15.12.2015

Ausstellung - Photography in Streets of History Amsterdam im Fokus


Ein Ausstellungsprojekt mit fotografischen Arbeiten von Studierenden des Fachbereichs Design, Fachhochschule Dortmund und des Fachbereichs Gestaltung, Fachhochschule Bielefeld

Street photography gehört zu den faszinierendsten Formen der Fotografie. Das Kameraauge folgt dem, was die Straße an Einsichten gewährt, als Einblick in Begegnungen auf Plätzen und in den Cafés, als Blick auf Ereignisse des Vorübergehens, des Verkehrs, der Mobilität. Die Fotografie wird Dokument des zeittypischen Geschmacks, der Mode, der Frisuren und nicht zuletzt Zeugnis der sozialen und ethnischen Konflikte. Bereits Jean Eugène Auguste Atgets Aufnahmen von Paris am Anfang des 20. Jahrhunderts führen uns das von der Straße gegebene Bild der beschleunigten Zeit vor Augen. Robert Franks Sicht konfrontiert mit dem Amerika der Einwanderer und ihren großstädtischen Lebenssituationen. Insbesondere amerikanische Fotografen haben ihr Werk auf die Nervosität großstädtischer Kommunikations formen ausgerichtet, so Helen Levitt (1913 -2009), Saul Leiter (1923-2013), Garry Winogrand (1928-1984) oder Lee Friedlander (geb. 1934). Geradezu sensationell ist der Fund des Nachlasses von Vivian Maier (1926-2009), der auf noch zu entdeckende Perspektiven der street photography aufmerksam macht.

Mit dem Ziel, die in die Jahre gekommene street photography neu zu beleben, suchten Studierende des Fachbereichs Design der Fachhochschule Dortmund und des Fachbereichs Gestaltung der Fachhochschule Bielefeld nach einer ungewöhnlichen Sichtweise auf jenes Großstadtleben, dem die street photography ihre Existenz verdankt und an dem sie sich bis heute ausrichtet. Die Idee war, diesbezüglich den Blick auf Straßen zu richten, die historisch sind und aus der gegen wärtigen Zeit fallen, zugleich aber dem modernen Großstadtleben eine ungewohnte Bühne bieten. Die Wahl fiel auf Amsterdam, einer Stadt, die mit dem größten Altstadtareal der Welt in das 17. Jahrhundert versetzt und zugleich pulsierendes Leben von heute verkörpert. Mit dieser Ausrichtung ist ein Konzept verbunden, das der Dynamik der Großstadt einen auch historisch konnotierten Reflexionsraum zu ordnen möchte, jenen der Dauer, als anderen Zeitimpuls des fotografischen Bildes.

Die in der Ausstellung einsehbaren fotografischen Arbeiten sind während einer mehrtägigen Exkursion im Mai 2015 entstanden. Sie zeigen, wie die anfangs Klischee behafteten Bilder im Kopf von einer alten Hafen- und Handelsstadt -einer Stadt mit Rotlichtviertel und coffee-shops auf der einen und Museen, Hochschulen und Bühnen von Weltrang auf der anderen Seite -sich langsam auflösten, um zögerlich das anregende Andere Bild werden zu lassen. Wir gingen durch die Straßen den Grachten entlang, erlebten Mobilität ohne Autoverkehr, fuhren Fahrrad und blickten auf die nicht enden wollenden Häuserreihen einer längst vergangenen Zeit.

Wir suchten Institutionen auf, die sich mit aktuellen Positionen in der Fotografie beschäftigen wie das Museum für Foto grafie FOAM und das Stedelijk Museum. Anregungen für die inszenierte Fotografie bot im großen Maße das Rijksmuseum mit Werken von Rembrandt, Vermeer und van Gogh zum Beispiel sowie das darin verwirklichte ungewöhnliche Arrangement aus Gemälde sammlung und Kunstgewerbe, aus kulturellen Zeugnissen kolonialer Vergangenheit und modernem Design.

Die Geschichte Hollands als internationaler Knotenpunkt für Migrationsbewegungen einschließlich der jüdischen Einwanderer musste erst noch gelernt werden. Neben der portugiesischen Synagoge bot diesbezüglich auch das Anne-Frank-Haus Einsichten in ebenso unbekannte wie belastete Zeiten.

Da Amsterdam zu den wichtigsten Graffiti- Metropolen gehört, kam bei der Beobachtung der Gegenwart auch die Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit zum Zuge, in der Punk-Kultur, Provo- und Kraker - Bewegung eine wichtige Rolle spielten. Diese Bewegungen trugen unter anderem dazu bei, viele historische Gebäude zu retten.

Die Konzentration auf die der street photography nahestehenden Dokumentar- und Reportage fotografie wurde ergänzt durch fashion photography, da Amsterdam immer auch eine Stadt der Avantgardemode ist und zwar als alternatives Konzept. Ferner gewann die Auseinandersetzung mit künstlerischer Fotografie an Raum, angeregt durch über wältigende Kunstwerke in den Amsterdamer Museen, nicht zuletzt durch Rembrandts monumentales Gemälde "Die Nachtwache" (1642), das wir als eine Vorstrukturierung der street photography zu deuten lernten, als Bild einer Straßenszene, dramatisiert durch eine Lichtregie, die sich an den Gesten der Augenblicklichkeit bricht. Zugleich erkannten wir darin das Bild eines Schauspiels, ein Vorbild für die inszenierte Fotografie (stage photography), gesteigert zum bildnerischen Moment von doppelter Wirkung, festgehalten für die Ewigkeit.