10.02.2026

Ein Flüchtling aus dem Südsudan als DAAD-geförderter Wirtschaftsstudent an der HSBI

Aleer Nyang Jacob studiert mit einem DAAD-Stipendium im Masterstudiengang International Business Management an der Hochschule Bielefeld
Aleer Nyang Jacob studiert mit einem DAAD-Stipendium im Masterstudiengang International Business Management an der Hochschule Bielefeld. © P. Pollmeier/HSBI
Mit seinem Studium möchte Jacob langfristig einen Beitrag leisten zur wirtschaftlichen Stabilisierung seiner Heimat
Mit seinem Studium möchte Jacob langfristig einen Beitrag leisten zur wirtschaftlichen Stabilisierung seiner Heimat. © P. Pollmeier/HSBI
An der HSBI schätzt Jacob besonders die praxisnahe Lehre und die enge Verbindung zur regionalen Wirtschaft
An der HSBI schätzt Jacob besonders die praxisnahe Lehre und die enge Verbindung zur regionalen Wirtschaft. © P. Pollmeier/HSBI
Gruppenarbeiten Fallstudien und Projektarbeit foerdern sein kritisches Denken und seine Problemloesekompetenz.
Gruppenarbeiten, Fallstudien und Projektarbeit fördern sein kritisches Denken und seine Problemlösekompetenz. © P. Pollmeier/HSBI
Das DAAD Programm Leadership for Africa eroeffnet ihm neue Perspektiven für seine akademische und persönliche Entwicklung
Das DAAD-Programm „Leadership for Africa“ eröffnet ihm neue Perspektiven für seine akademische und persönliche Entwicklung. © P. Pollmeier/HSBI
Mit dem „Leadership for Africa“-Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes studiert Aleer Nyang Jacob seit Oktober an der Hochschule Bielefeld im Masterstudiengang International Business Management. Der Südsudanese sieht Wirtschaft und Finanzen als wirkungsvolle Instrumente, um Frieden, Stabilität und Wirtschaftswachstum in seiner afrikanischen Heimat zu fördern.

Bielefeld (hsbi). Aleer Nyang Jacob holt sein Smartphone hervor und öffnet die Karten-App. Die Kleinstadt Bor am Weißen Nil im Südsudan ist schnell gefunden, aber Jacob hält kurz inne und lächelt. „Es gibt keine Flugverbindungen“, sagt er erklärend und wählt den Fußweg aus. Das Programm berechnet die Strecke: Gut 8.300 Kilometer liegen zwischen seiner Heimat und Bielefeld. Ein weiter Weg – auch im übertragenen Sinn.

Im Oktober ist Aleer Nyang Jacob in Bielefeld angekommen. Seitdem ist er im englischsprachigen Master International Business Management an der Hochschule Bielefeld (HSBI) eingeschrieben. „Mich haben die starken Verbindungen zur regionalen und lokalen Wirtschaft beeindruckt und die fundierten Praxiserfahrungen der Lehrenden. Die HSBI bietet ein perfektes Umfeld, um theoretisches Lernen mit praktischen Erfahrungen aus der realen Welt zu verbinden“, begründet Jacob seine Wahl.

Gut ausgebildete Führungskräfte sind ein Erfolgsfaktor bei der Befriedung von krisengeschüttelten Regionen

Von seiner Heimat im Suedsudan über das Fluechtlingslager in Kenia bis nach Bielefeld Aleer Nyang Jacobs Bildungsweg steht fuer Ausdauer Engagement und Hoffnung auf Veraenderung.
Von seiner Heimat im Südsudan über das Flüchtlingslager in Kenia bis nach Bielefeld: Aleer Nyang Jacobs Bildungsweg steht für Ausdauer, Engagement und Hoffnung auf Veränderung.

Die interaktive Vermittlung der Inhalte sei dabei ein „erfrischender Kontrast“ zur vorlesungsbasierten Lehre an seiner kenianischen Heimatuni, wie er diplomatisch formuliert: „An der HSBI liegt der Fokus mehr auf Gruppenarbeiten, Fallstudien und Projekt-orientiertem Lernen – das fördert kritisches Denken und Problemlösekompetenz.“ Vor allem soll ihm das Studium helfen, seinem Ziel näher zu kommen: „Hier kann ich meine Kenntnisse zu internationalem Management, Marktdynamiken und Finanzsystemen vertiefen und lernen, wie sich nachhaltiges Wachstum und positiver wirtschaftlicher Wandel in meinem Heimatland Südsudan vorantreiben lässt. Wirtschaft und Finanzen sind nun mal die wirkungsvollsten Instrumente für Frieden und Stabilität.“

Möglich macht Jacobs Studium in Bielefeld ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) im Rahmen des Programms „Leadership for Africa“: Es richtet sich an Bachelorabsolvent:innen ausgewählter Länder der Sub-Sahara-Region, explizit auch an Flüchtlinge aus dem Südsudan.

