26.02.2026

Gemeinsam besser versorgen: Interprofessionelle Lehre für Studierende der angewandten Hebammenwissenschaft und der Medizin

Foto: Eine Frau tastet den Bauch einer schwangeren Simulationspuppe ab
Das Skills Lab ist ein Highlight in der praxisorientierten Lehre. Hier können Studierende ihr Gelerntes in geschützter Umgebung anwenden. © P. Pollmeier/HSBI
Foto: Porträt Hanna Schroeder vor der HSBI
Hanna Schroeder, HSBI-Koordinatorin für die interprofessionelle Zusammenarbeit in der Hebammenwissenschaft, ist es wichtig, die Zusammenarbeit der Professionen bereits im Studium anzubahnen, um sie als Bereicherung wahrzunehmen. © P. Pollmeier/HSBI
Foto: Zwei Studentinnen schauen sich auf einem Handy die Website des Studiengangs Angewandte Hebammwissenschaft an
Der Austausch von Erfahrungen und Informationen zum Studiengang und zur Zusammenarbeit war den Studierenden besonders wichtig. © P. Pollmeier/HSBI
Foto: Porträt Pia Natalie Gadewoltz
Pia Natalie Gadewoltz, Koordinatorin der Interprofessionalität an der Medizinischen Fakultät OWL, formuliert als Ziel, dass berufliche Nähe und das Vertrauen zueinander aufgebaut werden soll, damit eine konstruktive Zusammenarbeit gelingen kann. © P. Pollmeier/HSBI
Foto: Jette Schneeberger unterhält sich
Studentin Jette Schneeberger ist inspiriert durch die Unterstützungsarbeit, die Hebammen leisten. Davon kann sie in der interprofessionellen Lehre anderen berichten. © P. Pollmeier/HSBI
Foto: Maja Feuerborn und Jette Schneeberger arbeiten gemeinsam an Laptops an einem Tisch Maja Feuerborn schaut in die Kamera
Für Studentin Maja Feuerborn war früh klar, dass sie Hebamme werden will. Besonders an dem Beruf sei, das Vertrauen der Frauen und Familien zu erhalten und in solch sensiblen Momenten unterstützen zu dürfen. © P. Pollmeier/HSBI
Foto: Auf einen Tisch liegen ausgedruckte Lehrfolien
Die Lehrveranstaltungen im interprofessionellen Lehren und Lernen werden jährlich angeboten. © P. Pollmeier/HSBI
Wie kann eine Kooperation im Arbeitsalltag bereits im Studium vorbereitet werden? Studierende der angewandten Hebammenwissenschaft und der Medizin haben sich während der interprofessionellen Woche an der HSBI und der Universität Bielefeld über Zusammenarbeit, gemeinsame Versorgung und deren Umsetzung in die Praxis ausgetauscht. Dabei konnten sie die jeweils andere Profession, ihre Sichtweise und Aufgabenbereiche näher kennenlernen. Ein Mehrwert, der im späteren Berufsalltag nachklingen soll.

Bielefeld (hsbi). Bereits zum dritten Mal fand in diesem Wintersemester die gemeinsame interprofessionelle Lehre für Studierende der angewandten Hebammenwissenschaft an der Hochschule Bielefeld (HSBI) und der Medizin an der Universität Bielefeld statt. Die Idee dahinter ist, den Perspektivwechsel der Studierenden durch gemeinsame Lehre und anregende Diskussionen zu ermöglichen. Dadurch soll die Zusammenarbeit im späteren Berufsalltag und die Versorgung der Schwangeren, Gebärenden und Wöchnerinnen sowie deren Familien verbessert werden.

