Das Theaterstück „And now Hanau“ behandelt die Morde eines rechtsextrem und rassistisch motivierten Täters an neun jungen Hanauer:innen am Abend des 19. Februar 2020. Auf Initiative der Abteilung Bielefeld der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW (HSPV NRW) und in Kooperation mit der HSBI als Gastgeberin brachte eine Schauspielgruppe der Theater Münster und Oberhausen das Stück nun im Audimax der Hochschule Bielefeld auf die Bühne. Es erzählt aus der Perspektive der Hinterbliebenen von Tathergang und Hintergründen, von ihrer Trauer und ihrem Ringen um Aufklärung sowie von Mängeln beim polizeilichen, juristischen und politischen Umgang mit dem Anschlag. Im Zuschauerraum: Rund 230 angehende Polizistinnen und Polizisten der HSPV NRW, zwei Dutzend Studierende der HSBI sowie zahlreiche Gäste aus der Hochschullandschaft und der Stadtgesellschaft. „And now Hanau“ gedenkt den Opfern des Anschlags und leistet Aufarbeitung.
Bielefeld (hsbi). Fürsorge für die Hinterbliebenen, menschliches Einfühlungsvermögen, eine ehrliche Aufarbeitung von Fehlern und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen – das waren die zentralen Gedanken, die Studierende der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen (HSPV NRW) aus dem Theaterstück „And now Hanau“ mitgenommen haben. Viele reflektierten, wie entscheidend ein sensibler Umgang mit Angehörigen ist, und einige hoben hervor, welche Bedeutung eine Entschuldigung für die Betroffenen haben kann. Am vergangenen Freitag hatten sie das Stück im vollbesetzten Audimax der Hochschule Bielefeld (HSBI) gemeinsam mit HSBI-Studierenden verfolgt. Das dokumentarische Drama des Autors Tuğsal Moğul zeichnet minutiös den Anschlag von Hanau vom 19. Februar 2020 nach. Damals erschoss ein rassistisch und rechtsextrem motivierter Täter neun Hanauer:innen und verletzte sechs weitere zum Teil lebensgefährlich, von denen einer später seinen Verletzungen erlag.
Schmerz der Angehörigen mischt sich mit Empörung über Diskriminierung bei der Aufarbeitung
Das Stück erinnert an die Opfer, gibt den Hinterbliebenen eine Stimme und kritisiert das Versagen der Polizei in der Tatnacht wie auch die Mängel bei der Aufarbeitung des Anschlags durch Staatsanwaltschaft und Politik. Die Schauspieler des Theaters Münster und Oberhausen riefen die Namen der Opfer laut im Chor und berichteten von ihren Biografien und ihren Lebensplänen. Porträts der Erschossenen wurden auf einem Bildschirm gezeigt. Bewegende Szenen nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Publikum waren die Folge. Manche Zuschauer weinten angesichts der Schonungslosigkeit der Gewalt.
Das Stück wurde im vollbesetzten Audimax des HSBI-Hauptgebäudes aufgeführt.
Erschütternd auch die Darstellung des Schmerzes der Angehörigen durch das Schauspielensemble: Die Verletzung durch den erlittenen Verlust mischte sich für die Hinterbliebenen immer wieder mit Empörung, Wut und Enttäuschung über die zahlreichen begangenen Fehler während des Polizeieinsatzes und die unzureichenden Ermittlungen nach den Morden. Der Täter hatte seinen Hass und seine rechtsextreme Weltanschauung durch zahlreiche Beiträge im Internet immer wieder öffentlich gemacht. Er war den Behörden mehrfach als psychotischer Paranoiker und Gewalttäter aufgefallen. Dennoch war er im Besitz einer amtlichen Erlaubnis zum Erwerb von Schusswaffen und Munition.
Wäre der Anschlag verhinderbar gewesen? Operative Mängel bei Behörden und Polizei
Erschütternde Darstellung des Schmerzes der Angehörigen durch das Schauspielensemble.
Eines der späteren Opfer, der 22-jährige Vili Viorel Păun, verfolgte den Schützen couragiert mit seinem Auto, setzte ihn unter Druck und verhinderte so womöglich weitere Morde an einem der Tatorte, bis sich der Täter ihm zuwandte und ihn durch die Windschutzscheibe seines Wagens mit drei Schüssen tödlich verletzte. Während der vorausgegangenen Verfolgung hatte Păun drei Mal die 110 gewählt, doch niemand ging ans Telefon. Und so kam die Polizei zu spät zum nächsten Tatort, wo weitere wehrlose Menschen dem Täter zum Opfer fielen.
