Angehende Lehrkräfte für Gesundheitsberufe testen an der HSBI, wie sie Pflege-Azubis mittels Virtueller Realität auf kritische berufliche Situationen vorbereiten können
Im Masterstudiengang Berufspädagogik Pflege und Therapie an der Hochschule Bielefeld wird vermittelt, wie Lehrkräfte 360°-VR-Szenarien im Unterricht einsetzen können, um zum Beispiel Pflege-Azubis in den Berufsfachschulen gut auf einen „Ernstfall“ vorzubereiten. Die Studierenden profitieren hier direkt von neuen Forschungsergebnissen des Instituts für Bildungs- und Versorgungsforschung im Gesundheitsbereich (InBVG) an der HSBI: In einem interdisziplinären Forschungsprojekt wurden zusammen mit Partnern aus Wissenschaft und Praxis frei zugängliche Lehrmaterialien entwickelt.Im Masterstudiengang Berufspädagogik Pflege und Therapie an der Hochschule Bielefeld wird vermittelt, wie Lehrkräfte 360°-VR-Szenarien im Unterricht einsetzen können, um zum Beispiel Pflege-Azubis in den Berufsfachschulen gut auf einen „Ernstfall“ vorzubereiten. Studentin Anna Hirch Nolte (rechts) testet die VR-Brille.
Bielefeld (hsbi). „Huch!“ Anna Hirch Nolte will sich festhalten und greift ins Leere. „Fühlt sich an wie eine Achterbahnfahrt!“ Schnell stützen Kommilitoninnen die Studentin. Die streift sich schließlich die futuristische VR-Brille ab, blinzelt kurz und sagt mit einem erleichterten Lächeln: „Jetzt brauche ich eine kurze Pause.“
Statt in der Achterbahn sitzt Anna Hirch Nolte in einem Seminarraum der Hochschule Bielefeld (HSBI) an der Kurt-Schumacher-Straße, der u.a. vom Institut für Bildungs- und Versorgungsforschung im Gesundheitsbereich (InBVG) genutzt wird. Eine der Institutsvorsitzenden ist Prof. Dr. Patrizia Raschper. Die Professorin für Pflegewissenschaft mit dem Schwerpunkt Pflegedidaktik am Fachbereich Gesundheit hat ihre Studierenden zu einer besonderen Veranstaltung eingeladen: „Heute gibt es einen direkten Transfer von Forschungsergebnissen in die Lehre“, sagt Raschper und deutet auf das auf den Tischen ausgebreitete Virtual Reality-Equipment: mehrere weiße VR-Brillen, Tablets und Handcontroller.
Das Szenario der VR-Brille wird zeitgleich auf ein Tablet übetragen: Durch das Streamen wird Gruppenarbeit ermöglicht.
Lernen im geschützten Raum, Fehler machen dürfen ohne Konsequenzen für Patient:innen
„Die Lernenden tauchen in die Simulationen ein und können im geschützten virtuellen Raum Entscheidungen treffen, ohne dass es im Fall von Fehlern zu Konsequenzen für reale Menschen kommt.“
Prof. Dr. Patrizia Raschper, Professorin für Pflegewissenschaft mit dem Schwerpunkt Pflegedidaktik
Am InBVG wurden im interdisziplinären Forschungsprojekt ViRDiPA („Virtual Reality basierte Digital Reusable Learning Objects in der Pflegeausbildung“) digitale Lernmaterialien entwickelt, zusammen mit der Universität Bielefeld, der Hochschule Emden/Leer, „Neue Wege des Lernens e.V.“ und den Praxispartnern Gesundheitsschulen im Evangelischen Klinikum Bethel, Akademie für Gesundheitsberufe der Mühlenkreiskliniken und Bildungscampus St. Johannisstift Paderborn. Im Mittelpunkt stehen 360°-VR-Szenarien, in denen bestimmte Ausbildungsinhalte realitätsnah erprobt werden können. „Die Szenarien ermöglichen eine immersive Erfahrung von typischen Situationen im Pflegealltag wie etwa Stürzen, epileptischen Anfällen oder Transporten ins Krankenhaus“, sagt Patrizia Raschper und erklärt die Vorteile: „Die Lernenden tauchen in die Simulationen ein und können im geschützten virtuellen Raum Entscheidungen treffen, ohne dass es im Fall von Fehlern zu Konsequenzen für reale Menschen kommt.“
Für Raschpers Studierende ist die Transfer-Leistung sozusagen eine doppelte: Sie studieren Berufspädagogik Pflege und Therapie, sind also angehende Lehrkräfte für die Berufsausbildung im Gesundheitswesen – und haben bereits eine abgeschlossene Ausbildung im Pflege- oder Therapiebereich. „Es geht für sie darum, wie sie die Brillen und VR-Szenarien als Lehrmittel in ihrem künftigen Unterricht einsetzen können“, erklärt Patrizia Raschper. Das funktioniert natürlich nur, wenn man weiß, wovon man spricht oder besser: womit man lehrt. Also: Brille auf und Szenario ab!
Kann VR das haptische Erlebnis ersetzen? Nein, aber ergänzen!
