Aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln wurde auf dem diesjährigen Jahresempfang der Hochschule Bielefeld Bilanz gezogen. Im Zentrum stand dabei die Frage, wie hochschulisches Lernen und Lehren heute gelingen kann. Highlights boten die Keynote von Arminia-Bielefeld-Legende Ewald Lienen, die Verleihung des Lehrpreises und die Vorstellung des Jahresberichts 2025.v.l.: HSBI-Student Luis Denninghoff, HSBI-Präsidentin Prof. Dr. Ingeborg Schramm-Wölk, Speaker Ewald Lienen, Moderatorin Julia Ures, Gestalterin der Jahresgabe Prof. Dr. Edith Kollath, Lehrpreisgewinner Prof. Dr. Jonas Ide und HSBI-Studentin Ana Dorl.
Bielefeld (hsbi). Über 400 Gäste im Audimax, zwei Dutzend an den Bildschirmen auf den Fluren des Hauptgebäudes und noch einmal annähernd 200 im Livestream verfolgten den diesjährigen Jahresempfang der Hochschule Bielefeld (HSBI).
Sichtlich gut gelaunt begrüßte HSBI-Präsidentin Prof. Dr. Ingeborg Schramm-Wölk die zahlreichen Gäste: „Nicht nur unser Jahresempfang erfreut sich offensichtlich großer Beliebtheit, sondern auch unsere Arbeit in Lehre, Forschung und Transfer stößt bei den verschiedenen Stakeholdern regional, national und international auf Gegenliebe. Neben der abermaligen Steigerung unser Drittmitteleinnahmen und unserem sehr guten Ranking auf dem Feld der sogenannten Third Mission sind wir besonders erleichtert, dass sich zum kommenden Wintersemester wieder sehr viele junge Menschen bei der HSBI um einen Studienplatz beworben haben. Und das, obwohl in diesem Jahr der gymnasiale Abiturjahrgang in NRW weitgehend wegfällt und die Demografie zeigt, dass weniger geburtenstarke Jahrgänge an die Hochschulen strömen.“ Es gebe zahlreiche Gründe für diesen Erfolg, so Schramm-Wölk. „Mitentscheidend ist für mich, dass praxisnahes Studieren, wie wir es anbieten, den Nerv der Zeit trifft, dass wir unser Lehrangebot laufend den neuen Erfordernissen anpassen und dass die HSBI auch für Studieninteressierte aus dem Ausland attraktiv ist.“
Nationale und internationale Gäste aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik sowie zahlreiche Hochschulmitglieder waren der Einladung des Präsidiums zum Jahresempfang gefolgt – sowohl vor Ort als auch online.
Der Blick von außen – ein „Einwurf“ von Ex-Bundesligaprofi und Fußballlehrer Ewald Lienen
Die Keynote von Arminia-Bielefeld-Legende Ewald Lienen warf einen Blick von außen auf das Thema wie Lernen und Lehren heute gelingen kann.
Damit hatte die Präsidentin auch das Stichwort für den Jahresempfang gegeben, der in diesem Jahr unter der Frage stand, wie Lernen und Lehren heute gelingen kann. Für einen „Einwurf“ von außerhalb der Hochschule hatte die HSBI als Keynotespeaker Arminia-Bielefeld-Legende Ewald Lienen eingeladen. Ziel war es zu erfahren, wie ein erfolgreicher Ex-Profisportler und Fußballlehrer, der sich über seine gesamte Karriere für gesellschaftspolitische Themen interessiert hat, auf das Thema blickt. Lienen lobte das anwendungsnahe Studium an der HSBI, weil es vermittelt werde durch Hochschullehrer:innen, die keine reinen Wissenschaftler:innen sind, sondern zusätzlich auch berufliche Erfahrung aus Unternehmen und Institutionen mitbringen. Darüber hinaus hob er hervor, dass Lernen ohne intrinsische Motivation des Einzelnen noch nie funktioniert habe: „Ich kann als Lehrer niemanden motivieren, ich kann nur den Rahmen schaffen, innerhalb derer ein Lernerfolg möglich und wahrscheinlicher wird.“Eine zweite wichtige Konstante beim Thema Lernen und Lehren ist für ihn das Vorbild: „Persönliche Vorbilder, die für Kompetenz und Werte stehen und somit echte Glaubwürdigkeit ausstrahlen, sind extrem wertvoll und in vielen Fällen Voraussetzung für den Lernerfolg von Individuen und ganzen Teams. Das ist umso wichtiger in diesen Zeiten, in denen wir vor großen umweltpolitischen Herausforderungen stehen und mit den Simplifizierungen und der Intoleranz der neuen Rechten zu kämpfen haben.“
Campus-Reporterin und Wirtschaftsstudent bringen studentische Perspektive ein
In einer Talkrunde brachten die HSBI-Studierenden Luis Denninghoff und Ana Dorl die studentische Perspektive ein und berichteten von ihrem Studium.
