Während die Lebenshaltungskosten für Studierende spürbar angestiegen sind, hinkt das BAföG der Realität hinterher. Die Freibeträge für das Elterneinkommen spiegeln die Lebensrealität von Familien oft nicht wider. Mit Blick auf die Bildungsgerechtigkeit kann finanzielle Unsicherheit junge Menschen von einem Studium abschrecken. Eine alternative Finanzierungsmöglichkeit stellen Stipendien dar. Auf dem Stipendieninformationstag an der Hochschule Bielefeld stellten jüngst ein Dutzend Förderungswerke ihre Leistungen vor.Peer-to-peer-Konzept: Stipendiat:innen berieten HSBI-Studierende
Bielefeld (hsbi) Lebensmittel werden immer teurer, Kosten für WG-Zimmer überschreiten die finanzielle Schmerzgrenze, die allgemeine Preissteigerung macht Dienstleistungen, Freizeit- und Sportaktivitäten unerschwinglich – erschwerte Bedingungen für junge Menschen, die studieren wollen.
Zwar können Studierende 2027 und 2028 nach der jüngsten Reform des Bundesausbildungsförderungsgesetzes (BAföG) eine höhere Förderung erhalten. „Aber das dürfte die Situation für die meisten Studierenden nicht verbessern“, sagt Sandra Dölling Trapp, und mit ihrer Einschätzung ist die Leiterin der Zentralen Studierendenberatung (ZSB) an der Hochschule Bielefeld (HSBI) nicht allein. Studierendenverbände, Gewerkschaften und Sozialverbände äußern deutliche Kritik an den jüngsten BAföG-Plänen: Die Entlastung für Familien aus der Mittelschicht würde viel zu spät und zu gering ausfallen.
Bafög-Schwellen immer höher und die daraus resultierende finanzielle Unsicherheit beeinträchtigt die Bildungsgerechtigkeit – Stipendien können hier abhelfen.
Weniger Bildungsgerechtigkeit: Zahl der BAföG-Empfänger sinkt zuletzt um 8,4 Prozent
Eine von gut einem Dutzend Förderwerken: der Stand der Studienstiftung des dt. Volkes
Da die Freibeträge für das Elterneinkommen in den vergangenen Jahren nicht konsequent an die Inflation angepasst wurden, rutschen immer mehr Studierende aus der Förderung. Viele Familien, die streng haushalten müssen, gelten laut BAföG-Rechner bereits als „zu reich“. Die Zahlen sprechen für sich: Im Jahr 2025 erhielten 443.138 Studierende in Deutschland BAföG als Teil- oder Vollförderung. Das sind 34 Prozent weniger als im Jahr 2012. Zuletzt gab es noch einmal einen regelrechten Einbruch: 2025 wurden 8,4 Prozent weniger Studierende gefördert als im Jahr zuvor.
„Finanzielle Unsicherheit beeinträchtigt die Bildungsgerechtigkeit, indem sie jungen Menschen den Zugang zum Studium erschwert oder durch parallele Erwerbstätigkeit die Studiendauer von Studierenden verlängert“, erläutert die ZSB-Leiterin Dölling-Trapp. „Im schlimmsten Fall verhindert die finanzielle Unsicherheit die Aufnahme und den Erfolg eines Studiums. Daher ist es wichtig, andere Finanzierungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Stipendien sind für Studierende da eine weitere Option.“
Mehr als ein Dutzend Stipendiengeber vor Ort im HSBI-Hauptgebäude
Mehr als ein Dutzend Stiftungen waren beim Stipendien-Infotag vor Ort, darunter parteinahe Stiftungen, Institutionen, die auf regionaler und bundesweiter Ebene Begabtenförderung betreiben, und Organisationen, die Sozialstipendien vergeben.
