09.06.2026

Ein Forscher aus Kopenhagen erklärt HSBI-Studierenden der Kindheitspädagogik, wie Kinder Lesen und Schreiben lernen, warum das manchmal nicht klappt und was man in Dänemark dagegen tut

Doktor Holger Juul vor der Hochschule Bielefeld
Dr. Holger Juul von der Universität Kopenhagen war im Rahmen der International Week zu Gast am Fachbereich Sozialwesen. Er forscht zur Lese-Rechtschreib-Störung und entwickelte das landesweite dänische Diagnoseverfahren mit. © P. Pollmeier/HSBI
Holger Juul auf der Sparrenburg im Hintergrund Bielefeld
Neben seinen Vorlesungen nutzte der Gastdozent aus Kopenhagen die Gelegenheit, Bielefeld kennenzulernen und neue Forschungskontakte zu knüpfen. © P. Pollmeier/HSBI
Flyer Internationale Woche
Holger Juuls Gastvorlesungen zur Lese-Rechtschreib-Störung wurden in zwei Vorlesungen für Studierende der Kindheitspädagogik integriert. © P. Pollmeier/HSBI
Fahnen der HSBI
Zur International Week begrüßte die HSBI rund 90 Lehrende und Forschende aus aller Welt in Bielefeld. © P. Pollmeier/HSBI
Woerter auf Whiteboard
Lesen beginnt mit der Fähigkeit, Laute zu erkennen und Buchstaben richtig zuzuordnen – ein zentrales Thema der Vorlesungen von Holger Juul. © P. Pollmeier/HSBU
Gruppenbild links Nadine Madeira Firmino mitte Holger Juul und rechts Lisa Schroeder
Prof. Dr. Nadine Madeira Firmino (l.), Dr. Holger Juul und Prof. Dr. Lisa Schröder in der Bildungswerkstatt des Fachbereichs Sozialwesen. © P. Pollmeier/HSBI
Holger Juul vor der Sparrenburg
Ein Besuch auf der Sparrenburg ist für internationale Bielefeld-Gäste ein Muss, so auch für Dr. Holger Juul. © P. Pollmeier/HSBI
Jedes Jahr lädt die HSBI Lehrende und Forschende aus der ganzen Welt zu ihrer „International Week“ nach Bielefeld ein. Einer der 90 Gäste, die dieses Jahr an der Hochschule Bielefeld die Lehre bereicherten, war der Linguist Dr. Holger Juul von der Universität Kopenhagen. Juul forscht zum Thema Lese-Rechtschreib-Störung und hat für ganz Dänemark auf diesem Gebiet Standards gesetzt. Das war interessant für über 50 Studierende der Kindheitspädagogik an der HSBI – und es dürfte spannend sein für Lehrer und Eltern, deren Kinder sich schwertun mit dem Lesen und Schreiben. Und denen man nicht gleich den Stempel „Legasthenie“ aufdrücken sollte, darin waren sich der Experte aus Dänemark und die Professorinnen, die seine Vorlesung in ihre Lehrveranstaltungen integriert haben, einig.

Bielefeld (hsbi). „Alle anderen Kinder machen Fortschritte, nur diese drei machen so gut wie keine im Vergleich zu den übrigen. Es ist nicht angenehm, zu dieser Gruppe zu gehören, das können Sie sich vorstellen, und deswegen finde ich, es ist eine gute Idee, möglichst früh zu erkennen, dass es hier eventuell ein Problem gibt, und sich zu überlegen, ob und wie man helfen kann!“ Das Schaubild an der Wand zeigte zwar lediglich etwa dreißig Punkte in einem Schema mit X- und Y-Achse, von denen drei etwas weiter weg waren von der Masse, aber mit diesem Statement hatte Dr. Holger Juul die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer:innen sofort gewonnen. Juul ist Linguist und Leiter des Zentrums für Leseforschung an der Universität Kopenhagen. Im Rahmen der International Week hielt er an der Hochschule Bielefeld (HSBI) vor Studierenden der Kindheitspädagogik zwei Gastvorlesungen zum Thema Lese-Rechtschreib-Störung auf Englisch. International wird das Phänomen Dyslexia genannt, in Dänemark spricht man von „Ordblindhed“ (wörtlich übersetzt: Wortblindheit) und in Deutschland wird nach wie vor im allgemeinen Sprachgebrauch die veraltete und von Fachleuten nicht mehr verwendete Bezeichnung „Legasthenie“ benutzt.