An der HSBI verläuft das Studium angewandte Hebammenwissenschaft praxisintegriert. Dabei wechseln sich theoretisches und praktisches Lernen in der Hochschule und Praxiseinsätze bei freiberuflichen Hebammen sowie in den geburtshilflichen Abteilungen der Kliniken, mit denen die Praxiszentren für angewandte Hebammenwissenschaft in Minden und Paderborn kooperieren, ab. Die Studierenden schließen mit der staatlichen Prüfung zur Hebamme und dem Schreiben einer Bachelorarbeit ihr Studium mit einem Bachelor of Science ab. Die Tage der interprofessionellen Lehre (IPL) finden im fünften Semester statt. Hanna Schroeder, Koordinatorin für die interprofessionelle Zusammenarbeit in der Hebammenwissenschaft an der HSBI, berichtet: „Ich habe früher an der Medizinischen Fakultät im Skills Lab gearbeitet. Als ich an die HSBI gewechselt habe, war klar, dass wir etwas zusammen auf die Beine stellen wollen, was uns gut gelungen ist.“

Kooperative Schwangerenvorsorge, Ethik, Chirurgie und Krankheiten bei Frühgeborenen

Foto: Hanna Schroeder simuliert mit einer Puppe den Geburtsvorgang
Im Skills Lab können Studierende ihr Gelerntes an Modellen ausprobieren und üben.

Die Lehrveranstaltungen im interprofessionellen Lehren und Lernen werden jährlich angeboten. In der Regel nehmen etwa gleich viele Studierende beider Studiengänge teil, zuletzt waren es insgesamt knapp 60 Teilnehmende. Die Studierenden starteten am ersten Tag IPL mit Ethik und Reproduktionsmedizin, was durch weitere medizinische Vorlesungen aus Ethik und Chirurgie am Folgetag ergänzt wurde. Der Dienstagnachmittag stand im Zeichen der kooperativen Schwangerenvorsorge. Zwei Gastdozentinnen referierten über ihren interprofessionellen Arbeitsalltag als Gynäkologin und Hebamme in Bielefeld. Anschließend tauschten sich die Teilnehmenden in Kleingruppen zur Zusammenarbeit in der Geburtshilfe aus. Zum Abschluss der Woche stand die Versorgung und Begleitung von Frühgeborenen und deren Eltern auf dem Programm.

Der Austausch ist besonders wichtig

An erster Stelle stand für die Studierenden der Austausch. Im persönlichen Dialog thematisierten sie neben Fachlichem auch Studienwahl und Motivation. Für Jette Schneeberger ist Hebamme Berufswunsch Nummer eins, dem sie nun immer näherkommt: „Hebammen leisten wertvolle Unterstützungsarbeit für werdende Eltern – diese Kompetenzen wollte ich ebenfalls erlernen, um Eltern in dieser sensiblen Lebensphase eine gute Betreuung zu ermöglichen.“ Ihrer Kommilitonin Maja Feuerborn geht es da ähnlich: „Wenn man sich mit Frauengesundheit beschäftigt, landet man schnell bei diesem Studiengang.“ Auch für sie war sehr früh klar, dass sie Hebamme werden will. „Das Vertrauen der Frauen und Familien zu erhalten und sie unterstützen zu können, macht den Beruf aus“, ergänzt sie.

Foto: Auf einem Tisch liegt der Ablaufplan des Tages
Für die Studierenden gab es verschiedene Veranstaltungen aus den beiden Professionen an drei Tagen.

Das Studium der angewandten Hebammenwissenschaft bietet durch den Wechsel von Theorie und Praxis viel Abwechslung. Ein Highlight für die Studierenden ist es, wenn es ins Skills Lab geht. Dort können sie das Gelernte in geschützter Umgebung an Modellen ausprobieren und üben, bevor es in der Praxis angewendet wird.

„Es geht darum, voneinander zu wissen, die Aufgabenbereiche der anderen Profession zu kennen und bereits im Studium Zusammenarbeit als eine Bereicherung zu erleben.“

Hanna Schroeder, Koordinatorin für die interprofessionelle Zusammenarbeit in der Hebammenwissenschaft an der HSBI

