24.02.2026

Ausstellung und Punkzine: HSBI-Fotografie-Professorin Katharina Bosse und Drag-King Larry Long bringen eine queere Position in die Bielefelder Kulturgala 2026 ein

Ein gerahmtes Foto steht auf dem Boden, daneben eine Wasserwaage
Für die aktuelle Ausstellung im Foyer des Theaters Bielefeld hat Katharina Bosse 22 Fotografien ausgewählt, die Larry Long nicht nur bei Performances zeigen sondern auch Einblicke hinter die Kulissen werfen. © K. Schradi/HSBI
Hände mit weißen Handschuhen, im Hintergrund hängt ein Bild
Zur Kulturgala zeig Katharina Bosse eine Auswahl der Bilder im Foyer des Stadttheaters. © K. Schradi/HSBI
Katharina Bosse hängt ein Bild an eine Wand
Mit den Fotografien und einem dazugehörigen 80-seitigen Punkzine vermittelt Katharina Bosse und Larry Long, was das „King“-Sein künstlerisch, politisch und gender-theoretisch bedeutet. © K. Schradi/HSBI
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Die Fotos featuren Larry Long auf und hinter der Bühne, zeigen aber auch befreundete Drag-Artists. © K. Schradi/HSBI
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Ein Drag-King ist eine Performance-Figur, die auf der Bühne männliche Stereotypen parodiert – wobei den meisten der Personen dahinter bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen wurde. © K. Schradi/HSBI
Über ein Jahr hat Katharina Bosse den Bielefelder Drag-King Larry Long mit der Kamera begleitet. Aus der Kollaboration ist eine Ausstellung in ihrem eigenen Kunstraum Elsa entstanden und eine aktuelle Schau im „Theater Bielefeld“. Herzstück der gemeinsamen Arbeit ist allerdings die 80-seitige Publikation „The Adventures of Larry Long“. Im Stil eines Punkzines vermittelt das Printprodukt, was das „King“-Sein künstlerisch, politisch und gender-theoretisch bedeutet. Am 1. März sind außerdem beide Elemente der Arbeit Teil des Kulturgala-Programms. Und auf den Plakaten zur Veranstaltung sieht man: Larry Long!

Bielefeld (hsbi). Das hatte die Stadt noch nicht gesehen. Im Dezember 2021 fand im Kunstraum Elsa die allererste Performance Bielefelder Drag-Artists in Bielefeld statt. „Das war ein echter Meilenstein, denn bis dato wurden zu hiesigen Drag-Veranstaltungen eher Künstler:innen aus Berlin eingeladen“, erzählt Prof. Katharina Bosse, Gründerin der 2019 eröffneten Projektgalerie und Professorin für Fotografie am Fachbereich Gestaltung der Hochschule Bielefeld (HSBI). Nicht schlimm, findet sie, aber auch nicht gerade förderlich für die lokale Drag-Szene.

Anlass war damals die Ausstellung „Das Herz des Löwen“ der Porträtmalerin Martina Minette Dreier. „Aufgewachsen ist sie in Ostwestfalen, 1993 hat sie an der damaligen FH Bielefeld ihren Abschluss gemacht und ist dann in die Hauptstadt gezogen“, erzählt Katharina Bosse. Im Kunstraum Elsa zeigte Dreier klassische Öl-auf-Leinwand-Porträts ihrer queeren Berliner Wahlfamilie. „Und dazu traten dann eben die Drag-Queen Bianca Parker und der Drag-King Larry Long aus Bielefeld auf.“

Ein gerahmtes Foto hängt an einer Wand, daneben der Tex Garderobe
Am 1. März stehen Katharina Bosse und Larry Long zusammen auf der Bühne des Theaters Bielefeld – im Rahmen der Kulturgala. Dazu hat Bosse 22 Fotografien ihres gemeinsamen Projekts ausgewählt, die aktuell im Theaterfoyer zu sehen sind.