Tests sind nicht immer eindeutig, können aber Indizien liefern für eine Lese-Rechtschreib-Störung

Schaubild an einem Whiteboard
Der Gastdozent forderte die HSBI-Studierenden auf, Tests stets kritisch zu hinterfragen.

Um effiziente Unterstützungsmethoden entwickeln zu können, ist es zunächst einmal wichtig, die Grundlagen des Lesens und Schreibens zu verstehen. „Es beginnt mit der korrekten Identifizierung von gehörten Lauten“, berichtet Holger Juul. Vokale sind mit den Ohren oft leichter zu erkennen als Konsonanten, zeigen Tests von dänischen Kindern im Kindergartenalter. Wenn ein Kind hier Schwierigkeiten hat, kann das eventuell schon auf eine spätere Lese-Rechtschreib-Störung hindeuten. „Muss es aber nicht“, unterstreicht Juul. Auch Tests, die feststellen, in welcher Geschwindigkeit eine Person einfache Zahlen oder Symbole aufzählen kann, können ein Indiz sein – mit der Betonung auf „können“. „Mein Vater zum Beispiel, den alle immer zurecht für sprachlich sehr gewandt hielten, war bei diesem Test, den ich spaßeshalber mal mit ihm an Weihnachten gemacht habe, deutlich unterdurchschnittlich“, erzählt Juul.

Sobald die Kinder in die Schule kommen, beginnen sie zunächst mit der Identifizierung von Buchstaben und deren „Rückdekodierung“ in Laute. Das Lesen startet mit Worten, die aus einer oder wenigen Silben bestehen. Doch manche Kinder bleiben zurück und haben auch am Ende der zweiten Klasse noch große Schwierigkeiten, Worte zu erkennen, geschweige denn korrekt zu schreiben. „Das heißt in der Regel nicht, dass sie sich nicht verbessert haben und überhaupt nicht lesen können. Aber der Anteil der einfachen Wörter, die sie erkennen, liegt in unseren Tests bei weniger als 70 Prozent und ihre Lesegeschwindigkeit ist deutlich unter dem Durchschnitt“, erläutert Juul und wiederholt, dass es nicht angenehm sei, zu dieser Gruppe zu gehören.

Landesweit einheitliches Testverfahren mit Gültigkeit für alle Menschen in Dänemark

Gemeinsam mit einer Gruppe von Kolleg:innen hat er deswegen 2015 im Auftrag des Dänischen Bildungsministeriums ein Testverfahren entwickelt, das landesweit eingeführt wurde, um möglichst frühzeitig Kinder zu identifizieren, die womöglich Unterstützung gebrauchen können zur Abmilderung ihrer Lese-Rechtschreib-Störung. Der Test umfasst zwei verschiedene Aufgabentypen. Im ersten Teil wird mit sogenannten Pseudohomophonen gearbeitet. Das sind falsch geschriebene Varianten echter Wörter, die jedoch lautlich identisch klingen. Deutsche Beispiele wären „freulain“ für Fräulein oder „ruhfn“ für rufen. Wer erkennt, dass „freulain“ genauso klingt wie das echte Wort, und wem dies bei verschiedenen anderen Pseudohomophonen ebenfalls gelingt, hat vermutlich eher keine Lese-Rechtschreib-Störung. In einem zweiten Teil des Tests werden klassische Nicht-Wörter – also aussprechbare Kunstwörter ohne Ähnlichkeit zu echten Wörtern – lautlich eingespielt und ihre passende Schreibweise soll identifiziert werden. „Es ist wichtig, dass wir mit Nicht-Wörtern arbeiten, weil der Test nur dann funktioniert, wenn die Testpersonen die Wörter im Vorweg nicht kennen. Man kann ein bekanntes Wort ja zum Beispiel auch allein durch seine Gestalt erkennen“, so Juul.

