05.10.2026

HSBI-Pflegestudierende bereiten sich auf die Anforderungen in Krisen- und Katastrophenlagen vor – Exkursion zur Feuerwehr Bielefeld

Bild eines Teilnehmer der Exkursion Er hat ein schwarzes T Shirt an trägt einen Backenbart und hat dunkelblindes Haar er steht während einer Führung durch die Feuerwache vor einem Krankenwagen
Ziel des Wahlmoduls, in dessen Rahmen die Exkursion stattfand, war es das Thema „Disaster Nursing“ („Katastrophenpflege“) stärker im Pflegestudium zu verankern. © P. Pollmeier/HSBI
Porträt von Gordon Majewski Er steht lächelnd in einem weißen Hemd seiner Feuerwehruniform mit dunkelblauen Abzeichen vor einer weißen Wand Er hat blaue Augen und kurze Haare
Gordon Majewski leitet das Bielefelder Feuerwehramt und freut sich über das Interesse der HSBI. © P. Pollmeier/HSBI
Wie funktioniert Pflege unter Katastrophenbedingungen? Mit dieser Frage besuchte eine Gruppe HSBI-Pflegestudierender die Hauptfeuerwache Bielefeld.
Katastrophenszenarien wie die Flutkatastrophe an der Ahr, Covid-19 oder Hitzewellen betreffen Pflegearbeitende im Besonderen. Eine Exkursion des Studiengangs Pflege besuchte in diesem Kontext nun die Hauptfeuerwache Bielefeld, um sich über über Pläne zur „Katastrophenpflege“ zu informieren. © P. Pollmeier/HSBI
Bild der Leitwarte in der Feuerwehr Bielefeld In einem abgedunkelten Raum stehen auf einem Tisch insgesamt sechs Bildschirme an der Wand darüber hängen weitere vier übereinanderangeordnete Bildschirme die Aufnahmen von Kameras und Skalen zeigen
Neben theoretischem Input beinhaltete der Besuch Einblicke in die professionelle Katastrophenhilfe der Feuerwehr Bielefeld. © P. Pollmeier/HSBI
Bild von Professorin Dr Christina Hajek die in einem hellblauen Blazer lächelnd in die Kamera schaut Sie steht in der Feuerwache Bielefeld im Hintergund des Bilds sind zwei orangene Rettungswagen zu sehen
Professorin Dr. Christina Anna Hajek weiß aus eigener Erfahrung, dass Pflegefachkräfte im Berufsalltag mit Krisen- und Katastrophenlagen in Berührung kommen. Deshalb macht sie sich für eine Verankerung im Studium stark. © P. Pollmeier/HSBI
Die Flutkatastrophe im Ahrtal oder die Covid-19-Pandemie, massive Stromausfälle oder Hitzewellen – Krisen- und Katastrophenlagen sind auch hierzulande keine imaginären Szenarien mehr, sondern Realität. Und sie betreffen Pflegende in besonderer Weise. Wie Pflege in solchen Ausnahmesituationen handlungsfähig bleiben kann, erarbeitete Prof. Dr. Christina Anna Hajek jetzt an der Hochschule Bielefeld mit Pflegestudierenden in einem neuen Wahlmodul: Neben theoretischem Input gab es unter anderem auch Einblicke in die professionelle Katastrophenhilfe vor Ort bei der Feuerwehr Bielefeld. Hajeks Ziel: das Thema „Disaster Nursing“ („Katastrophenpflege“) stärker im Pflegestudium zu verankern.

Bielefeld (hsbi). Rot, Gelb, Grün oder Blau? „Der Farbcode gibt Auskunft darüber, wer sofort behandelt werden muss und wer noch warten kann“, erklärt Dr. Carsten Obermann die Patienten-Anhänge-Tasche (PAT), mit der in NRW Betroffene etwa bei einem sogenannten Massenanfall von Verletzten gekennzeichnet werden. Der Ärztliche Leiter des Rettungsdienstes der Feuerwehr Bielefeld schaut ernst in die Runde: „Dann geht es nicht mehr um Individualmedizin, sondern nur noch darum, so viele Menschen wie möglich zu retten.“ Und damit sind die Studierenden der Hochschule Bielefeld (HSBI) mitten drin in den Besonderheiten der Notfallmedizin in Krisen- und Katastrophenlagen. Die Exkursion der Pflege-Studierenden zur Feuerwehr Bielefeld hatte Prof. Dr. Christina Anna Hajek organisiert, Professorin für Pflegewissenschaft an der HSBI. Der Besuch war Teil des Wahlmoduls „Aktuelle und internationale Entwicklungen im Gesundheitswesen: Globale Gesundheitsdynamiken in Krisen und Katastrophen – professionelles Handeln im internationalen Vergleich“.

Pflege muss auch in Ausnahmesituationen handlungsfähig bleiben

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Prof. Dr. Christina Anna Hajek engagiert sich in der Fachkommission Katastrophenpflege des Deutschen Pflegerates und plädiert dafür, Pflege aktiv in den Bevölkerungsschutz und die Katastrophenhilfe einzubinden.

Mit dem Modul hat Hajek ein immer wichtiger werdendes Thema aufgegriffen: „Disaster Nursing.“  Die Professorin nutzt bewusst den englischen Begriff: „Denn er ist international etabliert, und die deutsche Übersetzung ‚Katastrophenpflege‘ bildet das Handlungsfeld nicht umfassend ab. Im Kern geht es nämlich um die Frage, wie professionelle Pflege in Ausnahmesituationen handlungsfähig bleibt.“ Also beispielsweise bei Naturkatastrophen wie im Ahrtal, in Pandemien, bei Anschlägen oder Unfällen mit vielen Verletzten, aber auch bei flächendeckenden und andauernden Stromausfällen. Auch aus eigener Erfahrung in der Pflegedirektion weiß Hajek, dass viele Pflegefachkräfte im Berufsalltag mit Krisen- und Katastrophenlagen in Berührung kommen. „Aber in der Ausbildung oder im Studium sind sie darauf oft nicht systematisch vorbereitet worden.“ Das will Hajek ändern.