IPL ermöglicht den Hebammen- und Medizinstudierenden somit Einblicke in die Lehre und Blickwinkel der anderen Profession. Dadurch kann ein Verständnis für die jeweils andere Berufswelt und Kompetenz bereits im Studium geschaffen werden. Die Studierenden sollen durch den Austausch lernen, einander zu vertrauen und gemeinsame fachliche Entscheidungen zu treffen. Sie erhoffen sich außerdem gegenseitiges Verständnis durch das gemeinsame Lernen. Dies wird auch übergeordnet von den Initiatorinnen als Ziel aufgefasst: „Es geht darum, voneinander zu wissen, die Aufgabenbereiche der anderen Profession zu kennen und bereits im Studium Zusammenarbeit als eine Bereicherung zu erleben. Denn das gemeinsame Ziel aller Professionen im Gesundheitswesen ist die bestmögliche Versorgung der Frauen und Familien“, so Hanna Schroeder. In Bezug auf Schwangere, Gebärende und Wöchnerinnen werde eine gut koordinierte Schnittstelle zwischen Ärzt:innen und Hebammen zunehmend bedeutsam – auch vor dem Hintergrund anspruchsvoller Finanzierungslagen in Kliniken und des Fachkräftemangels.

Die Verantwortlichen sind zufrieden

Hanna Schroeder erklärt: „Es gab bei den Studierenden anfangs Verwunderung darüber, dass das Thema Zusammenarbeit überhaupt thematisiert werden muss und diese nicht unbedingt überall gelebt wird. Aus der Erfahrung im Kreißsaal weiß ich, dass es große Unterschiede in der Qualität der Zusammenarbeit zwischen Hebammen und ärztlichen Geburtshelfer:innen gibt und welchen Einfluss dies auf die Versorgung der Gebärenden hat. Auch für die Patientinnensicherheit spielt die professionsübergreifende Zusammenarbeit im Team eine wichtige Rolle.“ Durch die Kooperation mit der Medizinischen Fakultät OWL lasse sich die berufliche Zusammenarbeit schon im Studium anbahnen.

Pia Natalie Gadewoltz, Koordinatorin der Interprofessionalität an der Medizinischen Fakultät OWL, hebt hervor, dass die Universität und die HSBI mit IPL etwas Besonderes geschaffen haben. Lehrende sowohl an der HSBI als auch an der Universität diskutieren, welche ihrer Lehrveranstaltungen sie in die interprofessionelle Lehre einbringen können. Daraus entwickelten sich dann verschiedene Formate gemeinsamer Lehre. „Bei den Lehrveranstaltungen mit der HSBI sind vor allem die Studierenden und ihre Interaktion hervorzuheben. Die Hebammen können den Medizinstudierenden durch ihre große praktische Erfahrung einen guten Einblick geben. Es ist absolut lohnenswert, diese Gruppen frei diskutieren und sich gegenseitig inspirieren zu lassen.“

Auch politische Entscheidungen sind Thema

Foto: Ein Student nimmt an einer Vorlesung im Hörsaal teil vor ihm steht Laptop
Studierende der angewandten Hebammenwissenschaft und der Medizin nehmen gemeinsam an Lehrveranstaltungen der interprofessionellen Lehre teil.

Die angehenden Hebammen beschäftigt eine politische Entwicklung momentan besonders: Seit dem 1. November 2025 gilt ein neuer Hebammenhilfevertrag, durch den freiberufliche Hebammen ihre Arbeit anders mit den Krankenkassen abrechnen als zuvor. Berichten aus der Praxis zufolge bleibt den Hebammen in Freiberuflichkeit damit deutlich weniger Einkommen für gleiche Arbeit und Verantwortung. Die Konsequenz: Viele Hebammen denken darüber nach, ihre Tätigkeit zu beenden. Im Studium der Hebammenwissenschaft gibt es einen Block zu Abrechnung und Freiberuflichkeit, in dem explizit darüber gesprochen wird, wie diese Abläufe funktionieren und wie sie sich seit November 2025 verändert haben. Unter den Studierenden ist es allerdings auch privat ein Thema: „Krise!“, fasst es Jette Schneeberger zusammen. Die Studierenden sind sich überwiegend einig, dass die Freiberuflichkeit unter den veränderten Bedingungen für sie nicht infrage kommt, auch wenn das für einige der ursprünglich bevorzugte Weg gewesen wäre. Es beschäftigt sie, dass das Thema politisch und medial nicht so viel Aufmerksamkeit erhält, obwohl Hebammen so wichtig für die Gesellschaft sind und ihre Arbeitsbedingungen verbessert werden sollten. (nbe)

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