Was es bedeutet, in Westfalen ein Drag-King zu sein

„Mir ist es wichtig zu zeigen, dass es auch im Drag Geschlechterungleichheiten gibt.“

Prof. Katharina Bosse

So lernten Katharina Bosse und Larry Long sich kennen, in den folgenden Jahren passierte viel, und am 1. März stehen sie nun beide zusammen auf der Bühne des Theaters Bielefeld – im Rahmen der Kulturgala, die alljährlich Kunsthighlights der Stadt über alle Genres hinweg präsentiert. „Dazu habe ich auch 22 Fotografien unseres gemeinsamen Projekts ausgewählt, die gerade im Theaterfoyer zu sehen sind“, berichtet Bosse.

„The Adventures of Larry Long“ ist jedoch nicht nur als Ausstellung gedacht, sondern hat als entscheidendes Trägermedium ein 80-seitiges Punkzine mit einer Auflage von 800 Exemplaren. Die Fotos darin featuren Larry Long auf und hinter der Bühne, zeigen aber auch befreundete Drag-Artists. Typografie und Layout sind kunstvoll-rotzig, kürzere Texte vermitteln, was das „King“-Sein künstlerisch, politisch und gender-theoretisch bedeutet. Dass es um weitaus mehr geht als Verkleidung und Glamour. Auch und gerade in Ostwestfalen. „Es ist eine aktivistische Publikation“, bringt es Katharina Bosse auf den Punkt. „Ich stelle sie zum Beispiel kostenlos CSDs und ähnlichen Veranstaltungen zur Verfügung, und die können sie dann gegen eine Spende weitergeben. Und es ist tatsächlich ein Projekt von Larry und mir gemeinsam, in dem sich die klassische Trennung von Künstlerin und Model auflöst.“

Schnüre zum Aufhängen von Bildern liegen auf einer Bank

Larry Long ist als eine Art Rock-Alien – mit Iro-Tolle, Manga-Bart und geschminktem Sixpack

Drag-Kings sind – obwohl kein neues Phänomen – innerhalb der Szene noch immer stark unterrepräsentiert. „Mir ist es wichtig zu zeigen, dass es auch im Drag Geschlechterungleichheiten gibt“, sagt Bosse. „Und dass es darauf ankommt, präzise zu formulieren.“ Die von ihr vergangenes Jahr im Kunstraum Elsa kuratierte Ausstellung „Drag *KINGS*“ bekam die Sternchen im Titel ganz bewusst. „Denn es gibt nicht nur Kings, sondern zum Beispiel auch Quings, Creatures und Things – diese hohe Genderfluidität will ich sichtbar machen.“

Was ist ein Drag-King? Queere Positionen sichtbar machen!

Allgemein gesprochen, ist ein Drag-King eine Performance-Figur, die auf der Bühne männliche Stereotypen parodiert – wobei den meisten der Personen dahinter bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen wurde. Aber jeder King ist anders. Larry Long kommt als eine Art Rock-Alien daher. Seine Auftritte bersten vor Energie und wirken oft wild und chaotisch. Zur mächtigen Iro-Tolle gesellt sich ein angemalter Bart, der von Mangas inspiriert ist. Das Gesicht ist im gleichen Stil kantig geschminkt wie Brustmuskulatur und Sixpack. Das Outfit changiert zwischen Punk, Kink, Trash und rebellischer Eleganz.

Diese verletzlichen Momente, wenn sich die Person in die Bühnenfigur verwandelt

Auf Veranstaltungen ist Larry Long in der Regel der einzige Drag-King unter sonst nur Queens. „Wir als Kings haben ganz oft das Gefühl, wir müssen uns beweisen, wir müssen 110 Prozent geben“, sagt er in einem Youtube-Video zur Ausstellung „Drag *KINGS*“. Von den Queens müsse daher noch mehr Unterstützung, auch inhaltlicher Art kommen.