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Personen, deren Testresultate am unteren Ende der Skala liegen, wird in Dänemark, wenn weitere Faktoren in dieselbe Richtung weisen, eine Lese-Rechtschreib-Störung attestiert. Er oder sie kann dann Anspruch auf Unterstützung geltend machen. Technisch gesehen, betrifft das in Dänemark die Gruppe der acht Prozent, die im Vergleich zu ihrer Altersgruppe am schwächsten abschneiden. „Es ist nicht ohne Ironie, dass mit dem Test zwar ein einheitliches Verfahren zur Diagnose einer Lese-Rechtschreib-Störung eingeführt wurde und nicht mehr jede Kommune mit dem Thema umgehen konnte, wie sie wollte. Aber an den zur Verfügung gestellten Unterstützungsangeboten hat sich insgesamt wenig geändert“, kommentiert Juul. „Das achte Perzentil ist eine willkürlich gesetzte Marke, die mit den bereitgestellten finanziellen Mitteln korrespondiert, nicht notwendigerweise mit dem Bedarf. Denn jemand, der etwas besser als die acht Prozent abschneidet, könnte natürlich durchaus auch davon profitieren, unterstützt zu werden.“

Was kann man tun? Logopädische Ansätze, digitale Unterstützung, denn: Jeder kann lernen!

Ipad mit Notizen
Wertvoll für Studierende der Kindheitspädagogik: internationale Perspektive und der Input aus einem anderen Bildungssystem.

Die Studierenden wollten nach alledem natürlich wissen, was man überhaupt tun kann, um zu helfen. Juul berichtete von Nachteilsausgleichen (mehr Zeit für Prüfungen), digitalen Unterstützungsangeboten und von effizienten Schulungen. In denen vermitteln Logopäden zum Beispiel, dass bestimmte Lippenbewegungen bestimmte Laute hervorbringen, die wiederum mit bestimmten Buchstaben oder Buchstabenkombinationen in Verbindung stehen.

Oder es werden Allegorien gebildet: Ein „V“ beispielsweise wird zwar meist wie ein „W“ ausgesprochen, hat aber eine ähnliche Form wie eine Vase, die ja bekanntlich – man sagt es so leichthin – mit V geschrieben wird. Versierte Logopäden, die Juul und seine Kolleg:innen weiterbilden, machen sich solche „Tricks“ zunutze, um die durchaus vorhandene Lernfähigkeit ihrer Klient:innen gegen die Lese-Rechtschreib-Störung ins Feld zu führen.

Die Studierenden interessierten sich in der anschließenden Fragerunde u.a. dafür, wie mit Mehrsprachigkeit umzugehen sei, ob mangelnde Intelligenz und Lese-Rechtschreib-Störung miteinander korrespondieren würden und welche Unterschiede es zwischen den Sprachen gibt. Der Gastdozent wies darauf hin, dass Probleme mit dem Lesen auch noch ganz andere Ursachen haben kann als Dyslexie – zum Beispiel ein eingeschränkter Wortschatz aufgrund sozialer oder kultureller Rahmenbedingungen. „Hier sind gezielte Programme nötig, für die es Spezialisten gibt.“

Warum Kinder in Deutschland deutlich früher Lesen lernen als in Dänemark und England

Was die Frage nach der Intelligenz betrifft, so gebe es nur eine schwache Verbindung zwischen niedrigem IQ und Lese-Rechtschreib-Störung, berichtete Juul. Auch andere Risikofaktoren wie eine genetische Disposition sollten nicht einbezogen werden bei der Diagnose. Interessant sei die Beobachtung, dass Kinder in Deutschland im Schnitt deutlich früher korrekt Lesen lernen, als in Dänemark und beispielsweise England. „Das hat seine Ursache darin, dass die deutsche Schriftsprache deutlich näher an der gesprochenen Sprache ist, als in anderen Ländern – deutsche Dänemarkurlauber können davon ein Lied singen!“