Gudrun Chazotte, Referatsleiterin für Stipendienprogramme Afrika beim DAAD, freut sich über die Erfolge und die Motivation von Aleer Nyang Jacob. „Die Grundidee unseres Stipendienprogramms ist, hochmotivierten und qualifizierten Geflüchteten über die Hochschulausbildung in Deutschland einen legalen Migrationsweg zu eröffnen. Unsere Absolventinnen und Absolventen haben alle Optionen, um sowohl in der Gesellschaft in Deutschland wie auch in ihren Heimatländern und -regionen wichtige Impulse zu setzen. Lebenswege wie der von Aleer Nyang Jacob zeigen, dass das Konzept aufgeht.“

Flucht mit der Großfamilie, versprengt und als Elfjähriger auf sich gestellt

Das DAAD-Programm weist damit einen Weg, den Aleer Nyang Jacob schon als kleiner Junge eingeschlagen hat. „Bildung ist für mich mehr als nur akademischer Erfolg, Bildung ist eine Lebensader, ein Weg aus den Widrigkeiten des Lebens und ein Mittel, um andere zu stärken. Bildung hat mir Türen geöffnet, die ich für verschlossen hielt“, sagt der heute 32-Jährige. Geboren mitten im Bürgerkrieg, als der Südsudan um seine Unabhängigkeit vom Sudan kämpfte, musste Jacob mit seiner Großfamilie 2003 fliehen. Die Familie wurde getrennt, der kleine Aleer landete in Kenia, im Kakuma Refugee Camp. Alleine. „Da war ich gerade elf Jahre alt“, erinnert er sich. Der Junge wuchs in Kakuma auf, in einem Flüchtlingslager mit all seinen Herausforderungen, indem bis heute über 300.000 Geflüchtete leben: begrenzte Ressourcen, Instabilität, Ungewissheit über die Zukunft.

20251117_FB5_LeadershipForAfricaProgrammsDAAD_Pollmeier_0660_Panorama

„Aber Flüchtlingscamps sind nicht nur Orte des Kampfes und der Hoffnungslosigkeit, sondern auch Orte bemerkenswerter Widerstandsfähigkeit, ungenutzter Talente und voller Entschlossenheit“, stellt Jacob fest. „Viele junge Leute dort träumen von Bildung und Ausbildung, um ein sinnvolles Leben zu haben.“ Auch der junge Aleer gehörte dazu und ergriff seine Chance: Er lernte viel, absolvierte seine Schulausbildung mit Bravour und schaffte es schließlich sogar an die University of Nairobi, eine der renommiertesten Universitäten Afrikas. Dort machte er seinen Bachelor of Commerce, mit einem Schwerpunkt in Finanzen. „Von 19 Geschwistern bin ich der erste mit Universitätsabschluss“, erzählt er, stolz und bescheiden zugleich.

Der Stipendiat will etwas zurückgeben – den eigenen Kindern, der Familie, der Region

Ein Bachelor in Wirtschaft und Finanzen – ist damit nicht der Weg geebnet für die private Karriere in der Wirtschaft? Aleer Nyang Jacob lächelt freundlich. Es ist weniger der persönliche Erfolg, der ihn interessiert: „Mich fasziniert vor allem, wie Finanzdaten und strategische Entscheidungen das Wirtschaftswachstum und die Stabilität eines Landes vorantreiben können. Kritisches Denken, Datenanalyse und strategische Entscheidungen kommen hier zusammen und erzielen messbare Auswirkungen auf die Entwicklung eines Landes.“ Es geht Jacob um die Gemeinschaft, „sie hat eine große Bedeutung in unserer Kultur.“ Angefangen beim Leben in der Großfamilie, war es im Flüchtlingslager die Gemeinschaft, die Jacob aufgefangen hat, und eine gemeinnützige Stiftung, die ihm nach einer finanziell bedingten Pause den Studienabschluss doch noch ermöglicht hat. Für Jacob war es deshalb selbstverständlich, sich sobald wie möglich auch für die Gemeinschaft zu engagieren und mit Nichtregierungsorganisationen Jugendliche im Flüchtlingslager zu unterstützen. „Man gibt etwas zurück.“

