Wie lässt sich das Wissen um den Betrieb und die Instandhaltung alter Maschinen und Anlagen in Unternehmen halten? Studierende der Hochschule Bielefeld haben am Campus Minden eine mustergültige technische Dokumentation entwickelt, die für die Nutzung, vorausschauende Instandhaltung und Instandsetzung von Maschinen äußerst hilfreich ist. Ihr Beispielobjekt: ein alter Flipper aus den 1970er Jahren. Den sie bei der Gelegenheit gleich instandgesetzt und in Betrieb genommen haben.Die HSBI-Studierenden haben für sich und künftige Studierende am Campus Minden den alten Flipper repariert und technisch dokumentiert. Damit kann er noch viele Jahre für Freude sorgen.
Minden (hsbi). Er ist nicht zu übersehen: In leuchtendem Grün, mit rot blinkenden Anzeigen und mit Dinos geschmückt steht der Flipper vor dem Audimax auf dem Campus Minden der Hochschule Bielefeld (HSBI). Schnell scharen sich Studierende um das Gerät. „Alte Technik ist einfach faszinierend“, sagt Niklas Meyer.
Alte Technik strahlt nicht nur eine gewisse Magie aus, sie muss auch gewartet, instandgesetzt und fachgerecht betrieben werden – vor allem, wenn sie in Unternehmen genutzt werden soll. „Wie aber lässt sich das Wissen um den Umgang mit alten Maschinen und Anlagen in den Betrieben halten, wenn Mitarbeitende etwa in Rente gehen?“, fragt Prof. Dr. Vanessa Uhlig-Andrae. Die Professorin für Fertigungstechnik am Campus Minden der HSBI hat aus dieser Frage kurzerhand ihr diesjähriges „Praxisprojekt Angewandte Wissenschaft“ (PAW) gemacht. PAWs gehören zum festen Programm der drei praxisintegrierten Bachelorstudiengänge Elektrotechnik, Maschinenbau und Wirtschaftsingenieurwesen, in denen die Studierenden zugleich in Unternehmen angestellt sind und abwechselnd Theorie-Phasen an der Hochschule und Praxis-Phasen im Betrieb verbringen. In den PAWs werden Theorie und Praxis zusammengeführt: „Eine praxisnahe Aufgabenstellung wird von den Studierenden eigenständig bearbeitet, indem sie theoretisches Wissen aus dem Studium mit ihren praktischen Erfahrungen verknüpfen – im geschützten Rahmen der Hochschule, ohne unternehmerische Zwänge“, erklärt Uhlig-Andrae das Konzept.
Von einer umfassenden technischen Dokumentation profitieren spätere Generationen
Prof. Dr. Vanessa Uhlig-Andrae leitet ihre Studierenden zu präziser Dokumentation, vorausschauender Instandhaltung und interdisziplinärer Zusammenarbeit an.
In ihrem PAW lieferte die Professorin die Antwort auf die Fragestellung gleich mit: „In einer umfassenden technischen Dokumentation lässt sich das Wissen um alte Maschinen festhalten, und sie können weiterhin genutzt werden.“ Denn für die Unternehmen ist der Erhalt meist wirtschaftlicher als ein Neukauf: „In der Regel lassen sich ältere, elektromechanische Anlagen viel besser reparieren als die heutigen digitalisierten“, sagt Uhlig-Andrae. Das sollten ihre Studierenden auch ganz praktisch selbst ausprobieren: „Aufgabe war es, in einem interaktiven Prozess eine alte Maschine instandzusetzen und dabei eine detaillierte technische Dokumentation zu erstellen.“ Das Praxisobjekt: besagter Flipper, ein Original aus den 1970er Jahren, Modell „Four Million B.C.“ der Firma Bally. Uhlig-Andrae lächelt: „Damit habe ich selbst als Kind geflippert, er stand bei uns im Keller.“
„Jeder hat seine Kompetenzen eingebracht, und wir haben tatsächlich viel voneinander gelernt.“
Wirtschaftsingenieurstudent Fynn Seidens
Für Niklas Meyer war spätestens mit dem Flipper die Wahl seines PAWs klar. Der Elektrotechnik-Student tüftelt auch privat gerne: „Da habe ich keine Hemmungen, die mechanischen Systeme machen mir Spaß.“ Maschinenbauer Florian Steiner interessierte vor allem die Elektromechanik: „Heute wird alles programmiert, aber wie wurde es damals gelöst?“ Zusammen mit ihren Kommilitonen machten sich die beiden ans Werk. Am Anfang stand eine Bestandsaufnahme: Welche Unterlagen über das Gerät gibt es noch, welche Komponenten sind defekt? „Ein Schaltplan lag tatsächlich im Gerät, aber leider etwas zerstückelt“, erzählt Meyer. Online stöberten die Studierenden eine intakte Version auf – und standen vor einer neuen Herausforderung: Der Plan wurde in den 1970er Jahren in den USA erstellt, nach den damaligen Standards und mit den US-Bezeichnungen und Symboliken. „Wir mussten uns erst hineindenken. Zudem gab es keine funktionale Unterteilung, Mechanik und Elektrik waren vermischt“, beschreibt Steiner die Schwierigkeit.
