10.07.2026

Vortrag an der HSBI: Wie nach 80 Jahren die geheimen Magazine des untergetauchten deutschen Juden Curt Bloch zur Veröffentlichung kamen

Bild von Thilo von Debschitz von der Agentur Q Er sitzt in einem schwarzen T Shirt und einem Zettel in der Hand vor einer Präsentation die an die Wand hinter ihm geworfen wird Darauf sind handschriftliche Notizen von Curt Bloch zu sehen
Auf Einladung von Prof. Dr. Dirk Fütterer präsentierte Thilo von Debschitz das Curt Bloch-Projekt seiner Agentur Q am Fachbereich Gestaltung der HSBI. © J.Henk
Bild des Podiums während des Vortrags über Curt Blochs Unterwasserkabarett IM Vordergrund sitzen Besucherinnen mit den Rücken zur Kamera etwas erhöht sitzt vor ihnen von Debschitz hinter ihm ist ein Bild des alten Curt Bloch an die Wand geworfen
Im Mittelpunkt des Projekts steht die Lebensgeschichte von Curt Bloch: Der vor den Nationalsozialisten in die Niederlande geflohene und später untergetauchte jüdische Jurist entwickelte in seinem Versteck ein Magazin mit Collagen, Satiren und Gedichten. © J.Henk
Gesamtbild des Raums beim Vortrag über das Unterwassercabarett Auf den rund 50 augestellten Stühlen sitzen circa 40 Personen die in Richtung einer Präsentation an der Kopfseite des Raums schauen Darunter sitzt der Vortragende von Lipschitz
Rund 40 Interessierte aus dem Fachbereich Gestaltung der HSBI folgten der Einladung zum Vortrag über Curt Blochs „Het Onderwater-Cabaret“. © J.Henk
Gesamtbild des Raums beim Vortrag über das Unterwassercabarett Auf den rund 50 augestellten Stühlen sitzen circa 40 Personen die in Richtung einer Präsentation an der Kopfseite des Raums schauen Darunter sitzt der Vortragende von Lipschitz
Zwischen der Erstausgabe Anfang August 1943 und dem „Finale“ am 3. April 1945 produzierte Curt Bloch 96 Einzelexemplare des „OWC“ mit insgesamt 492 Gedichten auf über 1.700 Seiten. © J.Henk
Bild des Buchcovers \
Die Online-Veröffentlichung aller Ausgaben des „Het Onderwater-Cabarets" führte auch medial zu einer Wiederentdeckung Curt Blochs, wie bspw. in Form eines bei Aufbau erschienenen Buchs. © J.Henk
Nach der Machtergreifung Hitlers flieht der Jurist Curt Bloch aus Dortmund in die Niederlande. 1942 taucht er unter – und beginnt bald damit, Spottgedichte auf das „Dritte Reich“ in Form von Mini-Zeitschriften zu verbreiten. Fast acht Jahrzehnte später sucht seine Tochter einen Weg, dieses „Unterwasser-Kabarett“ zu veröffentlichen. Und findet einen Kommunikationsdesigner mit Kontakten zur HSBI, der das gesamte Werk von Bloch als Website aufarbeitet – eingelesen u.a. von prominenten Schauspielern, darunter Bjarne Mädel. Prof. Dirk Fütterer und seine Masterstudierende Nina Michler haben das Thema als Vortrag an den Fachbereich Gestaltung der Hochschule Bielefeld geholt – auch als Beispiel für eine Weitung der Perspektive von Kommunikationsdesignern.

Bielefeld (hsbi). Vor 83 Jahren begann in der Stadt Enschede eine der unwahrscheinlichsten Geschichten der Medienhistorie. Im Spitzboden eines Wohnhauses sitzt der deutsche Jude Curt Bloch und textet und gestaltet sein eigenes Magazin. Wie 22.000 weitere Juden in den von den Nazis besetzten Niederlanden ist er untergetaucht. Sein erstes, 16-seitiges Heft nennt er treffend „Het Onderwater-Cabaret“ – „Das Unterwasser-Kabarett“.

