23.06.2026

Studieren neben der Schule: Nico Camillo Niesterok ist der erste Jungstudent an der HSBI, ein Mathecrack am Campus Minden

Foto: Tilman Hetsch erklärt Nico Niesterok etwas vor einem Whitebord mit mathematischen Formeln
Prof. Dr. Tilman Hetsch (r.), Professor für Ingenieurmathematik am Campus Minden der Hochschule Bielefeld, hat selbst als Schüler ein Schnupperstudium absolviert und ist vom Konzept des neuen „Jungstudiums“ überzeugt. © C. Wolf/HSBI
Foto: Nico Niesterok schreibt etwas an ein Whiteboard
Nico Camillo Niesterok suchte eine Alternative neben dem Mathe-Unterricht an der Schule und fand sie als erster Jungstudent an der HSBI. © C. Wolf/HSBI
Porträt Tilman Hetsch
Prof. Dr. Tilman Hetsch sieht sich als Professor in der Verantwortung, „so vielen jungen Leuten wie möglich“ Mathe beizubringen. © C. Wolf/HSBI
Foto. Tilman Hetsch und Nico Niesterok laufen zusammen über den Campus Minden
Für Prof. Hetsch eignet sich die Mathematik hervorragend für das Jungstudium, da sie voraussetzungslos ist und aufeinander aufbaut. © C. Wolf/HSBI
Foto: Nico Niesterok sitzt vor einem Gebäude des Campus Minden
Die Jungstudierenden absolvieren reguläre Bachelor-Veranstaltungen neben der Schule und können sich erworbene Credit-Points auf ein späteres Studium anrechnen lassen. © C. Wolf/HSBI
Ob in Vollzeit, praxisintegriert oder berufsbegleitend – die Studienmöglichkeiten an der Hochschule Bielefeld (HSBI) sind vielfältig. Jetzt gibt es eine weitere Variante, die noch früher ansetzt: Studieren neben der Schule. Das „Jungstudium“ ermöglicht Schüler:innen, Lehrveranstaltungen in Bachelorstudiengängen zu besuchen und anrechenbare Leistungsnachweise zu erbringen. Den Anstoß zur Einrichtung gab ein Mindener Gymnasiast: Nico Camillo Niesterok wünschte sich mehr mathematischen Input.

Minden (hsbi). Sein Antrieb war nicht unbedingt positiv. „Langeweile, Verzweiflung“, sagt Nico Camillo Niesterok und erzählt mit einem Schaudern von unzähligen Wiederholungen im Matheunterricht: „Übungsaufgaben, Übungsaufgaben und noch mehr Übungsaufgaben. Dabei hatte ich alles schon nach den ersten Aufgaben verstanden.“ Der 17-jährige Schüler haderte mit dem Unterricht. Nicht aber mit der Mathematik, und so suchte er nach einer Alternative außerhalb der Schule – und fand sie am Campus Minden der Hochschule Bielefeld (HSBI).

Niesterok ist der erste eingeschriebene Jungstudent an der HSBI, und ihm ist es zu verdanken, dass das Projekt überhaupt ins Leben gerufen wurde: Das neu eingerichtete Jungstudium ermöglicht Schüler:innen, neben der Schule reguläre Lehrveranstaltungen in Bachelorstudiengängen zu besuchen und dort auch Leistungsnachweise zu erbringen. „Die Nachweise können in einem späteren Studium angerechnet werden“, sagt Prof. Dr. Tilman Hetsch. Er ist am Campus Minden zuständig für das Lehrgebiet Ingenieurmathematik und überzeugt vom Konzept des Jungstudiums: „Das ist eine tolle Möglichkeit, wissbegierige Schülerinnen und Schüler zu fördern und für ein späteres Studium zu begeistern. Sie können sich einfach ohne Druck ausprobieren.“ Hetsch spricht aus einer gewissen Erfahrung: Als Schüler hatte er selbst ein zweiwöchiges Schnupperstudium an der FU Berlin absolviert: „Das war ein Heidenspaß!“

Mehr als ein „Schnupperstudium“: Leistungen können angerechnet werden

Foto: Tilman Htesch und Nico Niesterok unterhalten sich auf dem Gelände des Campus Minden
Prof. Dr. Tilman Hetsch betreut Jungstudent Niesterok.

Im Gegensatz zum damaligen Schüler Hetsch besucht Jungstudent Niesterok kein separates Schnupper-Programm, sondern er absolviert dieselben Lehrveranstaltungen wie die regulären Studierenden. „Deshalb ist die Zustimmung der Schule eine wichtige Voraussetzung für das Jungstudium“, betont Prof. Hetsch. Schließlich finden die Lehrveranstaltungen während der Schulzeit statt, die Jungstudierenden brauchen also eine Beurlaubung – und müssen den verpassten Schulstoff nachholen. „Ob das gelingt, kann die Schule am besten einschätzen. Im Idealfall schlägt der Schulleiter oder Oberstufenkoordinator die Schülerin oder den Schüler für das Jungstudium vor“, sagt Hetsch.