Auch wenn er selbst vor allem auf der Grundlage von Tests forscht, ermunterte Juul die Studierenden, Tests immer kritisch zu betrachten. Stets gelte es, Zweck, Zuverlässigkeit, Gültigkeit und Interpretationsmöglichkeiten eines jeden Testverfahrens abzuklopfen. „Außerdem sollte man keine vorschnellen Schlüsse aus Ergebnissen ziehen, die das Individuum und seine oft auch situationsbedingten Voraussetzungen während des Tests unberücksichtigt lassen“, so der Gastdozent aus der dänischen Hauptstadt. Prof. Dr. Lisa Schröder, in deren Modul „Einführung in die Entwicklungspsychologie“ Holger Juul vor mehr als zwei Dutzend Erstsemesterstudierenden sprach, fand besonders diese Frage interessant: „Testsituationen werden fast immer durch Erwartungen und Verunsicherungen beeinflusst, insbesondere im hierarchischen Gefälle zwischen Erwachsenen und Kindern. Das hat Holger Juul wunderbar anschaulich gemacht. Ich halte es für besonders wichtig, dass Pädagog:innen die Verbindung zwischen diagnostischer Praxis und möglichen Auswirkungen auf das Selbstkonzept von Kindern und Jugendlichen immer im Auge haben.“

Wertvoller Input von außen zu bildungspolitischen Vorgaben und „Begrifflichkeiten“

Holger Juul im Gespaech mit Professor Doktor Nadine Madeira Firmino
Seine zweite Gastvorlesung hielt der Gastdozent im Seminar „Handlungsfelder der Kindheitspädagogik“ von Prof. Dr. Nadine Madeira Firmino.

Prof. Dr. Nadine Madeira Firmino, in deren Viertsemesterseminar „Handlungsfelder der Kindheitspädagogik“ der Dozent aus Dänemark seine zweite Gastvorlesung hielt, war besonders gespannt auf die vergleichende Perspektive zwischen den beiden Sprachen Dänisch und Deutsch in Bezug auf die Leseentwicklung von Kindern im Vorschulalter. „Außerdem fand ich wichtig, dass wir Einblicke in die flächendeckende Diagnostik von Dyslexie in Dänemark erhalten haben, einschließlich der bildungspolitischen Vorgaben rund um den Acht-Prozent-Cut-off.“ Auch die Diskussion um die unterschiedlichen Begrifflichkeiten von Dyslexie und Legasthenie versus Lese-Rechtschreib-Störung oder -Schwäche sei wichtig gewesen für ihre Studierenden. „Sie haben Holger Juuls offene Art und seine anschauliche und praxisnahe Präsentationsweise sehr genossen und konnten ihm – trotz Englisch – gut folgen. Inhaltlich passte der Vortrag hervorragend zu den aktuellen Seminarinhalten, da wir uns derzeit intensiv mit unterschiedlichen Beobachtungs- und Testverfahren im Elementar- und Primarbereich beschäftigen. Besonders bereichernd fanden die Studierenden dabei auch die internationale Perspektive und den Input aus einem anderen Bildungssystem.“  

Holger Juul wiederum zeigte sich beeindruckt von der durchgehend praxisnahen Lehre an der HSBI, wie sie zum Beispiel in der Ausstattung der Bildungswerkstatt am Fachbereich Sozialwesen ihren Ausdruck findet. Und er freute sich auch noch Zeit zu finden, neue Kontakte zu Forschenden zu knüpfen und ein bisschen etwas von Bielefeld zu sehen. (lk)

Definition Lese-Rechtschreib-Störung (Dyslexie)

“Dyslexia is a specific learning disability characterized by difficulties in word reading and/or spelling that involve accuracy, speed, or both and vary depending on the orthography. These difficulties occur along a continuum of severity and persist even with instruction that is effective for the individual’s peers.”

(International Dyslexia Association, 2025)

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