06.07.2026

OWL-IT gibt HSBI-Informatikstudierenden vom Campus Minden Einblick in die Praxis kommunaler Informationstechnologie

Foto: Ein Bidlschirm mit einer Folie Besuch der Hochschule Bielefeld Campus Minden
Ins Herz der kommunalen Informationstechnologie: Informatik-Studierende vom Campus Minden der Hochschule Bielefeld besuchten die OWL-IT. © P. Pollmeier/HSBI
Foto: Studierende der HSBI hören aufmerksam zu
Die Studierenden konnten direkt anschließen an Inhalte aus ihrer Vorlesung „Verteilte Systeme als Infrastruktur digitaler Souveränität“. © P. Pollmeier/HSBI
Foto: Eine Präsentation über den Beamer zum Thema Der Weg zur OWL IT
Denn als kommunaler IT-Dienstleister arbeitet die OWL-IT an der Umstellung auf Open-Source-Produkte, um Kommunen digitale Souveränität zu ermöglichen. © P. Pollmeier/HSBI
Wie lässt sich Unabhängigkeit von den scheinbar übermächtigen US-Tech-Konzernen erreichen? Informatik-Studierende der Hochschule Bielefeld erhielten beim kommunalen IT-Dienstleister OWL-IT in Lemgo Einblicke in die Herausforderungen beim Aufbau einer IT-Infrastruktur, mit der öffentliche Verwaltungen digitale Souveränität erlangen. Der Praxisbezug war dabei gleich doppelt gegeben: Initiiert hat die Exkursion der derzeit beurlaubte Prof. Dr. Martin Hoffmann, der als Bürgermeister in Leopoldshöhe die HSBI mit öffentlichen Institutionen vernetzt.

Minden (hsbi). Seine Motivation ist klar: „Ich habe noch nie ein Rechenzentrum von innen gesehen“, erzählt Mika Beu. Deshalb hat er sich an diesem Freitagnachmittag noch nicht auf den Weg ins Wochenende gemacht, sondern auf zur Exkursion nach Lemgo. Hier steht er vor der Ostwestfalen-Lippe-IT (OWL-IT), dem zweitgrößten kommunalen IT-Dienstleister in NRW. Nach und nach trudeln weitere Studierende ein.

Wie seine Kommilitonen studiert Mika Beu im Bachelor Informatik am Campus Minden der Hochschule Bielefeld (HSBI). Alle sind im sechsten, vorletzten Semester, alle haben die Vorlesung „Verteilte Systeme als Infrastruktur digitaler Souveränität“ bei Prof. Dr. Martin Hoffmann belegt – und bekommen allein dadurch einen besonderen Einblick in die Praxis. Denn: Der Professor für Betriebssysteme und Verteilte Systeme ist nicht nur offiziell beurlaubt und macht die Vorlesung ehrenamtlich gleichsam nebenbei, sondern er ist auch mitten in seiner zweiten Amtszeit als hauptberuflicher Bürgermeister in Leopoldshöhe. „Der Kontakt zur Hochschule und zu den Studierenden war mir weiterhin wichtig“, erzählt er. „Ich kann meine Erfahrungen mit den kommunalen Anforderungen der Digitalisierung in die Lehre einbringen und bleibe selbst auf dem neuesten Stand der Technik. Das fördert Austausch, Reflexion und Wissenstransfer in beide Richtungen.“

Exkursion zur OWL-IT bietet Studierenden Informationen aus erster Hand

„Digitale Souveränität lässt sich am besten durch die Umstellung auf Open-Source-Produkte und den Einsatz europäischer Clouds erreichen.“

Prof. Dr. Martin Hoffmann, Professor für Betriebssysteme und Verteilte Systeme

Zudem hat Martin Hoffmann einen direkten Draht ins Herz der kommunalen Informationstechnologie: Als Bürgermeister sitzt er im Verwaltungsrat der OWL-IT, als Informatiker weiß er deren Arbeit zu würdigen – „hervorragende technische Qualität!“ – und die Aufgaben und Herausforderungen einzuschätzen. Der kommunale Zweckverband liefert Infrastruktur, Technik, Software und Services für die Region Ostwestfalen-Lippe, kurz: Er sorgt dafür, dass die kommunale Verwaltung digital funktioniert. „Was genau das bedeutet, lässt sich am besten vor Ort von den Expertinnen und Experten erfahren“, sagt Hoffmann. Also organisierte der Professor für seine Studierenden die Exkursion nach Lemgo – neben Paderborn einer der beiden OWL-IT-Standorte.