Auch Nico Camillo Niesterok gelangte so an die HSBI. Seine Schule erkundigte sich am Campus Minden nach zusätzlichen Fördermöglichkeiten für Schüler:innen, die Anfrage landete bei Prof. Hetsch. Denn Nicos Interesse war eindeutig. „Mathe. Was soll ich sonst machen?“, fragt der 17-Jährige und lacht. Ihm gefällt die mathematische Klarheit: „Etwas ist entweder richtig oder falsch, das ist das Tolle an der Mathematik. Vor allem aber ist sie die Grundlage für alles und macht einfach Spaß.“ Tilman Hetsch stimmt zu und ergänzt: „Mathematik ist voraussetzungslos. Anders als für beispielsweise Elektrotechnik braucht es für Mathe nur Mathe, alles ist aufeinander aufgebaut.“ Für ihn war es deshalb keine Frage, sich für den Schüler einzusetzen – er nahm ihn umstandslos in seinem Brückenkurs für Erstsemester auf. Und ermunterte ihn anschließend, an der HSBI weiterzumachen: „Als Professor habe ich die schöne Verantwortung, so vielen jungen Menschen so viel Mathe wie möglich beizubringen“, sagt er und grinst: „Aber wenn schon Mathe, dann richtig!“ Heißt: Auch Niesterok sollte fortan regelmäßig jede Woche die Lehrveranstaltung im Bachelorstudiengang besuchen und mit der regulären Klausur abschließen.

Ohne die Unterstützung der Fachbereichsverwaltung hätte es nicht geklappt

„Das ist eine tolle Möglichkeit, wissbegierige Schülerinnen und Schüler zu fördern und für ein späteres Studium zu begeistern. Sie können sich einfach ohne Druck ausprobieren.“

Prof. Dr. Tilman Hetsch, Professor für Ingenieurmathematik am Campus Minden

Allerdings gab es noch keinen Status für einen studierenden Schüler. Nico Camillo Niesterok hatte deshalb keinen Zugang zur obligatorischen Lernplattform Ilias, also keinen Zugriff auf Materialien und Lehrinhalte. „Wir mussten zunächst ein bisschen improvisieren“, erinnert sich Hetsch. Im Hintergrund wirkte inzwischen mit viel Engagement Silke Rosenhäger vom Dezernat Studium und Lehre. Gemeinsam mit dem Professor suchte sie nach einer langfristig tragfähigen Lösung und wurde schließlich in § 48, Absatz 6 des Hochschulgesetzes NRW, fündig: „Schülerinnen oder Schüler, die nach dem einvernehmlichen Urteil von Schule und Hochschule besondere Begabungen aufweisen, können im Einzelfall als Jungstudierende außerhalb der Einschreibungsordnung zu Lehrveranstaltungen und Prüfungen zugelassen werden.“ Silke Rosenhäger machte sich für die Umsetzung dieses „Kann“-Paragraphen an der Hochschule stark und erreichte, dass die HSBI das Jungstudium generell als Studienmöglichkeit einrichtete.

Foto: Jemand zeigt mit dem Finger auf eine mathemtische Formel auf einem Blatt papier
© C. Wolf/HSBI

Im Wintersemester absolvierte Nico Camillo Niesterok schließlich seine erste komplette Lehrveranstaltung: Mathematik I. Und? War sie tatsächlich voraussetzungslos? Niesterok schaut mit einem verschmitzten Lächeln zu Tilman Hetsch: „Naja, es fühlte sich ein bisschen an, wie ins kalte Wasser geworfen zu werden.“ Seine Mitstudierenden hatten mit dem Abitur immerhin schon deutlich mehr Mathestunden absolviert als er. „Aber es war alles wundervoll erklärt“, schiebt Niesterok nach kurzer Pause hinterher und stimmt seinem Professor grundsätzlich doch zu. Schließlich ist die Lehrveranstaltung im Wesentlichen eine Wiederholung der Oberstufen-Mathematik, erklärt Hetsch: „Auch die Abiturienten sind nicht alle auf demselben Stand, wir bauen deshalb noch nicht auf den Inhalten der Oberstufe auf, sondern wiederholen sie und bringen die Studierenden auf ein gemeinsames Niveau.“ Hetsch verfolgt dabei keinen besonderen didaktischen Ansatz, sondern hält sich an den Grundsatz: „Die Leute sollen sich nicht langweilen. Es geht um eine Diskussion über Mathematik und Technik unter Erwachsenen. Ganz wichtig ist es, auf Studierendenfragen einzugehen und diese Anregungen gemeinsam zu Ende zu denken.“

Viel Arbeit, aber auch viel Spaß – das ist das Jungstudium an der HSBI

Foto: Tilman Hetsch erklärt Nico Niesterok etwas an einem Whitboard mit mathematischen Gleichungen
Das Lernpensum ist für Jungstudierende neben der Schule hoch, dafür „ist die Lernatmosphäre viel entspannter“ an der Hochschule.

Für Nico Camillo Niesterok geht das Konzept offensichtlich auf. Der Schüler gerät fast ins Schwärmen, wenn er von den Vorlesungen an der HSBI erzählt: „Auf Fragen wird in aller Tiefe eingegangen und die Übungsaufgaben in den Tutorien sind freiwillig und ohne Bewertung. Generell ist die Lernatmosphäre viel entspannter als in der Schule.“ Dabei ist das Pensum für den Jungstudenten „nicht ohne“: Bis zu zwei Vorlesungen und zwei Tutorien hat er jede Woche in der Vorlesungszeit. Niesterok: „Im Extremfall bedeutet das morgens erst in die Schule, nach der ersten Stunde direkt zur Hochschule, zur sechsten Stunde wieder zurück in die Schule und anschließend am Nachmittag noch einmal zum Üben in die Hochschule.“

Nico Camillo Niesterok macht das Lernen an der HSBI vor allem eines: „Spaß!“ Auch wenn es nicht immer gleich von Erfolg gekrönt ist: „In meiner ersten Klausur bin ich glatt durchgefallen“, berichtet er. Trotzdem: „Man sammelt so viele Erfahrungen, es lohnt sich definitiv!“ Und Professor Hetsch verrät: „Beim zweiten Anlauf hat er, auf den Gesamtkurs betrachtet, das zweitbeste Klausur-Ergebnis abgeliefert.“ (uh)

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