In Gedichtform kommentiert der studierte Jurist darin das Weltkriegsgeschehen und beschreibt seine persönlichen Umstände. Blochs Leserschaft: rund 30 andere Untergetauchte, unter denen das postkartengroße Magazin kursiert. Bis zum 3. April 1945 erscheinen 95 weitere Hefte. Wie durch ein Wunder geht kein einziges dieser Unikate verloren. Dann tauchen sie selbst unter – bis 2023. Heute kann man alle 1.700 Seiten auf einer Website nachlesen, liebevoll aufbereitet und gestaltet von der Wiesbadener Strategie- und Designagentur Q.

Kommunikationsdesigner erweitern ihr Betätigungsfeld

Bild der Präsentationswand beim Curt Bloch Vortrag zu sehen ist Simone Bloch, die Tochter von Curt Bloch die per Video in dei Veranstaltung zugeschaltet ist. Sie sitzt in einem Auto und telefoniert per Video mit dem Saal
Auslöserin des gesamten Projekts ist Simone Bloch, die zweite Tochter von Curt Bloch. Die 67-jährige New Yorkerin machte von Debschitz 2021 auf das Magazinarchiv ihres Vaters aufmerksam.

Am 1. Juni 2026 kam Curt Blochs unglaubliche Geschichte auch in den Fachbereich Gestaltung der HSBI. Professor Dirk Fütterer, Koordinator der Studienrichtung Kommunikationsdesign und verantwortlich für das Lehrgebiet Typografie, hatte den Agentur-Leiter Thilo von Debschitz und seinen Art Director Tim Siegert ins Videostudio des Fachbereichs eingeladen, um HSBI-Studierenden und anderen Interessierten Lebensgeschichte und Werk von Curt Bloch nahezubringen. Per Zoom aus New York zugeschaltet war auch Simone Bloch, Tochter des „Untergetauchten“.

„Mir ging es darum, unser Feld als Kommunikationsdesigner zu erweitern“, sagt Fütterer. „Das Thema hat ja viele Ebenen. Da ist die Würdigung einer heute weithin unbekannten Persönlichkeit, die dem NS-Staat die Stirn geboten hat. Da ist der Do-It-Yourself-Aspekt, denn Curt Bloch war ja kein Grafiker. Und da bringt sich eine Kreativagentur mit einem Pro-Bono-Projekt in den gesellschaftlichen Diskurs ein und erlangt auf diese Weise selbst mehr Sichtbarkeit.“ Man könnte auch sagen, dass hier auf ganz überraschende Weise ein Stück Transformationsdesign gelingt.

Erst hält er sie für einen Bot, dann entdeckt er in ihrem Wohnzimmer einen Schatz

Für Thilo von Debschitz war es so, als fiele das Projekt aus heiterem Himmel direkt in seinen Schoß. „Ich bekam 2021 eine Facebook-Nachricht von einer Simone Bloch aus New York, die mir nicht bekannt war“, erzählt er beim Vortrag an der HSBI. „Erst hielt ich sie für einen Bot und antwortete nicht, aber sie blieb hartnäckig.“ Simone Bloch ist auf der Suche nach jemandem, der ihr bei der Veröffentlichung der Hefte ihres Vaters helfen möchte. „Ich kannte niemanden in Europa“, sagt sie. „Thilo hatte ich zufällig in einer Facebook-Gruppe entdeckt und fand heraus, dass er ein Buch über den jüdischen Sachbuchautor und ‚Infografik-Pionier‘ Fritz Kahn geschrieben hatte. Ich dachte, dann interessiert er sich vielleicht auch für meinen Vater.“

„Ich war fasziniert von der Art der Gestaltung, und als ich die ersten Gedichte las, trafen sie mich direkt ins Herz. Mir war sofort klar: Das hier muss allen Menschen zur Verfügung gestellt werden..."

Thilo v. Debschitz, Leiter Agentur Q

Von Debschitz fliegt nach New York und kann kaum glauben, was für einen Schatz Simone Bloch in ihrem Wohnzimmer aufbewahrt. „Ich war sehr fasziniert von der Art der Gestaltung, und als ich die ersten Gedichte las, trafen sie mich direkt ins Herz“, erzählt er. „Mir war sofort klar: Das hier muss allen Menschen zur Verfügung gestellt werden, weil es noch mal einen ganz neuen Zugang zum Thema Faschismus bietet – und bisweilen wie ein Kommentar wirkt zu dem, was wir gerade in vielen Teilen der Welt erleben.“ Das Magazin der Süddeutschen Zeitung bringt bald darauf eine 14-seitige Titelgeschichte über das „Unterwasser-Kabarett“, das Jüdische Museum Berlin macht eine Ausstellung unter dem Titel „Mein Dichten ist wie Dynamit“, im Aufbau-Verlag erscheint ein Buch über Curt Bloch, das Von Debschitz gestaltet.