Der Softwareentwickler Leonard Meyer hat in ViRDiPA das Tool PaneoVR entwickelt, das die VR-Szenarien auf die Brillen bringt, und führt die Studierenden in die Nutzung ein.
Während Anna Hirch Nolte hinter der Brille verschwunden ist, schauen ihre Kommilitoninnen Rosemary Kabah und Laura Nana auf ein Tablet: Aus Patientenperspektive sieht man, wie ein Krankenbett auf einem Stationsflur steht. „Das ist das Szenario, das zeitgleich auf der Brille läuft. Durch das Streamen wird auch Gruppenarbeit ermöglicht“, erläutert Leonard Meyer. Der Softwareentwickler hat in ViRDiPA das Tool PaneoVR entwickelt, das die VR-Szenarien auf die Brillen bringt, und führt die Studierenden in die Nutzung ein. Auf dem Stationsflur ploppen Interaktionsbuttons auf, dazu eine Frage und mehrere Reaktionsmöglichkeiten. Kabah und Nana beobachten ihre Kommilitonin, die wendet den Kopf und zeigt mit dem Controller an der Hand in die Luft – auf dem Tablet markiert der Cursor Hirch Noltes favorisierte Antwort. Die Studentinnen diskutieren kurz, dann wird das Bett losgeschoben – und die vermeintliche Achterbahnfahrt beginnt.
Die Feedbackrunde bestätigt Anna Hirch Noltes unmittelbare Erfahrung: Die VR-Szenarien wirken sehr realistisch. „Als ob man selbst im Raum steht“, befindet eine Studentin, eine andere berichtet von einem „sehr eindrücklichen Erlebnis“, und ein Student war „fokussierter als im Krankenhaus-Alltag mit seinen vielen gleichzeitigen Anforderungen.“ Laura Nana sieht einen prinzipiellen Einsatz der VR-Szenarien im Unterricht aber mit einer gewissen Skepsis. „Als Pflegende haben wir einen sehr haptischen Beruf. Wie man eine Infusion vorbereitet oder eine Reanimation durchführt, kann man in der Virtuellen Realität kaum lernen. Es kommt wahrscheinlich auf das Thema an, ob der Einsatz sinnvoll ist.“ Patrizia Raschper nickt zustimmend: „Und es hängt auch davon ab, wo der Fokus liegt: Worauf sollen die Auszubildenden achten, was ist das Lernziel?“
Beobachten, dokumentieren, handeln – VR unterstützt beim stufenweisen Lernen
Die Studierenden sind angehende Lehrkräfte für die Berufsausbildung im Gesundheitswesen. Für sie geht es darum, wie sie die Brillen und VR-Szenarien als Lehrmittel in ihrem künftigen Unterricht einsetzen können.
Deshalb sind die VR-Szenarien grundsätzlich eingebettet in Lernaufgaben, erklärt die Professorin: „Es gibt eine ausführliche Vorbereitung auf das Szenario und die jeweiligen Anforderungen, und im Anschluss folgt eine Reflexion – immer angepasst an die jeweilige Lernstufe.“ Ein Beispiel: In einem Szenario bekommt ein Patient im Krankenhaus einen epileptischen Anfall. Statt handelnd einzugreifen, sollen Auszubildende im ersten Ausbildungsjahr den Anfall in erster Linie beobachten und dokumentieren. „Diese Fähigkeiten sind sehr wichtig für die Diagnostik und Behandlung epileptischer Erkrankungen“, erklärt Raschper. Für sie haben VR-Brillen den großen Vorteil der immersiven Erfahrung: „Mit ihnen kann man Situationen regelrecht erleben, es werden dieselben Empfindungen ausgelöst wie in der Realität.“ So kann ein plötzlicher epileptischer Anfall erschrecken oder sogar überfordern – besonders, wenn man ihn das erste Mal miterlebt. „Trotzdem müssen die Pflegenden professionell reagieren. Die Szenarien helfen ihnen, sich darauf vorzubereiten“, sagt Raschper.
Anna Hirch Nolte kann das nur bestätigen. „Auszubildende sind oft die ersten im Patientenzimmer und stehen dann vor Situationen, mit denen sie keine Erfahrungen haben. Die VR-Brillen bieten einen Safe Space, in dem sie den Umgang damit üben können.“ Die Studentin möchte VR-Szenarien zum Thema ihrer Abschlussarbeit machen und ist längst überzeugt von ihrem Einsatz in der Ausbildung. Zumal sich die Szenarien individuell anpassen lassen. „Mit dem PaneoVR-Tool können nach dem Baukastenprinzip eigene Lernaufgaben samt VR-Szenarien zusammengestellt werden. So kann jede Lehrkraft eigene Schwerpunkte setzen und die Szenarien danach ausrichten“, erklärt Leonard Meyer. „Probieren wir das aus?“ Und schon fangen auch die VR-skeptischen Studierenden an, Lernziele zu formulieren und die entsprechenden Szenarien zu konzipieren. (uh)
Die nötige Hardware ist bei Bedarf im InBVG ausleihbar: Es stehen sieben Metaquest 3- VR-Brillen mit der entsprechenden Software zur Verfügung. Kontakt: Henrik Pruisken