23.12.2025

HSBI-Ausstellung zeigt, wie KI und Kunst um Urteilskraft und Autonomie ringen

Prof. Alexander Trattler-Hilgenböcker und Prof. Claudia Rohrmoser auf der Ausstellungsfläche
Prof. Alexander Trattler-Hilgenböcker und Prof. Claudia Rohrmoser kuratierten die Ausstellung „Fuzzy Logic – KI-Gestaltung als Möglichkeitsraum“. © J. Wunder
zwei Personen blicken auf einen Bildschirm in der Ausstellung
In der Ausstellung „Fuzzy Logic – KI-Gestaltung als Möglichkeitsraum“ werden Medieninstallationen interdisziplinär Studierender des Fachbereichs Gestaltung gezeigt. © J. Wunder / HSBI
Zwei Werke der Ausstellung hängen an der Wand
Der Titel „Fuzzy Logic“ stammt aus der Informatik und bezeichnet eine unscharfe Logik, die Abstufungen zwischen wahr und falsch zulässt. Die Ausstellung übersetzt dieses Prinzip in eine ästhetische Haltung: Ambivalenz, Irrtum, Lücke und Interpretation ersetzen den Anspruch auf Eindeutigkeit. © J. Wunder / HSBI
Personen betrachten die Ausstellung
In der Ausstellung wird KI bewusst als produktives Mittel eingesetzt, um Gestaltungsprozesse sichtbar zu machen. © J. Wunder / HSBI
Künstliche Intelligenz hat die Gestaltung grundlegend verändert – von einer technischen Anwendung hin zu einem ästhetischen, sozialen und erkenntnistheoretischen Medium. Im Alltag produzieren Algorithmen Bilder, Entscheidungen und synthetische Realitäten. Für Kunst und Design entsteht damit ein neues Spannungsfeld: Wie lässt sich künstlerische Autonomie behaupten, wenn Wahrnehmung, Materialität und Bedeutung zunehmend algorithmisch vermittelt sind? Antworten darauf sucht die Ausstellung „Fuzzy Logic – KI-Gestaltung als Möglichkeitsraum“, die bis zum 15. Januar 2026 im Hauptgebäude der Hochschule Bielefeld zu sehen ist.

Bielefeld (hsbi). In der Ausstellung „Fuzzy Logic – KI-Gestaltung als Möglichkeitsraum“ werden Medieninstallationen interdisziplinär Studierender des Fachbereichs Gestaltung gezeigt. Die Ausstellung wird kuratiert von Prof. Alexander Trattler-Hilgenböcker und Prof. Claudia Rohrmoser aus der Studienrichtung Digital Media and Experiment (DMX) im Studiengang Gestaltung. Die Exponate der Studierenden werden ergänzt durch visuelle Studien aus dem Seminar Beyond AI Slop, das von Max Schweder betreut wird, sowie durch einen didaktischen KI-Chatbot, den Schweder für die hochschuleigene KI-Plattform yourAI entwickelt hat.

Ausgangspunkt der Ausstellung ist die Erkenntnis, dass KI längst schöpferische Räume besetzt. Ihr wird kreative Intelligenz zugeschrieben. Die Frage nach künstlerischer Qualität bleibt allerdings offen: Digitale Bildgeneratoren produzieren in Sekundenschnelle visuelle Welten. Gleichzeitig flutet massenhaft generierter Bildermüll das Internet: „Laut mehreren Studien stammt inzwischen mehr als die Hälfte der neu veröffentlichten Inhalte im Internet aus generativer KI. Beobachter bezeichnen diesen wachsenden Anteil automatisiert erzeugter Inhalte bereits als ‘AI-Slop’ – also als überbordendes, qualitativ fragwürdiges KI-Material“, sagt KI-Experte Max Schweder. „Wie können wir dieser Überflutung kreativ begegnen? Wie arbeiten wir mit diesen neuen Werkzeugen, ohne dass sie uns künstlerisch entkernen? Und wie holen wir uns die Kunst im Zeitalter maschineller Bilder zurück?“ Welche Rolle spielt also menschliche Urteilskraft in einer Welt, in der auch Bilder nicht mehr eindeutig menschlichen oder nicht-menschlichen Autor:innen zuzuordnen sind?

Fuzzy Logic – Unschärfe als ästhetisches Prinzip

Collage aus Fotos deren Inhalte offensichtlich Fehler enthalten wie entstellte Gesichter und verbogene Arme
Digitale Bildgeneratoren produzieren in Sekundenschnelle ohne menschliches Zutun fotorealistische Bildwelten. Gleichzeitig flutet massenhaft generierter Bildermüll das Internet.

Der Titel „Fuzzy Logic“ stammt aus der Informatik und bezeichnet eine unscharfe Logik, die Abstufungen zwischen wahr und falsch zulässt. Die Ausstellung übersetzt dieses Prinzip in eine ästhetische Haltung: Nicht Eindeutigkeit, sondern Ambivalenz, Irrtum, Lücke und Interpretation werden zu künstlerischen Strategien.