Aleer Nyang Jacob will allerdings noch weitergehen, weit über die familiäre und lokale Ebene hinaus: „Ich möchte einen sinnvollen Beitrag leisten zu einer nachhaltigen Entwicklung meines Landes und der gesamten Region“, sagt er und dreht an einem bunten Armband, dass er lässig am Handgelenk trägt. Vier Flaggen sind darin verflochten, die der ostafrikanischen Staaten Tansania, Kenia, Uganda und Südsudan: Sie bilden eine Gemeinschaft mit Reise- und Aufenthaltsfreiheit, für Jacob und seine Familie haben sie das Leben erleichtert. Diesen Ländern fühlt er sich verbunden, zu ihrer Entwicklung möchte er beitragen.

Das „Leadership for Africa“-Stipendium als „Krönung“ von 20 Jahren Arbeit an der eigenen Bildung

Ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes ermoeglicht ihm das Studium in Deutschland
Ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes ermöglicht ihm das Studium in Deutschland.

„Wie können Entwicklungsländer wie der Südsudan durch eine effektive Wirtschafts- und Finanzpolitik, Unternehmertum und gute Regierungsführung nachhaltige Finanzmanagementsysteme aufbauen?“, fragt Jacob. Als er vor sechs Jahren zum ersten Mal vom DAAD-Stipendienprogramm „Leadership for Africa“ hörte, war das für ihn der Weg, Antworten zu finden und nötiges Wissen zu erwerben. Sobald er seinen BA-Abschluss in der Tasche hatte, bewarb er sich – und bekam das Stipendium. Jacob strahlt. „Das ist die Krönung von mehr als 20 Jahren harter Arbeit, Ausdauer und unerschütterlichem Glauben an die Kraft des Wissens. Ich bin unendlich dankbar, dass ich diese Chance bekomme.“

Judith Peltz, HSBI-Vizepräsidentin für Internationales, ist überzeugt: „Programme wie Leadership for Africa sind Schlüsselinstrumente der internationalen Entwicklung. Sie ermöglichen herausragenden Talenten den Zugang zu Wissen, Netzwerken und Ressourcen, um nachhaltige Veränderungen in ihren Heimatländern anzustoßen. Wir an der HSBI sind stolz darauf, herausragende Persönlichkeiten wie Aleer Nyang Jacob anzuziehen und sie dabei zu unterstützen, ihre Ziele zu erreichen.“

Jacob ist sich der Missstände in seiner Heimat durchaus bewusst, aber wenn er von seinem Lebensweg erzählt, tut er das ruhig, ohne Verbitterung oder gar Wut. Stattdessen lenkt er den Blick auf das Positive, die Erfolge – die Hoffnung auf Wandel schwingt immer mit. Mehrmals musste er seine Abreise nach Deutschland verschieben: „Die Beschaffung eines Reisepasses für Flüchtlinge vom UNHCR hat sich immer wieder verzögert“, erklärt er, zuckt mit den Schultern und lächelt: „Aber jetzt bin ich da.“ Und der erste Kulturschock ist auch überwunden: „Die Trennung von der Familie, vor allem von meiner schwangeren Frau, fiel mir sehr schwer“, bekennt Jacob. „Dazu noch die andere Kultur, das Essen, die neue Sprache und die Unterschiede im Bildungssystem.“

Geholfen haben ihm nicht nur die Unterstützung durch den DAAD und die HSBI, sondern auch die eigene Offenheit – und der Humor. „Anfangs bin ich in Bielefeld ständig in die falsche Straßenbahn gestiegen oder in die falsche Richtung gefahren. Ich habe wohl in kurzer Zeit mehr von der Stadt gesehen als die Einheimischen in einem Jahr“, scherzt er. Darunter auch verborgene Ecken oder prominente Orte wie das Fußballstadion. Aleer Nyang Jacob lacht: „Auch wenn man mal falsch abbiegt im Leben, kann das trotzdem zu etwas Schönem führen.“ (uh)

 Für weiteres Bildmaterial können Sie sich gerne an presse@hsbi.de wenden.