Aktuelle Zahlen der Hebammenzentrale Bielefeld-Gütersloh und die Erfahrung von Hebammen in der Region zeigen: In OWL klafft eine große Versorgungslücke. Zum Internationen Tag der Hebammen schlagen auch die Berufsverbände Alarm: Laut der „International Confederation of Midwives“ fehlen weltweit eine Million Hebammen, während der Deutsche Hebammenverband auf internationale Studien hinweist, die zeigen: Wenn Hebammen involviert sind, gibt es rund um Schwangerschaft und Geburt weniger Komplikationen, weniger unnötige medizinische Eingriffe und bessere psychische Gesundheit. Mit dem Studiengang Angewandte Hebammenwissenschaft, den bereits zwei Jahrgänge erfolgreich abgeschlossen haben, arbeitet die HSBI daran, die Versorgungslücke zu schließen.In sieben Semestern werden Studierende im praxisintegrierten Studiengang „Angewandte Hebammenwissenschaft" an der HSBI zu Hebammen ausgebildet.
Bielefeld (hsbi). In OWL gibt es zu wenig Hebammen: Die ASB Hebammenzentrale Bielefeld-Gütersloh beispielsweise hat in den vergangenen zwölf Monaten 750 Anfragen gezählt. Davon konnte nur in rund 500 Fällen eine Hebamme vermittelt werden. „Das zeigt ein strukturelles Defizit, das wahrscheinlich ganz OWL betrifft“, sagt Andrea Hermelingmeier, Hebamme, Berufspädagogin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Gesundheit der Hochschule Bielefeld (HSBI). „Erst vergangene Woche hatte ich ein Treffen mit einer freiberuflichen Hebamme aus Bielefeld, die Woche für Woche im Schnitt fünf Anfragen ablehnen muss. Wir hoffen daher, dass viele der an der HSBI studierten Hebammen in der Region tätig werden.“
Hebammenverband fordert weltweit eine Million neuer Hebammen – HSBI bildet aus
„Mit unserem Studiengang Angewandte Hebammenwissenschaft wollen wir [...] die Versorgung von Frauen und ihren Kindern vor, während und nach der Geburt in der Region durch die Ausbildung neuer Hebammen nachhaltig stärken."
Andrea Hermelingmeier
Der Mangel an Hebammen ist jedoch kein reines OWL-Problem – in Deutschland und weltweit fehlen Hebammen. Die International Confederation of Midwives (ICM) hat deshalb die Initiative „One Million More“ gestartet. Der internationale Fachverband fordert von den Regierungen massive Investitionen in die Geburtshilfe – eine Forderung, die vom Deutschen Hebammenverband unterstützt wird: „Hebammenbetreuung ist gelebte Prävention“, sagt Annika Wanierke, Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes. „Internationale Studien zeigen: Wo Frauen und Familien kontinuierlich von Hebammen begleitet werden, gibt es weniger Komplikationen, weniger unnötige medizinische Eingriffe und bessere psychische Gesundheit. Gleichzeitig steigt die Zufriedenheit der Familien deutlich. Dieses Hebammenpotential zu nutzen, erfordert ein Umdenken der Verantwortlichen und eine konsequente Aufklärung über Hebammenarbeit.“
„Und mehr Hebammen!“, setzt Andrea Hermelingmeier hinzu. „Wenn die ASB-Hebammenzentrale Bielefeld-Gütersloh bekannt gibt, dass sie ein Drittel der anfragenden Schwangeren im vergangenen Jahr nicht an eine Hebamme vermitteln konnte, dann haben wir hier eine große Versorgungslücke. Diese Lücke wollen wir an der Hochschule Bielefeld mit unserem Studiengang Angewandte Hebammenwissenschaft helfen zu schließen und die Versorgung von Frauen und ihren Kindern vor, während und nach der Geburt in der Region durch die Ausbildung neuer Hebammen nachhaltig stärken.“ Zurzeit studieren an der HSBI rund 180 angehende Hebammen Angewandte Hebammenwissenschaft. Zwei Jahrgänge haben den praxisintegrierten Studiengang, der seit 2020 auch in Deutschland dem europäischen Standard entsprechend Pflicht ist, bereits erfolgreich abgeschlossen.
Tausende Todesfälle, steigende Kaiserschnittraten – Hebammen können Abhilfe schaffen
Andrea Hermelingmeier ist Hebamme, Berufspädagogin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Gesundheit der HSBI.
