„Ich habe keine lineare Bildungsbiografie“

Mein Weg zur HAW-Professur: Prof. Dr. Edith Kollath 
im Interview

Porträt von Prof. Dr. Edith Kollath, Hochschule Bielefeld.
Foto: Patrick Pollmeier

Prof. Dr. Edith Kollath ist Professorin für Raum, Körper und Objekt am Fachbereich Gestaltung der HSBI. Ihr Weg dorthin? Geprägt von viel Inspiration, neuen Wegen und überraschenden Wendungen. Im Interview berichtet sie, wie sie Professorin geworden ist – und warum dieser Weg für sie lange gar nicht absehbar war.

Sie sind seit 2025 Professorin. Hätten Sie vor fünf Jahren damit gerechnet, dass Sie einmal diesen Weg einschlagen?

Nein, das war auf jeden Fall nicht absehbar. Ich wusste schon in meiner Schulzeit, dass ich irgendwann Künstlerin werden möchte. Meine Eltern fanden das brotlos, weshalb wir uns damals erst mal auf ein Studium in Mode- und Textildesign geeinigt haben. Dass ich irgendwann einmal Professorin werden könnte, war mir überhaupt nicht klar.

Heute sind Sie beides: Künstlerin und Professorin. Wie kam es dazu?

Das war ein langer Weg. Ich habe nach meinem Designstudium in Hamburg mein erstes Geld verdient und gemeinsam mit einer Freundin als Selbstständige in der Werbebranche gearbeitet. Wir haben Ausstattungen für Werbefilme und Fotoproduktionen gemacht. Damit konnte man gutes Geld verdienen, es war aber nicht das, was ich langfristig machen wollte. Da ich mich zu diesem Zeitpunkt selbst finanziert habe, habe ich dann noch Freie Kunst in Hamburg studiert – meine Eltern waren raus aus der Nummer (lacht). 

Wie ging es dann für Sie weiter?

Ich gehöre definitiv zu den Leuten, die keine lineare Bildungsbiografie haben. Ich bin nach dem Studium mit meiner Freundin und Geschäftspartnerin nach New York gegangen und habe mir dort nach und nach ein großes Netzwerk aufgebaut. Begonnen hat alles damit, dass ich für das ZDF kurze Videoportraits über New Yorker Künstler:innen gedreht habe. So bin ich mit vielen spannenden Menschen in Kontakt gekommen und Teil von „NYC Resistors“ geworden. Das ist ein feministisches Hackerkollektiv, das extrem breit aufgestellt war. Ich habe damals gelernt, Code für meine künstlerischen Projekte zu schreiben, darunter meine atmenden Bücher. Dieses Projekt verfolge ich auch heute noch weiter. Es gab im Kollektiv aber auch Guerilla Knitters, also Menschen, die die Stadt bestrickt oder behäkelt haben, während parallel der MakerBot, einer der ersten DIY 3D Drucker, entwickelt wurde …

Das klingt sehr inspirierend. Wie kam es, dass Sie New York wieder verlassen haben?

Ja, New York hat mich sehr geprägt. Dass ich die Stadt verlassen habe, hatte mehrere Gründe, unter anderem private: Ich habe mein erstes Kind bekommen und wollte mit meinem Partner wieder in Deutschland leben. Zunächst waren wir in Frankfurt, später dann in Berlin. Dort habe ich immer mehr gemerkt, dass mich neben meiner internationalen Ausstellungspraxis und der Zusammenarbeit mit Galerien auch die künstlerische Forschung reizt. Eine Freundin hat damals promoviert, durch sie bin ich auf die Idee gekommen, dass das auch für mich etwas sein könnte.

Sie haben dann in Weimar promoviert. War das der Moment, ab dem Sie eine Professur angestrebt haben?

Nein, ich war damals relativ zurückhaltend mit Visionen dieser Art (lacht). Ich habe mich gefreut, dass ich mich in Weimar intensiv über die Dinge austauschen konnte, die mich bewegen. Gleichzeitig konnte ich an Projekten arbeiten, die neu für mich waren. Ich habe zum Beispiel für das Theater und die Oper gearbeitet. Diese Tätigkeit hat mich auf vielen Ebenen geschult – zum Beispiel darin, wie man mit verschiedenen Gewerken umgeht, wie man Mitarbeitendengespräche führt und wie man große Projekte plant und durchführt. Gleichzeitig war ich durch die Arbeit an meiner Dissertation mit Menschen zusammen, die in ihren Zukunftsvorstellungen sehr klar waren und für die eine Professur das erklärte Ziel war. Für mich war diese Zeit sehr bereichernd, ich konnte viel lernen und in mir bewegen.

Haben Sie sich dann einfach auf Professuren beworben?

Ja, genau. In Bielefeld bin ich dann zum Vorstellungsgespräch eingeladen worden. Ich hatte vorher Bedenken, ob ich in dieser Funktion auch meine eigene künstlerische Tätigkeit weiterverfolgen kann. Bei Kolleg:innen habe ich aber gesehen, dass das funktioniert. Deshalb habe ich mich beworben und bin sehr froh, dass es an der HSBI geklappt hat. 

Wie waren die ersten Wochen und Monate an der HSBI?

Aufregend. Im ersten Semester ging es für mich vor allem darum, die neuen Abläufe zu verstehen und meine eigene Lehre auf die Beine zu stellen. Mir war und ist wichtig, einen Raum für die Studierenden zu schaffen, in dem sie sich öffnen können und in dem sie sinnvoll begleitet werden. Von mir, aber auch von anderen Studierenden. Da wünsche ich mir einen ähnlichen Spirit wie den im Hacker- oder Makerspace in New York.

War es eine große Umstellung, Lehrveranstaltungen zu halten?

Es macht mir großen Spaß! Natürlich war es neu für mich, dass ich so viel Zeit mit jungen Menschen verbringen und sie über Monate und Jahre begleite. Was mir sehr geholfen hat, waren die Seminare für Neuberufene des hdw nrw. Da konnte ich viel für mich mitnehmen.

Wie würden Sie Ihren Job einem Grundschulkind erklären?

Man könnte es als Hebammentätigkeit beschreiben. Ich helfe meinen Studierenden, ihre Werke in die Welt zu bringen. Das mache ich in drei Bereichen: Es gibt die Grundlehre, da geht es darum, den Horizont der Studierenden zu erweitern und ihnen auch bestimmte praktische und theoretische Grundlagen beizubringen. Dann gibt es den seminaristischen Unterricht, da gehen wir mehr in die Tiefe, forschen, arbeiten aber auch praktisch. Und dann gibt es die Begleitung der Studierenden. Da gilt es dann, aus ihnen das Eigene und die eigene Kreativität herauszukitzeln und einzufordern. Mein Ziel ist es, dass die Studierenden eine Haltung entwickeln. Zur Welt, zu sich und zu ihrer eigenen Arbeit. Sie dabei zu unterstützen, ist meine Aufgabe. 

Bleibt Ihnen mit Ihrem Job Zeit für Hobbys?

Mittlerweile wieder, ja (lacht). Ich gehe joggen, schwimmen und versuche grundsätzlich, aktiv zu sein. Gleichzeitig ist mir meine eigene künstlerische Arbeit so wichtig, dass ich auch immer dabei bin, diese Projekte am Laufen zu halten. Es passiert also vieles gleichzeitig und ich muss oft viele Probleme lösen. Das ist aber okay, ich finde jedes Problem richtig super. Grundsätzlich bin ich sehr dankbar, dass ich mit meiner Professur gleichzeitig Sicherheit und Freiheit habe. Ich glaube, das gibt es nicht in vielen Jobs.

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