Dazu gehört auch der Blick über den Tellerrand, oder genauer: der Austausch mit den örtlichen Expert:innen für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, der Feuerwehr Bielefeld. Bei Amtsleiter Gordon Majewski rannte Christina Anna Hajek offene Türen ein mit ihrer Frage nach einer gemeinsamen Veranstaltung: „Wir sind sehr am Netzwerken interessiert. Rettungsdienst und Pflege haben viele Schnittstellen, etwa, wenn Notfälle in die Krankenhäuser eingeliefert werden“, so Bielefelds oberster Feuerwehrmann.

Dr. Obermann ergänzt aus medizinischer Sicht: „Das gegenseitige Verständnis der jeweiligen Anforderungen ist wichtig, damit die Abläufe aufeinander abgestimmt werden können und die Übergabe reibungslos läuft.“ Und so weihte der Medizinische Leiter des Rettungsdienstes die Studierenden in einer anschaulichen Präsentation in seine Arbeit ein und erklärte, warum es etwa transparente Kapazitätsnachweise der Krankenhäuser braucht: „Damit wir sofort wissen, in welches Haus wir unsere Patienten bringen können und unnötige Wege sparen.“ Auch vordefinierte Ansprechpartner seien wichtig, ebenso schnelle und strukturierte Übergaben und ein Rückmeldesystem. Der Notarzt mahnte außerdem eine grundsätzliche Bedingung an: „Digitalisierung!“ Und verwies auf Krankenhäuser, die während der Pandemie noch mit Faxgeräten arbeiteten. „Da hat abends um 21 Uhr aber niemand mehr geschaut, ob eventuell ein Fax eingetroffen ist.“ Die Krankenhäuser wiederum benötigen vom Rettungsdienst auch Informationen zur Lage, ihrer Entwicklung und zur erwarteten Patientenzahl.

Wertvolle Einblicke für die Studierenden durch den Austausch mit der Feuerwehr Bielefeld

Bild von Lea Spasojevic Sie sitzt an einem Tisch vor ihr liegt ein Notizbuch Sie hat ein weißes T Shirt an und lange braune Haare Sie schaut interessiert in Richtung Kamera im unscharfen Vordergrund steht eine Person in weißem Hemd
Die HSBI-Studierenden interessierten sich insbesondere für die interprofessionelle Zusammenarbeit im Katastrophenfall.

Wie es um die interprofessionelle Zusammenarbeit bestellt ist, wollte Pflegestudentin Lea Spasojević wissen: „Gibt es Formate, in denen sich die verschiedenen Teams treffen und miteinander arbeiten?“ Gordon Majewski stellte die Simulationsübungen vor, die die Feuerwehr Bielefeld anbietet: „Wir üben dann beispielsweise mit allen Beteiligten die Evakuierung einer Pflegeeinrichtung.“ Ein überaus sinnvolles Training, findet Christina Anna Hajek und berichtet aus ihrem früheren Berufsalltag: „Wir hatten gerade eine umfangreiche Brandschutzübung absolviert, da brach wenig später tatsächlich ein Feuer in der Einrichtung aus. Alle wussten Bescheid, was sie zu tun hatten, und die Station war sehr schnell und geordnet evakuiert.“ Denn „Disaster Nursing“ meint nicht nur die Versorgung von unmittelbaren Katastrophenopfern wie Verletzten, sondern bezieht sich auch auf die alltägliche Pflege in Situationen, in denen die regulären, gewohnten Strukturen nicht mehr tragen können.

Ob es in Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen Pläne für Krisen- und Katastrophenlagen gibt? Prof. Hajek nickt, schränkt aber gleich ein: „Es wissen aber nur die wenigsten Mitarbeitenden davon.“ Dabei sind nahezu alle Abteilungen und Berufsgruppen betroffen, vor allem die Pflege auf allen Ebenen. Die Einrichtungen seien dann oft auf kurzfristige Lösungen angewiesen. „Vieles funktioniert nur, weil Mitarbeitende improvisieren und enorm engagiert sind.“ Das ist aber kein tragfähiges Konzept, findet die Professorin. „Es braucht stattdessen klar definierte Kompetenzen in der Vorbereitung, im konkreten Ereignisfall und in der Nachsorge. Außerdem sind Qualifikationswege und Rollenprofile nötig.“

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© P. Pollmeier/HSBI

Deshalb engagiert sich Hajek auch auf Bundesebene in der Fachkommission Katastrophenpflege des Deutschen Pflegerates und plädiert ausdrücklich dafür, Pflege nicht nur passiv als mitlaufende Ressource zu betrachten, sondern sie aktiv in den Bevölkerungsschutz und die Katastrophenhilfe einzubinden: „Pflegefachpersonen kennen die Versorgungsrealität sehr genau. Sie wissen, was unter Normalbedingungen funktioniert und was unter Ausnahmebedingungen schnell problematisch wird. Pflegerische Expertise gehört deshalb in Planungen, Krisenstäbe, Übungen und Auswertungen!“ Mit ihrem Wahlmodul hat Hajek einen ersten Schritt gemacht, „Disaster Nursing“ stärker schon in Ausbildung und Studium zu verankern. Bei den Studierenden kommt das an. „Sehr spannend“, findet Lea Spasojević das Thema. „Denn leider ist es auch sehr aktuell.“ (uh)

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