Im Anschluss an seine Keynote traf Lienen mit den HSBI-Studierenden Ana Dorl und Luis Denninghoff auf der Bühne zu einer kurzen Talkrunde zusammen. Auch wenn einige Jahrzehnte die Studierenden vom Fußballtrainer trennten, konnten Dorl und Denninghoff den Thesen Lienens durchaus zustimmen. Ana Dorl berichtete von ihrem Studium der Sozialen Arbeit und dem Job als HSBI-Campus-Reporterin, in dessen Rahmen sie auf Instagram über den studentischen Alltag berichtet. Wirtschaftsstudent Luis Denninghoff erzählte u.a. von seiner bereichernden Erfahrung auf einer von der HSBI angebotenen Summer School in China mit zahlreichen Besuchen bei dortigen Unternehmen, die ihm tiefe Einblicke in die technische Innovationsfähigkeit des Reichs der Mitte gegeben haben.
Engagementpreis für Sozialarbeiterin Jessica Czok
Der diesjährige Engagement-Preis ging an Jessica Czok, die den Master „Sozialwissenschaftliche Nachhaltigkeits- und Transformationsstudien“ studiert und unter anderem ehrenamtlich bei der Aidshilfe Bielefeld e.V. als Streetworkerin arbeitet.
Nach diesem Programmpunkt war die Bühne frei für eine weitere Studierende: Jessica Czok erhielt den mit 1.000 Euro dotierten Engagementpreis der HSBI-Fördergesellschaft. Die Studierende des Masters „Sozialwissenschaftliche Nachhaltigkeits- und Transformationsstudien“ fand den Einstieg in die ehrenamtliche Arbeit über ihre Aktivität als Foodsaverin beim Verein foodsharing e.V., der noch gut genießbare Lebensmittel sammelt, die ansonsten entsorgt werden würden. Außerdem arbeitet sie ehrenamtlich bei der Aidshilfe Bielefeld e.V. als Streetworkerin und unterstützt hier Frauen, die der Staßen-Sexarbeit nachgehen. Darüber hinaus unterstützt sie das Drogenhilfezentrum der Drogenberatung e.V. Bielefeld und ist Regionalsprecherin von akzept NRW e.V., einem Verein, der sich für akzeptierende Drogenarbeit einsetzt. Laudatorin Prof. Dr. Eika Auschner zeigte sich beeindruckt von dem breit angelegten gesellschaftlichen Engagement der Preisträgerin, die sich für Menschen einsetzt, deren Stimme häufig überhört wird: „Jessica Czok hat sich sogar eine Weiterbildung in Traumafachberatung selbst finanziert, um noch besser und professioneller auf die Menschen einzugehen zu können, denen sie auf der Straße begegnet“, berichtete Auschner.
Lehrpreis geht an Mathematiker Prof. Dr. Jonas Ide für seine Lehrveranstaltung „Diskrete Optimierung“
Mathematiker Prof. Dr. Jonas Ide (m.) hat den diesjährigen HSBI-Lehrpreis gewonnen, Vizepräsident für Studium und Lehre Prof. Dr. Ulrich Schäfermeier (r.) überreichte den Preis.
Passend zum Jahresempfangsleitmotiv „Lernen und Lehren“ folgte die Verleihung des diesjährigen HSBI-Lehrpreises. Alle Studierenden waren aufgerufen, Seminare oder Vorlesungen zu nominieren, die ihnen besonders gut gefallen haben. Veranstaltungen, die mindestens drei Nominierungen erhielten, kamen dann in eine engere Auswahl. Am Ende entschied sich die Jury, in der Studierende und Hochschullehrer vertreten waren, für Prof. Dr. Jonas Ides Lehrveranstaltung „Diskrete Optimierung“, die der Mathematiker im Rahmen des Masterstudiengangs „Computational Engineering“ anbietet. Die Jury überzeugte, wie Ide anhand von anschaulichen Beispielen komplexes Fachwissen vermittelt: In welcher Reihenfolge müssen Pakete ausgetragen werden, damit möglichst wenig Strecke zurückgelegt wird? Wie werden vorhandene Rohstoffe oder Finanzmittel möglichst sinnvoll eingesetzt? Wie sieht ein gelungener Fahrplan des ÖPNV aus? Prof. Dr. Ulrich Schäfermeier, HSBI-Vizepräsident für Studium und Lehre, übergab dem Preisträger seine Siegerurkunde und lobte, wie es Ide gelinge, ein scheinbar trockenes Thema mit Leben zu füllen. Überdies würdigte der Vizepräsident die übrigen Teilnehmer:innen des Wettbewerbs: „Die zahlreichen Nominierungen durch Studierende zeigen, dass die Auszeichnung bis zu einem gewissen Grad exemplarisch erfolgt und stellvertretend für die herausragende Lehre an der gesamten HSBI steht!“
Neben der Jahresgabe wurde auch der druckfrische HSBI-Jahresbericht 2025 auf dem Jahresempfang präsentiert.