Der Jurist arbeitet als Teppichverkäufer, taucht dann unter und schreibt Gedichte

Die Website curt-bloch.com schließlich erzählt in ebenso virtuoser wie klarer Weise die ganze Geschichte des Magazingestalters wider Willen. Curt Bloch kommt am 9. November 1908 in Dortmund zur Welt. Seine Familie betreibt dort einen Feinkostladen. Nach Volksschule und Gymnasium studiert er Jura an verschiedenen deutschen Universitäten und tritt im März 1931 seinen Vorbereitungsdienst als Gerichtsreferendar in Dortmund an. Kurz nach der Machtergreifung Hitlers endet Curt Blochs juristische Karriere, als eine Anordnung alle jüdischen Staats- und Rechtsanwälte zwingt, Urlaubsgesuche einzureichen. Schon Ende April 1933 siedelt er in die Niederlande über, wo er sich sicher wähnt. Bloch wohnt erst in Den Haag, später in Amsterdam, erlernt die Landessprache, geht Gelegenheitsjobs nach, arbeitet unter anderem als Teppichverkäufer.

„Mir ging es darum, unser Feld als Kommunikationsdesigner zu erweitern und dies an einem Thema mit vielen Ebenen anschaulich zu machen.“ 

Prof. Dr. Drik Fütterer, FB Gestaltung

Am 10. Mai 1940 überfällt Hitlers Armee die Niederlande. Auch hier werden jüdische Bürgerinnen und Bürger nun erst gedemütigt, dann entrechtet und schließlich deportiert und ermordet. Im Sommer 1942 taucht Curt Bloch mit Hilfe eines Unterstützungsnetzwerks in Enschede unter. In wechselnden Verstecken beginnt er, Gedichte zu schreiben – auf Deutsch wie auf Niederländisch. Und ersinnt das „Onderwater-Cabaret“ – wobei der Titel sowohl auf seine Lebenssituation, als auch auf die in der Weimarer Republik sehr populäre neue Kleinkunstform des Kabarett verweist.

Überleben, kreativ sein, der Nazi-Propaganda die Maske herunterreißen

„Unter schwierigsten Umständen entwickelt Curt Bloch eine ganz persönliche Form des Widerstands gegen das Naziregime“, sagt Thilo von Debschitz. Und ist dabei maximal kreativ. „Er schneidet Bilder und Buchstaben aus Illustrierten aus und führt sie in Collagen zusammen. Wenn man da aus Gestaltersicht drauf schaut, ist das wirklich ein Augenschmaus. Offensichtlich wurde Bloch in seinen Verstecken mit zahlreichen Zeitschriften versorgt, denn häufig lässt er sich für seine Gedichte von Nachrichten oder auch Fotos inspirieren. Er reimt Schmähgedichte auf Hitler, Goebbels und Co., reißt der Nazi-Propaganda mit ihren Fake-News die Maske herunter oder kommentiert Kriegsfolgen, zum Beispiel die öffentlichen Aufrufe zur Sparsamkeit – Ähnliches sehen wir ja heute im Zuge des russischen Angriffskrieges.“

Als einer von rund 500 der etwa 1.300 in Enschede ansässigen Juden überlebt Curt Bloch die deutsche Besatzung. Nachdem seine gesamte Familie in Konzentrationslagern ermordet wurde, geht sein Leben weiter. In Amsterdam lernt er seine spätere Frau Ruth Kahn kennen, die ebenfalls aus Dortmund stammt und aus dem KZ Auschwitz befreit worden war. Ihr erstes Kind kommt noch in den Niederlanden zur Welt, am 27. April 1948 geht die kleine Familie in New York an Land. Curt Bloch verdingt sich zunächst als Lagerarbeiter. Später bauen sich die Blochs eine Existenz als Antiquitätenhändler auf. 1959 wird Simone Bloch geboren.