Doch Fortschritte zeichnen sich ab. So wurde Larry Long, der sich den Drag während der Covid-Epidemie mithilfe von Video-Tutorials selbst beigebracht hatte, im Januar 2024 zum „Drag Star NRW“ gekürt und setzte sich damit gegen vier Queens durch. Die Veranstaltung im Düsseldorfer Schauspielhaus war gleichzeitig die größte, die Katharina Bosse mit ihrer Kamera für die „Adventures of Larry Long“ begleitete. Etwas über ein Jahr lang folgte sie Larry zu seinen Auftritten, fotografierte wie ein „Fan-Girl“ seine Performances, warf aber darüber hinaus intime Blicke hinter die Kulissen. „Mich haben besonders diese verletzlichen Momente interessiert, wenn sich die Person in die Bühnenfigur verwandelt“, sagt Bosse. Auch bei Larry zuhause durfte sie Aufnahmen machen.

Reportagefotografin in New York und erste Chronistin des „New Burlesque“

Katharina Bosse sitzt seitlich auf einem Suhl
Prof. Katharina Bosse ist Professorin für Fotografie am Fachbereich Gestaltung der HSBI und Gründerin der 2019 eröffneten Bielefelder Projektgalerie „Kunstraum Elsa".

Mit ihrer ganz eigenen Haltung aus Offenheit, Respekt, Wärme und Akzeptanz ist ihr so eine äußerst authentische Reportage gelungen. „Im Zeitalter von generischer KI hat das natürlich noch mal einen besonderen Wert“, sagt Katharina Bosse. „Und umsetzen konnte ich das nur, weil ich ein Sabbatical genommen hatte.“

„The Adventures of Larry Long“ waren für die HSBI-Professorin gleichsam ein Throwback in die Zeit der Jahrtausendwende. „Da habe ich in New York gelebt und war ziemlich erfolgreich mit meiner Reportagefotografie“, sagt Bosse. Sie veröffentlichte ihre Bilder im New Yorker und dem New York Times Magazine und stellte aus im Museum of Modern Art und der Mary Boone Gallery. „Zu der Zeit war ich auch in queeren Trendbars unterwegs, schon weil man dort als junge Frau nicht ständig angebaggert wurde, und habe viele Drag-Performances gesehen.“ 2003 erschien ihr Buch „New Burlesque“ – das erste überhaupt, das sich speziell mit diesem Thema beschäftigte.

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Zur Kulturgala zeigt Katharina Bosse eine Auswahl der Bilder im Foyer des Stadttheaters.

Das Engagement für feministische und queere Sichtbarkeit trägt Früchte

In eben jenes Jahr fiel dann auch ihre Berufung zur Professorin in Bielefeld, wo sie ihren feministischen Diskurs rund um Queerness und Genderzeichen fortsetzte. So ist letztlich auch der Kunstraum Elsa ein Stück East Village, das in Bielefeld eine ganz eigene Gestalt angenommen hat. „New York war für mich Heimat, genau wie es Bielefeld jetzt ist, doch ein solcher Ort hat mir hier gefehlt“, sagt Katharina Bosse. „Die Förderung des Frauenanteils in der Kunst und das Ausbauen von Netzwerken sind dabei ein zentraler Bestandteil der Arbeit.“

Mit der Einladung zur diesjährigen Kulturgala trägt dieses Engagement nun Früchte – und das sorgt überall in der Stadt für Sichtbarkeit. Denn auf dem Plakat zur Veranstaltung sieht man niemand anderen als: Larry Long. (poe)

Weitere Informationen

Die Kulturgala findet am 1. März um 19.30 im Theater Bielefeld statt. Karten sind ab 16 Euro an der Theater- und Konzertkasse in der Altstädter Kirchstraße 14 (Tel.: 0521/51 54 54), an allen bekannten Vorverkaufsstellen und online auf www.theater-bielefeld.de erhältlich.

Links

Kulturamt Bielefeld: Kulturgala 
Kunstraum Elsa

Videos zur Ausstellung „Drag *KINGS*“:

https://www.youtube.com/watch?v=ghqTV3vtqEg
https://www.youtube.com/watch?v=JI7c692pj6c