Fotografie-Studentin Jana Welbers von der Hochschule Bielefeld reiste für ihr Auslandssemester in die peruanische Hauptstadt Lima. In Peru erlebt sie nicht nur einen völlig anderen Alltag, sondern lernt auch, mit einem ganz neuen Blick auf Deutschland zu schauen. Ihre Eindrücke schilderte sie auch auf dem Instagram-Kanal @studierenweltweit, einer Initiative vom DAAD und BMFTR.Die 27-jährige HSBI-Studentin Jana Welbers hat ihr Auslandssemster in der peruanischen Hauptstadt Lima absolviert.
Bielefeld (hsbi). Wenn Jana Welbers in ein Uber steigt, um zum Campus ihrer peruanischen Gasthochschule zu gelangen, braucht sie für die sechs Kilometer durch Lima manchmal 40 Minuten, manchmal zwei Stunden. Die 27-jährige Fotografie-Studentin der Hochschule Bielefeld (HSBI) hat für ihr Auslandssemester einen mutigen Schritt gewagt: Es ist das erste Mal, dass sie Europa verlassen hat. Aus einem impulsiven Gefühl heraus wählte die Fotografie-Studentin Peru als Ziel: Ein Land, über das sie zu Beginn kaum mehr wusste als die Geschichte der Inka.
Das Ankommen in Südamerika erlebt die Studentin direkt als sehr intensiv. Welbers: „Als ich aus dem Flughafen kam, war ich zunächst etwas geschockt vom Zustand der Umgebung: viele kaputte oder unfertig gebaute Häuser, beschädigte Straßen und teilweise sehr prekäre Lebensumstände. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich allerdings noch nicht, dass der Flughafen von eher ärmeren Stadtvierteln umgeben ist.“
Studentisches Erleben ist ganz anders als Tourist zu sein
Der Hauptplatz des Distrikts Antioquia in Lima.
Doch dann machte ihr das Land das Einleben leicht: Gemeinsam mit ihrem britischen Mitbewohner Angelo wohnt sie bei der peruanischen Vermieterin Gladys. Die Peruanerinnen und Peruaner erlebte die Studentin als überaus herzlich und humorvoll. Anschluss zu finden war für sie kein Problem: „Wenn man Menschen anspricht, reagieren sie meist sehr offen und interessiert“, berichtet sie. „Durch meine Freundschaften hier erlebe ich Peru auf eine Weise, die als Tourist niemals möglich wäre. Ich weiß nicht, ob ich mich ohne die gute Anbindung und Unterstützung durch die Universität so schnell getraut hätte, für längere Zeit an einem so weit entfernten Ort zu leben.“
Im Alltag prägen ganz neue Routinen das Leben der Studentin. „Es gibt hier natürlich auch ganz normale Supermärkte wie in Deutschland, allerdings versuche ich, möglichst oft frisches Obst und Gemüse auf lokalen Märkten zu kaufen. Peru hat eine beeindruckende Auswahl an frischen Früchten, darunter beispielsweise Cherimoya oder Granadilla, die man in Deutschland kaum bekommt.“
Zwischen Abendkursen, Traditionen und Andenspiritualität
Ein Highlight für Jana Welbers: Der Auftakt des Festes Qoyllur Rit’i.
Anders ist auch das Studierendenleben in Peru, dazu gehören Abendkurse, die erst um 18 Uhr beginnen und bis 22 Uhr dauern. „Der Campus meiner Gasthochschule wirkt deutlich voller und lebendiger als man es von deutschen Hochschulen kennt. Zu jeder Zeit sind viele Studierende unterwegs, oft bis spät in die Nacht“, erzählt Welbers. Neben Kursen wie Iluminación II (Belichtung) oder Branding absolviert sie einen Spanisch-Anfängerkurs, der Rest läuft auf Englisch. „Ich bin ohne Spanischkenntnisse nach Peru gekommen und lerne die Sprache hier Schritt für Schritt. Die Erfahrung ist unglaublich bereichernd und prägend.“
Als Fotografin fasziniert Jana Welbers vor allem die Begegnung mit Menschen, sagt sie. Ein Highlight ihrer Reise erlebte sie in Cusco zum Auftakt des Festes Qoyllur Rit’i: „Menschen aus unterschiedlichen Regionen trugen wunderschöne, farbenfrohe traditionelle Kleidung und tanzten den ganzen Tag über im Zentrum der Stadt. Ich war beeindruckt von der Energie, die dort spürbar war, und von der Vielfalt der kulturellen Ausdrucksformen. Das Fest verbindet Elemente der Andenspiritualität mit dem katholischen Glauben. Vor rund 500 Jahren wurde Peru von den Spaniern erobert, und die Auswirkungen dieser Geschichte lassen sich bis heute in solchen kulturellen und religiösen Traditionen erkennen.“
Eine neue Perspektive auf Deutschland
Die Erfahrungen in Peru schärften Janas Blick auf ihre eigene Herkunft und Lebensrealität.
Ganz ohne Hürden verlief die Zeit im Ausland allerdings nicht. Zwei Lebensmittelvergiftungen machten der Studentin zu schaffen, trotz aller Vorsichtsmaßnahmen wie desinfiziertem Gemüse und Flaschenwasser. Viel tiefgreifender als die gesundheitlichen Tücken beschreibt die Studentin jedoch die gesellschaftlichen Unterschiede. Die Begegnung mit der Armut vieler Menschen und das Fehlen eines sozialen Sicherungssystems hinterließen Eindruck. „Ich habe beispielsweise einen Peruaner kennengelernt, der sehr arm aufgewachsen ist und im Bus singen musste, um Geld zu verdienen. Da es kein soziales Sicherungssystem gibt, müssen die Menschen arbeiten, selbst wenn sie krank sind.“
Während ihres Auslandssemesters reiste Jana unter anderem nach Cusco.
Diese Erfahrungen schärften Janas Blick auf ihre eigene Herkunft und Lebensrealität. „Zum ersten Mal habe ich wirklich gespürt, dass Deutschland meine Heimat ist“, reflektiert sie. „Mir war schon vorher bewusst, dass ich in Deutschland ein privilegiertes Leben führe. Doch seit ich hier bin, auch abseits der touristischen Orte unterwegs war und die Lebensrealitäten vieler Menschen mit eigenen Augen gesehen habe, hat sich etwas in mir verändert. Ich bin heute noch dankbarer für unser Sozial-, Bildungs- und Gesundheitssystem. Natürlich ist auch in Deutschland nicht alles perfekt, aber vieles funktioniert deutlich besser.“
Die Peruanerinnen und Peruaner erlebte die Studentin als überaus herzlich und humorvoll.
Jana Welbers zieht ein positives Fazit aus ihrem Abenteuer, trotz oder gerade wegen kultureller Unterschiede und Sprachbarrieren. Welbers: „Natürlich entstehen manchmal Irritationen, weil Humor oder Kommunikation kulturell unterschiedlich geprägt sind. Doch genau diese Momente zeigen mir, wo unsere Unterschiede liegen und gleichzeitig, wie ähnlich wir Menschen uns im Kern eigentlich sind.“ Ihr Rat an andere Studierende? „Wenn du darüber nachdenkst: Mach es! Es ist die beste Erfahrung meines bisherigen Lebens, und ich bin oft zu Tränen gerührt darüber, wie beeindruckend dieses Land ist.“ (she)