Denn während KI-Systeme darauf ausgelegt sind, Fehler zu eliminieren und eindeutige Ergebnisse zu liefern, arbeiten Künstler:innen bewusst mit Unschärfen. Sie nutzen das Unvollkommene und Fragile, um Räume zu schaffen, die sich erst im Dialog mit den Betrachtenden entfalten. Die Arbeiten zeigen, dass Kreativität dort beginnt, wo der Algorithmus endet: Im Offenen und Unplanbaren, in subjektiven Entscheidungen, die sich nicht auf Datensätze zurückführen lassen.

Auf Datenlücken reagiert die KI mit Konfabulation: Sie erfindet falsche Informationen in Form von statistisch erzeugten Ergänzungen, ohne es zu merken. Auch Künstler:innen arbeiten ähnlich, jedoch schaffen sie bewusst Leerstellen um Bedeutungsvielfalt zu ermöglichen. Sie erweitern Informationen mit Fantasie und kritischer Interpretation. Hier entsteht der schmale Grat zwischen Imagination und Manipulation. Prof. Claudia Rohrmoser hat sich mit Künstlerinnen und Künstlern beschäftigt, die KI nicht meiden, sondern bewusst in ihre Praxis integrieren. Sie betont: „Gerade in der Auseinandersetzung mit bildgenerativen Systemen wird sichtbar, dass künstlerische Erfahrung nicht durch Technologie ersetzt werden kann, sondern dass KI vielmehr neue Perspektiven auf menschliche Wahrnehmung und Bildproduktion eröffnet.“

In diesem Zusammenhang verweist sie auf den Filmemacher und Publizisten Alexander Kluge, der sich in Analogie zur klassischen Filmkamera mit der „virtuellen Kamera“ der generativen KI auseinandersetzt. Kluge kommt zu dem Schluss, dass trotz der enormen Möglichkeiten dieses Werkzeugs, menschliche Subjektivität, Wunsch, Emotion und Erinnerung unersetzlich bleiben – selbst wenn KI fotorealistische Bilder erzeugen kann. Für ihn ist künstlerische KI-Content-Creation weniger ein Ersatz menschlicher Erfahrung, sondern ein Mittel zur Reflexion unserer Wahrnehmung – zugleich eine dringende Aufforderung, das Wissen der Künste in die Produktionsprozesse einzubringen, statt die Kreation allein der Technologie oder dem Zufall zu überlassen.

Ausstellung als Lernraum

Prof. Alexander Trattler-Hilgenböcker, der in seinem Lehrgebiet Creative Technologies die Auswirkungen von KI-Instrumenten auf den Arbeitsmarkt untersucht, betont: „Der KI sollte man nicht mit Scheu begegnen, sondern mit spielerischer Neugier und Experimentierfreude. Nur im direkten Gestalten erkennt man ihre manipulative Kraft und die Verantwortung, die damit einhergeht.“

In seiner Lehre öffnen sich durch kreative Prozesse sichere Räume, in denen neue technische Felder ohne Vorbehalte erkundet werden können. Kreativität folgt dabei keinen festen Regeln und kennt weder richtig noch falsch, sondern entsteht im Dialog mit Material und Werkzeugen. KI reiht sich als Werkzeug in dieses Spektrum ein.

In der Ausstellung wird KI bewusst als produktives Mittel eingesetzt, um Gestaltungsprozesse sichtbar zu machen und neue Erfahrungen zu ermöglichen. So schärft die Ausstellung unser aller mediale Urteilskraft, indem sie technisches Verständnis mit sinnlich-emotionaler Wahrnehmung verbindet – nur durch die Kombination beider Kompetenzen lässt sich die Flut digitaler Bilder einordnen und die Grenzen zwischen künstlicher und künstlerischer Intelligenz sichtbar machen. (yda)

Man sieht drei große Bildschirme mit einer Blüte in Großansicht, daneben steht ein Mann

 

Weitere Informationen

Ort:
Magistrale (Foyer Haupteingang) des HSBI-Hauptgebäudes, Interaktion 1, 33619 Bielefeld

Öffnungszeiten:
12. Dezember 2025 bis 15. Januar 2026, montags bis samstags von 08:00–20:00 Uhr.
Während der Weihnachtsschließung der HSBI vom 24. Dezember 2025 bis einschließlich 1. Januar 2026 ist die Ausstellung nicht zugänglich.

Die Ausstellung lädt ein zum Dialog zwischen KI-Algorithmus und menschlicher Vorstellungskraft, beleuchtet durch Arbeiten aus vielfältigen Perspektiven:

  • Darius Bange – Artificial Reconstruction: Flora
  • Isa Freese – Gefühlte Wahrheiten
  • Andreas Jon Grote – Vor dem Bild
  • Henriette Hellweg – participAIt
  • Colin Östermann – Artificial Contrasts
  • Max Schweder + DMX – Beyond AI Slop
  • Max Schweder – FuzzyBot_Help.Me
  • Leo Teufel – It Seemed a Sheet of Sun
  • Melik Ücler – Latente Träume
  • Janik Wellmann – Inner World

Fuzzy Logic