Bielefeld (hsbi). „An ihr war eine Operettendiva verloren gegangen – die Oper wäre ein zu ernstes Fach gewesen für diese farbenliebende Frau, die stets ein Ausbund an Heiterkeit schien.“ So charakterisiert Prof. Dr. Anna Zika vom Fachbereich Gestaltung der Hochschule Bielefeld (HSBI) ihre Kollegin Honorarprofessorin Dr. Hildegard Wiewelhove. 1993 hatte die gebürtige Münsteranerin die Leitung des später so genannten Museum Huelsmann für Kunst- und Designgeschichte in Bielefeld übernommen. Vor allem ihr war der Einzug der wertvollen Sammlung des ehemaligen Kunsthändlers Friedrich Huelsmann in die „Direktorenvilla“ im Ravensberger Park zu verdanken. Hier erweckte sie kleinformative Gemälde, Mobiliar des 17. und 18. Jahrhunderts sowie Fayencen oder Porzellan immer wieder zum Leben – in Ausstellungen und Führungen sowie schließlich in ihrer kunstvermittelnden Tätigkeit als Lehrbeauftragte am Fachbereich Gestaltung der HSBI. „Ihre Begeisterung etwa für das dramatische Potential von Porzellanfiguren des Rokoko steckte mich derart an, dass ich anfing, selbst welche zu sammeln – obwohl ich sie bis dato immer kitschig fand“, erinnert sich Zika.
Legendäre gemeinsame Ausstellungen mit dem Fachbereich Gestaltung in den 2010er-Jahren
Schon bald waren ihre Seminare zu wechselnden Themen so nachgefragt und ihre Mitwirkung als Prüferin auch von Abschlussprojekten so beliebt, dass ihr der Fachbereich Gestaltung 2013 eine Honorarprofessur antrug. „In diese Amtszeit fallen legendäre Ausstellungen, die Studierende und Lehrende der Gestaltung zusammen mit ihr entwickelten und in den Räumen der ,Weißen Villa‘ realisieren durften“, berichtet Zika. So standen an einem Sommerabend des Jahres 2015 Hunderte Menschen Schlange, um die Vernissage von „Viva Victoria“ zu besuchen. Die Professor:innen Willemina Hoenderken (Mode), Dr. Anna Zika (Theorie der Gestaltung) und Nils Hoff (Illustration) hatten in ihren Seminaren textile Objekte sowie Bilder und Texte entstehen lassen, die weibliches Leben im 19. Jahrhundert neu interpretierten. Dieselbe Konstellation von Lehrenden und Studierenden beschwor 2016/17 mit „the Fifties – Rauch und Neuanfang“ die Epoche der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit herauf – mit ähnlichem Besuchserfolg! 2017 lud Hildegard Wiewelhove den Fachbereich erneut in ihre Wirkungsstätte ein – diesmal mit dem Typographie-Festival „Ultrafett“ unter Leitung von Prof. Dirk Fütterer.
Der fotografische Nachlass von Friedrich Huelsmann erreicht 2018 das Museum
Im Jahr 2018 schließlich fand sich im Museum der umfangreiche amateurfotografische Nachlass von Friedrich Huelsmann ein, der in den 1930er Jahren mit einer Rolleiflex seine Gegenwart erkundete und Geschichte beschwor. Das Konvolut übertrug sie Prof. Dr. Anna Zika zur wissenschaftlichen Bearbeitung und zur Konzeption einer Ausstellung, die dann allerdings erst unter der neuen Leitung des Museums realisiert werden konnte.
„Die Studierenden liebten Hildegard Wiewelhove wegen ihres umfassenden, die Grenzen der Kunstgeschichte weit sprengenden Fachwissens und wegen ihres umwerfenden Humors, der vor der eigenen Person nicht Halt machte“, erinnert sich Anna Zika. Gegen Ende ihrer Dienstzeit erkrankte sie an einem bösartigen Aderhautmelanom, und ihr stand der Ersatz eines Auges durch eine Prothese bevor. Dieses einschneidende Ereignis quittierte sie mit Blick auf ihre Museumsarbeit mit schwarzem Humor: „Wenn ich künftig in Ausstellungen zu erläutern habe, was Glasbläser vermögen, kann ich auf mein Auge zeigen!“ Unmittelbar nach dieser schweren Erkrankung schied Hildegard Wiewelhove aus dem Museums- und akademischen Dienst aus. Mutig stürzte sie sich mit neuer Energie und neuer Brille in den „Unruhestand“, engagierte sich u.a. im Städtischen Musikverein der Stadt Bielefeld sowie im Vorstand des damaligen Fördervereins des Museums Huelsmann. Lange konnte sie diese Aktivitäten nicht genießen, denn die Krankheit kam nach wenigen Jahren mit Wucht zurück. Hildegard Wiewelhove erlag ihr am 10. August 2026. Die Hochschule Bielefeld und der Fachbereich Gestaltung werden ihr Andenken in Ehren halten. (az/lk)