Traditionell bietet der Jahresempfang Anlass für die Veröffentlichung des HSBI-Jahresempfangs, der sich unter dem Titel „Neue Wege, Umwege, Irrwege“ aus verschiedenen Perspektiven mit den aktuellen Herausforderungen für gelingendes Lernen und Lehren an der HSBI beschäftigt. Reportagen über die Herausforderungen und Chancen des um sich greifenden Einsatzes der großen generativen Sprachmodelle an den Hochschulen wechseln sich in diesem Magazin ab mit Berichten über die Erfahrungen von Studierenden aus dem In- und Ausland. Alumni berichten über die neuen Karrierechancen, die ihnen ein berufsbegleitendes Studium an der HSBI eröffnete, zahlreiche Serviceangebote für Studierende werden vorgestellt, und Doktoranden erzählen von ihrer Forschung. Da Lernen und Lehren zurzeit im Umbruch sind, Lernwege mithin nicht immer linear verlaufen, hat die Agentur Any Studio rund um die HSBI-Alumna Katerina Trakakis eine Gestaltungskonzept entwickelt, das mit vielen Querverweisen arbeitet und klassische Lesegewohnheiten immer wieder durchbricht.
Prof. Dr. Edith Kollath arbeitet für die Jahresgabe mit Verpackungsspezialisten Flöter zusammen
Die von Prof. Dr. Edith Kollath entworfene Jahresgabe stellt die Frage: „Wo endet ein atmender Körper – und wo beginnt die Umgebung?“
Zur Selbstreflexion lädt auch die HSBI-Jahresgabe ein, die Prof. Dr. Edith Kollath auf dem Jahresempfang vorstellte und die die Gäste wie auch den Jahresbericht anschließend mit nach Haus nehmen durften. Mit ihrer Arbeit „Atlas of Atmospheres“ führt Kollath ihre künstlerische Forschung zu Atem und Luft weiter und stellt eine zentrale Frage: „Wo endet ein atmender Körper – und wo beginnt die Umgebung?“ Im Rahmen des klassischen HSBI-Jahresgabenformats wartet ein mit Wetterdaten von Kollaths Antrittstag an der HSBI bedrucktes Objekt im Inneren des Kartons darauf, von den Beschenkten aufgeblasen zu werden. Kollath sieht die Arbeit in der Tradition der Fluxus-Kunst der 60er- und 70er-Jahre, die die Grenzen zwischen Kunst und Alltag aufzuheben versuchte. Dass eine flache Karte unter Zutun der Nutzer:innen in ein dreidimensionales Objekt verwandelt wird, war nur möglich durch die kompetente und kostenlose (sic!) Unterstützung des Verpackungsspezialisten Flöter aus dem Baden-Württembergischen Schwieberdingen bei Stuttgart, dem die Künstlerin ausdrücklich dankt.
Die Jahresgabe 2026: Ein mit Wetterdaten von Edith Kollaths Antrittstag an der HSBI bedrucktes Objekt wartet drauf, aufgeblasen zu werden.
Wie in den vergangenen Jahren führte Moderatorin Julia Ures souverän durch das Programm. Aufgelockert wurde die Veranstaltung zwischen den Redebeiträgen durch Darbietungen des Tableau Quartetts, das sich an der Hochschule für Musik Detmold kennengelernt hat, einer Partnerhochschule der HSBI aus dem Netzwerk Campus OWL. Nach dem offiziellen Teil lud die HSBI ihre Gäste zu einem Sektempfang in den Konferenzbereich der Hochschule ein, bei dem die Gäste die Möglichkeit hatten, sich über das Erlebte auszutauschen und zu netzwerken. (lk)