannt über jüdische Aktivistinnen aus dieser Zeit, die sich in Westfalen für Frauenrechte stark gemacht haben. Das ändert nun eine Ausstellung im Hauptgebäude der Hochschule Bielefeld (HSBI), die am 30. Juni eröffnet und noch bis zum 2. September zu sehen sein wird. Konzipiert und realisiert wurde „Rafft Euch empor! – Jüdische Aktivistinnen aus Westfalen in der ersten Frauenbewegung“ von 13 HSBI-Studierenden des Fachbereichs Gestaltung. Dabei geholfen haben Prof. Nils Hoff und als Kooperationspartner das Jüdische Museum Westfalen.
Die Ausstellung im Hauptgebäude der Hochschule Bielefeld wird am am 30. Juni eröffnet und ist dort anschließend noch bis zum 2. September zu den Öffnungszeiten des Gebäudes zu sehen.
Begegnung mit den Besucher:innen buchstäblich auf Augenhöhe
Ein Teil des Teams hinter der Ausstellung: Prof. Nils Hoff (2.v.l.) mit den Studentinnen Eliza Karoline Oestreich-Ries, Silke Schulze-Menkhoff, Emely Windermut und Lisa-Marie Wickord.
Die Sonderausstellung stellt neun Frauenpersönlichkeiten aus der ersten Welle der Frauenbewegung vor, die sich in und aus ganz unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft in sowohl jüdischen als auch nicht-jüdischen Organisationen maßgeblich für Frauenrechte eingesetzt haben: Berta Marcus und Rebecca Hanf machten sich für gleiche Bildungschancen und gerechte Berufseinstiege für Mädchen und junge Frauen stark. Hertha Hoffmann leitete als erste Frau in Westfalen ihr eigenes Automobilunternehmen. Ottilie Schoenewald und Luise Elias demonstrierten für das Frauenwahlrecht. Rosi Wolfstein und Jeanette Wolff wirkten aus der Arbeiterbewegung heraus bis in die parlamentarische Politik hinein. Martha Ruben-Wolf und Frida Levy setzten sich für Frauengesundheit, sexuelle Aufklärung und das Recht auf Abtreibung ein.
„Aufgabe der Studierenden war es zunächst, alle diese Frauen durch lebensgroße gezeichnete Portraits nicht nur sichtbar zu machen, sondern auch dafür zu sorgen, dass sie den Ausstellungsbesucher:innen auf Augenhöhe gegenüber treten“, erläutert Professor Hoff. „So wurden die Zeichnungen anschließend im Digitaldruck auf Sperrholzplatten übertragen und von den Studierenden in dreidimensionalen Ausstellungselementen zu dem reichhaltigen, von den Mitarbeiter:innen des Jüdischen Museums Westfalen recherchierten Material in einen nun räumlich erfahrbaren Ausstellungszusammenhang gesetzt.“
Die Figuren werden von reichhaltigen, von den Mitarbeiter:innen des Jüdischen Museums Westfalen recherchierten Informationen ergänzt.
Wie geht es weiter mit der Frauenbewegung?
Aufgabe der Studierenden war es zunächst, die Frauen durch lebensgroße gezeichnete Portraits nicht nur sichtbar zu machen, sondern auch dafür zu sorgen, dass sie den Ausstellungsbesucher:innen auf Augenhöhe gegenüber treten.
Am Anfang der Ausstellung stehen stellvertretend für die vielen unbekannt gebliebenen Aktivistinnen drei halbtransparente, um einen Garderobenständer platzierte Frauentorsos, die die deformierenden Auswirkungen der bis zum Ersten Weltkrieg selbstverständlichen Fischbeinkorsette auf den weiblichen Körper zeigen. Am Ende der Ausstellung verbindet sich das lebensgroße Porträt von Helene Shani-Braun, einer jüdischen Theologin, die sich zurzeit am Abraham Geiger Kolleg in Potsdam zur Rabbinerin ausbilden lässt, mit einem Ausblick auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute: Wie ging es weiter mit der Frauenbewegung? Inwieweit sind feministische Themen auch in der Gegenwart Gegenstand des gesellschaftlichen Lebens? Überdies wird den Besucher:innen anhand mehrerer Mitmachstation verdeutlicht, wie aktuell die von den ersten Aktivistinnen der Frauenbewegung bearbeiteten Themen noch heute sind.
„Für mich war dieses Projekt besonders, weil wir Frauen sichtbar gemacht haben, deren Geschichten oft übersehen werden“, sagt die Studierende Maimuna Saidani. „Durch mein Porträt von Frida Levy konnte ich dazu beitragen, eine dieser Persönlichkeiten künstlerisch zum Leben zu erwecken und ihr mehr Raum und Aufmerksamkeit zu geben. Die Ausstellung zeigt, wie wichtig es ist, Perspektiven in der Frauenbewegung sichtbar zu machen. Sie regt dazu an, über Gleichberechtigung und gesellschaftliche Teilhabe neu nachzudenken.“
Die Sonderausstellung stellt neun Frauenpersönlichkeiten aus der ersten Welle der Frauenbewegung vor, die sich in und aus ganz unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft in sowohl jüdischen als auch nicht-jüdischen Organisationen maßgeblich für Frauenrechte eingesetzt haben.
Ausstellung „Rafft euch empor!“ zeigt: Gestaltung ist politisch!
Studentin Silke Schulze-Menkhoff resümiert: „Gestaltung ist politisch! Das zeigt sich im Projekt ,Rafft euch empor!‘ wieder einmal sehr konkret. Die Themen haben seit dem 19. Jahrhundert nicht an Aktualität verloren.“
Saidanis Kommilitonin Eliza Karoline Oestreich-Ries berichtet: „Das Ausstellungsprojekt hat mich auf einer sehr persönlichen Ebene angesprochen, da ich mich innerhalb meines Studiums intensiv mit der Aufarbeitung von Biografien weiblicher Personen aus der Kunst beschäftige. Ich finde es überaus wichtig, dass im musealen Kontext vermehrt auf die Errungenschaften historischer Frauenpersönlichkeiten hingewiesen wird. Die enge Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum in Dorsten war deshalb besonders bereichernd. Ich hatte sehr viel Spaß bei der konzeptionellen Planung, dem illustrativen Prozess und dem Bau der Ausstellungsmöbel.“ Die Studierende Silke Schulze-Menkhoff resümiert: „Gestaltung ist politisch! Das zeigt sich im Projekt ,Rafft euch empor!‘ wieder einmal sehr konkret. Die Themen haben seit dem 19. Jahrhundert nicht an Aktualität verloren.“
Das Kooperationsprojekt zwischen der HSBI und dem Jüdischen Museum Westfalen in Dorsten wurde durch die LWL-Kulturstiftung gefördert. Nach ihrer Eröffnung im Oktober 2025 im Jüdischen Museum Westfalen in Dorsten ist die gemeinschaftlich produzierte Wanderausstellung nun nach Bielefeld gekommen, wo sie noch bis zum 2. September 2026 in der Magistrale im Hauptgebäude der HSBI zu sehen sein wird. Die Ausstellung wird am 30. Juni um 19 Uhr eröffnet. (lk)