Die Gruppe ist inzwischen vollzählig. Gut gelaunt wird sie von Geschäftsleiter Silvio Große hereingebeten. Es geht geradewegs in einen hochmodernen – Konferenzsaal. Große hebt entschuldigend die Schultern: „Zu den Serverräumen bekommen wir leider keinen Zutritt. Selbst ich als Geschäftsleiter darf nur aus triftigen Gründen hinein, etwa bei einer Störung. Die Sicherheit geht vor, die des Systems und die der Daten.“

Foto: Silhouette einer Person die etwas erklärt vor einer Präsentation
© P. Pollmeier/HSBI

Hochverfügbarkeitscluster erhöht Ausfallsicherheit, Suche nach digitaler Souveränität

Martin Hoffmann schaut kurz zu Mika Beu, aber der trägt’s mit Fassung. Und als der Geschäftsleiter die Dimensionen der OWL-IT kurz vorstellt, wird schnell deutlich, warum Sicherheit oberste Priorität hat: Für rund 70 Kommunen aus Ostwestfalen-Lippe, insgesamt etwa 300 Verwaltungen und Schulen, beschafft der Zweckverband je nach Vertrag Hardware, implementiert und betreut die Software für das Einwohner- und Sozialwesen, für Personal- und Dokumentenmanagement und Finanzservices, verwaltet allein 38.000 E-Mail-Postfächer. „Wir haben es mit sensiblen Daten von etwa neun Millionen Menschen im Einzugsgebiet zu tun, die geschützt werden müssen“, erklärt Große. Dazu betreibt die OWL-IT eine entsprechende Infrastruktur mit mehr als 100 physikalischen Servern, 2.200 virtuellen Servern und mittlerweile rund 1.900 TB Speicherplatz als Hochverfügbarkeitscluster, kurz HA-Cluster (High-Availability). „Damit steigern wir die Verfügbarkeit, wenn viele Nutzer zugreifen, und erhöhen die Ausfallsicherheit.“

Foto: Mehrere Personen sitzen an einem langen Tisch und schauen sich eine Präsenationüber einen beamer an
Die OWL-IT sorgt mit entsprechender Infrastruktur, Technik, Software und Services dafür, dass die kommunale Verwaltung in OWL digital funktioniert.

Sicherheit ist das eine, digitale Souveränität das andere: „Wenn wir selbstbestimmt über eigene Daten, Technologien und Infrastrukturen verfügen können, sind wir unabhängig von einzelnen ausländischen Anbietern und deren Rechtssystemen“, sagt Martin Hoffmann. Noch sind in den Kommunen aber vor allem Betriebssysteme, Software- und Cloudprodukte außereuropäischer Techkonzerne im Einsatz, für die hohe Lizenzgebühren fällig sind. Die Lösung? „Digitale Souveränität lässt sich am besten durch die Umstellung auf Open-Source-Produkte und den Einsatz europäischer Clouds erreichen“, ist Hoffmann überzeugt. Keine einfache Aufgabe, wie er aus eigener Erfahrung weiß: „Im behördlichen Umfeld ist vor allem der Umstieg von den verbreiteten Office-Paketen eine große Herausforderung.“  Eine durchaus sinnvolle Herausforderung, wie Silvio Große findet: „Open Source verschiebt die Kontrolle zurück zu uns.“

„Keine digitale Kolonie werden!“ Linux, OpenDesk und OpenCode bieten Alternative

Der Bund unterstützt deshalb mit dem Zentrum für digitale Souveränität bereits massiv die Umstellung öffentlicher Verwaltungen auf Open-Source-Lösungen. „Mit OpenDesk wird bereits eine Office-Alternative geboten, und mit OpenCode gibt es eine Plattform, auf der verwaltungsrelevante Software geteilt und gemeinsam weiterentwickelt werden kann“, weiß Martin Hoffmann und fügt mit einem Seitenblick auf die Studierenden hinzu: „Für die Entwicklung und die Umsetzung souveräner IT-Strukturen und -Lösungen braucht es schlaue Köpfe. An der HSBI integrieren wir die erforderlichen Kenntnisse in das Studium und üben ihre Anwendung.“ In praxisnahen Projekten suchen die Studierenden zum Beispiel nach eigenen Lösungen, um Fotos vom Smartphone komfortabel zu sichern. Silvio Große nickt zustimmend. „Entsprechendes Know-how ist nötig, um keine digitale Kolonie zu werden.“

Bei der OWL-IT ballt sich die technische Kompetenz vor allem im Team Linux- und Containerservices. „Als freies Betriebssystem eröffnet Linux viele Möglichkeiten“, sagt Große und übergibt das Wort an Teamleiter Fabian Noack. Der richtet sich sogleich an die Studierenden: „Ist Ihnen Kubernetes ein Begriff?“ Allgemeines Nicken und schon sind die angehenden Informatiker mitten drin in einem hochspezialisierten, dabei ausgesprochenen praxisbezogenen Fachgespräch über die nötigen Voraussetzungen, Herausforderungen und Lösungsansätze einer souveränen IT-Infrastruktur.

Am Ende bleibt die HSBI-Gruppe gerne eine Stunde länger als geplant. Und so fällt Mika Beus Fazit auch ohne Blick in die Serverräume positiv aus: „Spannende Aufgaben! Wir konnten super mitreden und direkt an Inhalte aus dem Studium anknüpfen.“ Noch dazu eröffnete die OWL-IT interessante Perspektiven: Der Zweckverband ist gerne bereit, Masterarbeiten der HSBI-Studierenden zu betreuen. (uh)

Für weiteres Bildmaterial können Sie sich gerne an presse@hsbi.de wenden.