Die ICM weist derweil darauf hin, dass die Versorgungslücke weltweit pro Tag tausende Leben kostet. „Alle zwei Minuten stirbt eine Frau an Komplikationen während Schwangerschaft oder Geburt“, heißt es einem Artikel in der Fachzeitschrift Springer Pflege. „Alle 17 Sekunden geht ein Kind noch vor der Geburt verloren und jährlich sterben 2,3 Millionen Neugeborene innerhalb der ersten 28 Lebenstage. Gleichzeitig steigt die weltweite Kaiserschnittrate auf rund 30 Prozent – ohne nachweisliche Verbesserung der Gesundheitsversorgung.“ Würde die weltweite Versorgungslücke geschlossen werden, könnten bis 2035 bis zu 67 Prozent aller Todesfälle von Müttern, 64 Prozent der Tode von Neugeborenen und 65 Prozent der Totgeburten verhindert werden.
Wenngleich diese drastischen Zahlen nicht eins zu eins auf Deutschland übertragbar sein dürften, gibt es auch hierzulande erhebliches Verbesserungspotential, so der Deutsche Hebammenverband. In einer Erklärung zum 5. Mai, dem Internationalen Tag der Hebammen, unterstreicht die Organisation die große Bedeutung des Hebammenberufs für eine gelingende Versorgung: „Während der Schwangerschaft fördern Hebammen physiologische Verläufe, erkennen Risiken frühzeitig und leiten bei Bedarf gezielt in weiterführende Versorgung über. Das reduziert unnötige Eingriffe und schützt die Gesundheit von Mutter und Kind.“ Der Verband berichtet, dass eine kontinuierliche 1:1-Betreuung durch Hebammen während der Geburt nachweislich die Rate an Kaiserschnitten und operativen Eingriffen senkt, die Sicherheit von Geburten steigert und das subjektive Erleben der Geburt für die Frauen verbessert. Im Wochenbett schließlich leisten Hebammen ebenfalls einen entscheidenden Beitrag: „Sie fördern die psychische Gesundheit von Frauen, senken das Risiko für postpartale Depressionen und erkennen gesundheitliche Probleme frühzeitig, bevor bleibende Schäden entstehen“, so der Verband.
Damit nicht genug: „Durch qualifizierte Stillberatung unterstützen Hebammen den Stillbeginn. Stillen senkt das Brustkrebsrisiko der Mutter und schützt Kinder vor Infektionen und weiteren Erkrankungen. Gleichzeitig stärkt die Hebammenbegleitung die elterliche Kompetenz und Selbstwirksamkeit und reduziert unnötige Arzt- und Notaufnahmebesuche.“ Wichtig außerdem: „Hebammen erreichen Familien unabhängig von sozialem Status, Herkunft oder Lebenssituation. Sie erkennen Unterstützungsbedarf frühzeitig, vermitteln passende Hilfen und wirken so gesundheitlicher und sozialer Ungleichheit entgegen. Gute Hebammenversorgung senkt langfristig Folgekosten im Gesundheitswesen und stärkt die nächste Generation.“
Aufklärung und Prävention wichtiger Baustein für eine gesellschaftliche Veränderung
Der Deutsche Hebammenverband weist auf internationale Studien hin, die zeigen: Wenn Hebammen involviert sind, gibt es rund um Schwangerschaft und Geburt weniger Komplikationen, weniger unnötige medizinische Eingriffe und bessere psychische Gesundheit.
Von entscheidender Bedeutung ist für den Deutschen Hebammenverband auch die Präventionsarbeit: „Hebammen leisten auch im präkonzeptionellen Bereich wichtige Präventionsarbeit. Durch Angebote wie ,Hebammen an Schulen‘ vermitteln sie jungen Menschen ein realistisches und positives Verständnis von Körper, Sexualität, Schwangerschaft und Geburt. Diese frühe Aufklärung stärkt Gesundheitswissen, Selbstschutz und Verantwortungsbewusstsein. Jugendliche lernen, informierte Entscheidungen für ihre eigene Gesundheit und spätere Familienplanung zu treffen.“
Hier hat auch die HSBI einiges zu bieten: „Beim Tag der offenen Tür oder wenn Führungen anstehen, zeigen wir unterschiedlichen Besuchergruppen immer wieder gern unser Skills Lab, in dem Studierenden viele Tätigkeiten im geschützten Raum üben können“, erzählt Andreas Hermelingmeier. „In den Gesprächen wird dabei immer wieder eines deutlich: Viele Menschen wissen nicht, dass es längst wissenschaftlich erwiesen ist, dass Hebammen die Gesundheitsversorgung rund um Schwangerschaft und Geburt nachhaltig verbessern.“ (lk)