Nicht nur die Tat selbst, auch den Umgang mit ihnen im Nachgang erlebten die Angehörigen – viele von ihnen deutsche Staatsbürger, die hier geboren sind – als rassistisch. Teilweise blieben sie tagelang im Ungewissen, was mit ihren Lieben geschehen war, wurden nur unzureichend psychologisch betreut und fühlten sich behandelt wie Störenfriede. Der Eindruck, Bürger zweiter Klasse zu sein, verfestigte sich, als Verfahren gegen die Einsatzleitung eingestellt und eine Entschuldigung seitens der operativ und politisch Verantwortlichen ausblieb.
Polizeiliche und soziale Arbeit muss die Bereitschaft haben, das eigene Handeln zu hinterfragen
Prof. Dr. Michael Stricker, Dekan des Fachbereichs Sozialwesen der HSBI, mahnte in seinem Grußwort den Angehörigen zuzuhören „auch dort, wo ihre Erfahrungen und ihre Fragen für unsere Institutionen unbequem sind“.
Prof. Dr. Michael Stricker, Dekan des Fachbereichs Sozialwesen und Sprecher der Dekan:innen an der HSBI, hatte in seinem Grußwort vor der Aufführung, unterstrichen, dass die Angehörigen und Überlebenden es „verdienen, dass wir ihnen zuhören – auch dort, wo ihre Erfahrungen und ihre Fragen für unsere Institutionen unbequem sind“. In der Sozialen Arbeit begegne man oft Menschen, die Erfahrungen mit Ausgrenzung und Diskriminierung haben. „Professionelles Handeln beginnt damit, diese Erfahrungen ernst zu nehmen. Dazu gehört auch, die eigenen Annahmen zu überprüfen: Wem glauben wir? Welche Erfahrungen übersehen wir? Und welche Hindernisse entstehen durch die Einrichtungen, in denen wir selbst arbeiten?“ Das gelte auch für die Polizei, so Stricker: „Wer staatliche Verantwortung trägt, muss Menschen schützen und ihre Rechte gewährleisten. Dafür braucht es Fachwissen, Urteilskraft und die Bereitschaft, das eigene Handeln kritisch zu prüfen.“
Prof. Dr. Heidi Mescher Leiterin der Abteilung Bielefeld der HSPV und Initiatorin der Aufführung, unterstrich die Wahrung der Menschenwürde als zentralen Aspekt des polizeilichen Berufsalltags.
Prof. Dr. Heidi Mescher, Leiterin der Abteilung Bielefeld der HSPV, sagte: „Mit dieser Veranstaltung verbinden wir den Wunsch, die Wahrung der Menschenwürde als zentralen Aspekt des polizeilichen Berufsalltags zu begreifen – als Haltung, die jeden Einsatz begleitet“, so die Initiatorin der Aufführung. „Wir alle lernen, wenn wir Menschen begegnen, die anderes erlebt haben als wir. Unsere Welt wird größer, und mit ihr unser Spektrum an Handlungsmöglichkeiten, getragen von Respekt. Das wünsche ich mir für unsere Studierenden als künftige Polizistinnen und Polizisten. Und ich wünsche es uns allen als Menschen in einer demokratischen Gesellschaft!“
Autor fordert mehr Auseinandersetzung mit Rassismus und Rechtsextremismus in Deutschland
Tuğsal Moğul, der nicht nur Autor des Stückes, sondern auch Anästhesist ist, berichtete von seinem Anliegen, den Opfern zu gedenken und den kritischen Diskurs über rechtsextreme und rassistische Gewalt in Deutschland zu fördern. „Der Polizeieinsatz war extrem herausfordernd und keiner würde mit den Einsatzkräften tauschen wollen. Das kann ich Ihnen als Notfallmediziner sagen. Aber das, was geschah und nicht geschah, wurde nicht vernünftig aufgearbeitet.“ Moğul unterstrich, wie wertvoll es sei, „And now Hanau“ hier in Bielefeld erstmals vor künftigen Vertreter:innen der Exekutive aufführen zu können, um das Bewusstsein für die Allgegenwart von Rassismus und Rechtsextremismus zu schärfen.
Der Autor des Stückes, Tuğsal Moğul, hier nach der Aufführung mit dem Ensemble des Theaters Münster und Oberhausen, nannte Rassismus allgegenwärtig in unserer Gesellschaft.
Emma Bösken und Hinnerk Frasch, die im Publikum waren und an der HSBI Soziale Arbeit studieren, mussten sich nach der Aufführung erst einmal vor dem HSBI-Hauptgebäude hinsetzen und das Erlebte verarbeiten. Bösken nahm „viel neues Wissen mit über die begangenen Fehler und die Zumutungen, denen die Angehörigen der Opfer ausgesetzt waren“. Für Frasch war die Aufführung „extrem emotional, authentisch und tiefgründig“. Er könne sich gut vorstellen, mit den Kommiliton:innen von der Polizeihochschule im Nachgang noch einmal über das Stück zu sprechen: „Professionsübergreifende Zusammenarbeit ist extrem wichtig.“ (lk)