Gesagt, getan: Am vergangenen Mittwoch veranstaltete die ZSB im HSBI-Hauptgebäude einen Stipendieninformationstag. Mehr als ein Dutzend Stiftungen waren vor Ort und informierten über ihre Leistungen, darunter parteinahe Stiftungen, Institutionen, die auf regionaler und bundesweiter Ebene Begabtenförderung betreiben, und Organisationen, die Sozialstipendien vergeben (vgl. Liste unten). Ziel war ein direkter Kontakt auf Augenhöhe, und so standen den Interessierten Stipendiat:innen der verschiedenen Förderungswerke Rede und Antwort. Hier gab es praxisnahe Bewerbungstipps, Hinweise zur Gestaltung des Motivationsschreibens, zum Ablauf von Auswahlgesprächen, zu den tatsächlichen Anforderungen der Auswahlkommissionen und Einblicke in das jeweilige Stiftungsleben abseits der rein formalen Kriterien.
„Viele Studieninteressierte und Studierende haben Hemmungen, sich für ein Stipendium zu bewerben, weil ihnen gar nicht klar ist, dass sie für eine Förderung infragekommen“, berichtet Marion Abend, Beraterin der ZSB. „Bestnoten stellen nicht immer das einzige Auswahlkriterium dar. Viele Werke legen großen Wert auf ehrenamtliches Engagement, gesellschaftliche Aktivität oder den Umgang mit besonderen biografischen Herausforderungen – zum Beispiel, wenn jemand Erstakademiker wird oder auf dem zweiten Bildungsweg studiert.“ Dazu passt, dass zwei Talentscouts der HSBI mit Schüler:innen aus sogenannten „bildungsfernen“ Familien an diesem Tag auf dem Stipendieninfotag unterwegs waren, um ihnen vorab Input zum Thema Stipendien zu geben und sie zu ermuntern, sich an den einzelnen Ständen der Werke zu informieren.
ZSB-Team auf dem Stipendieninfotag: Talentscout Carmen Simella, „Talent“ Azra Önderoglu, Talentscout Spiridula Milioni, ZSB-Leiterin Sandra Dölling-Trapp, ZSB-Beraterin Marion Abend.
Wertvolle ideelle Förderung rundet die finanzielle Unterstützung ab
Der Studienfonds OWL entscheidet jedes Jahr über die Vergabe des Deutschlandstipendiums.
Auch das International Office der HSBI war mit einem Stand auf dem Infotag vertreten, um Fragen zur Finanzierung von Auslandsaufenthalten zu klären. Ein Angebot, das einem wichtigen strategischen Ziel der HSBI dient: Getreu ihrer Strategie „Internationales“ möchte die Hochschule alle Studierenden dabei unterstützen, ein Auslandssemester zu absolvieren, um diese fachlich und persönlich bereichernde Erfahrung zu machen. Denn auch hier stehen die gestiegenen Lebenshaltungskosten der Studierenden und der sie unterstützenden Familien der Umsetzung einer guten Idee oft im Weg.
„Wenn das Studium für Studierende aufgrund unzureichender finanzieller Unterstützung durch die Eltern oder den Staat nicht mehr möglich ist oder erschwert wird, bieten Stipendien eine gute Möglichkeit, bestehende Budgetlücken zu schließen“, sagt auch Marion Abend, Organisatorin des Stipendieninfotages. Damit nicht genug: „Über die reine finanzielle Entlastung hinaus bietet eine Stipendienförderung viele Vorteile für den akademischen und beruflichen Werdegang durch die ideelle Förderung der Stiftungen.“ Dazu zählen zum Beispiel Seminare, Exkursionen und Mentoringprogramme. (lk)
Diese Stipendiengeber waren an der HSBI vor Ort
Friedrich-Ebert-Stiftung: Steht der SPD nahe; fokussiert auf soziale Demokratie und gesellschaftspolitisches Engagement
Hans-Böckler-Stiftung (HBS): Das Förderwerk des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB); unterstützt engagierte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie Menschen auf dem zweiten Bildungsweg