Wirtschaftsingenieurwesen und Elektrotechnik – interdisziplinär bereits im Studium arbeiten
Aus alt wurde neu, mit ausgetüftelter Mechanik und Technik sowie letzten Detailprüfungen
Da kam die Interdisziplinarität im Team gerade recht: „Jeder hat seine Kompetenzen eingebracht, und wir haben tatsächlich viel voneinander gelernt“, erzählt Wirtschaftsingenieurstudent Fynn Seidens. Die gemeinsame Arbeit am Projekt ließ die Arbeitsgruppe schnell zusammenwachsen – etwas unverhofft für die Studierenden: „Wir hatten ja alle unsere Vorurteile gegenüber den anderen Fächern“, bekennt Florian Steiner mit einem Lachen. „Aber die gingen ganz schnell vorbei!“ Die interdisziplinäre Arbeit einzuüben ist ein willkommener und durchaus beabsichtigter Nebeneffekt der PAWs, so Vanessa Uhlig-Andrae: „Im Berufsleben sind die Teams in der Regel interdisziplinär, es hilft, auf die jeweils anderen Perspektiven und Herangehensweisen vorbereitet zu sein.“
Sorgfältige Handarbeit: Jede einzelne technische Komponente wurde geprüft und ein moderner Schaltplan erstellt.
Die Studierenden erstellten schließlich einen neuen Schaltplan nach modernen europäischen Standards. „Ziel ist nicht wie bei dem alten die Dokumentation der Verdrahtung, sondern die Wartbarkeit und Übersichtlichkeit, um die zukünftige Fehlersuche zu erleichtern“, erklärt Niklas Meyer. Zugleich überprüften sie die Funktionsfähigkeit der einzelnen Komponenten. „Wir haben jede Spule einzeln getestet“, berichtet Fynn Seidens. Und die Kontakte kontrolliert: „Mal haben die Lämpchen geleuchtet, mal nicht, mal hat der Zähler gezählt und dann wieder nicht – also ein Wackelkontakt.“ Mit Schleifpapier und Spezialreiniger sind sie dem Problem zu Leibe gerückt, bis die Kontakte wieder störungsfrei funktionierten. Beim Netz-Entstörfilter half dagegen nur noch der Austausch. „Der alte ist uns direkt abgerauscht“, erzählt Florian Steiner. Beim neu gekauften Ersatzgerät sorgten die Warnhinweise zu den Lebensgefahren im Umgang mit Strom für eine gewisse Verblüffung: „Da stand: Zu den Folgen des Todes informieren Sie sich in Ihrer Bibel“, zitiert Steiner. „Kein Witz!“
Flippern zur Entspannung: Restauriertes Modell „Four Million B.C.“ soll den Studierenden am Campus Minden erhalten bleiben
Die Studierenden gaben dem reparierten Flipper auch optisch noch den letzten Schliff.
Den Studierenden gelang die Instandsetzung – Gott sei Dank (sic) – unfallfrei, der Flipper funktionierte wieder, auch dank ausgiebiger Tests. „Wir mussten natürlich ständig selber flippern zur Funktionsüberprüfung“, sagt Meyer mit einem Augenzwinkern. Parallel lief die Erstellung des Wartungsplans samt Anleitung zur Fehlerbehebung, Stückliste und normgerechter Risikobeurteilung. „Alle relevanten Bauteile mussten aufgelistet und zugeordnet werden“, erklärt Meyer. Die Herausforderung: die Nummern der Bauteile ausfindig zu machen. „Manchmal kamen wir einfach nicht weiter.“ Dann half nur eins: „Flippern.“ Auch die Kommilitonen aus den anderen PAWs hatten die therapeutischen Qualitäten des Geräts bald entdeckt und schauten immer mal wieder auf ein Spiel vorbei. „So viel Aufmerksamkeit – da sollte der Flipper doch auch ansehnlich sein“, fand Vanessa Uhlig-Andrae und bewegte die Studierenden noch zu einer optischen Instandsetzung mit Lack und Dino-Bildern.
Das Ergebnis überzeugt die Professorin, nicht nur optisch: „Mit dieser sorgfältigen technischen Dokumentation wird er noch viele Jahre funktionsfähig bleiben.“ Und künftige Generationen von Studierenden erfreuen: Der Flipper soll am Campus Minden seinen festen Platz bekommen. (uh)