Ein Appell gegen das Vergessen, dessen Aktualität betroffen macht

„Ich glaube, wir können viel lernen vom Mut und der Hoffnung eines Curt Bloch. Wir Gestalter:innen sollten uns stärker in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen engagieren.“

Nina Michler, Absolventin BA-Studiengang Kommunikationsdesign

 Seine Heimatstadt Dortmund besucht Curt Bloch regelmäßig. „1972 erscheint er zum ersten Treffen seiner Abiturklasse nach 45 Jahren“, erzählt Thilo von Debschitz. „Ein ehemaliger Mitschüler begrüßt ihn mit den Worten: ‚Curt, mit dir haben wir jetzt gar nicht gerechnet.‘“ Am 14. Februar 1975 stirbt Curt Bloch. Ruth Bloch lebt noch heute in New York, 100-jährig, und kümmert sich um ihre Urenkel.

„Gedichtet hat mein Vater nur noch zu privaten Anlässen“, sagt Simone Bloch. „Nach dem Krieg war das Wichtigste für ihn, seiner Familie ein gutes Leben zu ermöglichen.“ Umso eindringlicher liest sich heute sein „Gedicht an meine deutschen Leser“ aus dem Juni 1944. Hellsichtig ist sein Appell gegen das Vergessen an zukünftige Generationen gerichtet – und die Aktualität des Textes macht betroffen.

Bjarne Mädel, Anke Engelke, Corinna Harfouch und viele andere lesen die Gedichte ein

Auf der Website leihen viele Schauspielerinnen und Kabarettisten, aber auch Überlebende des Holocaust Curt Bloch ihre Stimme. „Die Hälfte der 492 Gedichte haben wir bereits einlesen lassen“, sagt Thilo von Debschitz. „Alle Beteiligten haben dabei auf ein Honorar verzichtet.“ Besonders dankbar für seine Engagement ist er dem Schauspieler Bjarne Mädel. „Er fand das Projekt so spannend, dass er uns an 70 seiner Kolleginnen und Kollegen weitervermittelt hat und uns zum Beispiel die private E-Mail-Adresse von Christoph Maria Herbst und die Handynummer von Anke Engelke gab.“ So sind auf curt-bloch.com jetzt auch Jan Böhmermann und Corinna Harfouch zu hören, Charly Hübner und Katharina Thalbach oder Irene Hasenberg-Butter, die zusammen mit Anne Frank im KZ Bergen-Belsen war. „Es gab sehr viel Liebe für das, was uns Curt Bloch hinterlassen hat.“

Und so soll sein Erbe auch in Zukunft weitergetragen werden. „Von Anfang an fanden wir, dass sich die Texte ideal für den Einsatz im Unterricht eigenen“, sagt Thilo von Debschitz. „Tatsächlich waren wir mit unserer Geschichte schon im Städtischen Gymnasium in Dortmund, wo Curt Bloch zur Schule gegangen ist. Und der gemeinnützige Verein, den wir gegründet haben, sammelt jetzt Spenden und Fördergelder, um damit Lehrmittel entwickeln zu können.“

Podium des Vortrags Auf der Präsentation sind Coverbilder des Magazins zu sehen Davor sitzen Thilo Debschitz und Tim Siegert von der Agentur Q
Bei der Vertonung der Gedichte Blochs halfen prominente Schauspieler:innen und Medienschaffende dem Projekt, indem sie Texte honorarfrei einlasen.

Auch an der HSBI hinterließ das Projekt einen nachhaltigen Eindruck: „Ich glaube, wir können viel lernen vom Mut und der Hoffnung eines Curt Bloch“, sagt Nina Michler, die ihren Bachelor an der HSBI gemacht hat, nun im Master Kommunikationsdesign studiert und den Vortrag mitorganisiert hat. „Wir Gestalter sollten uns stärker in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen engagieren. Ich finde zum Beispiel Wissenschaftskommunikation enorm wichtig.“ Auch Dirk Fütterer macht sich stark für eine Öffnung hin zu anderen Disziplinen. „Für mich ist unser Curt-Bloch-Event auch der Start für eine Art neuer Vortragskultur.“ (poe)