Ob Sneaker von Nike oder Mixer von Philips – damit die Nachfrage am Point of Sale befriedigt werden kann, müssen robuste Lieferketten von Asien nach Europa clever gemanagt werden. Eine der wichtigsten Drehscheiben dafür ist Antwerpen. Studierende des Campus Gütersloh der Hochschule Bielefeld unternahmen jetzt eine Exkursion zum zweitgrößten Seehafen Europas.Logistik- und Wirtschaftsingenieurstudierende waren für eine zweitägige Exkursion in Antwerpen.
Gütersloh (hsbi). Die „Wirtschaftswoche“ hat Ende der 1990er-Jahre mit dem Slogan geworben „Nichts ist spannender als Wirtschaft“. Prof. Dr. Jörg Nottmeyer würde den Spruch vermutlich abwandeln in ,Nichts ist spannender als Logistik‘. Denn: „In logistischen Abläufen spiegelt sich die ganze Komplexität moderner Ökonomien wider“, so der Professor für das Lehrgebiet Produktionslogistik am Campus Gütersloh der Hochschule Bielefeld (HSBI). „Mir ist es ein Anliegen, unseren Studierenden das ganz plastisch nahezubringen. Deswegen biete ich immer wieder Exkursionen zu Unternehmen und wichtigen Logistikstandorten an.“
Bustour statt Hafenrundfahrt: Besichtigung von „ship and shore“
Antwerpen hat mit einem jährlichen Containerumschlag von 13,48 Millionen TEU den zweitgrößten Hafen Europas.
Zuletzt nahm Nottmeyer 14 Logistik- und Wirtschaftsingenieurstudierende mit auf eine zweitägige Rundtour in eines der lebendigsten Zentren der europäischen Wirtschaft, nach Antwerpen. Der mit einem jährlichen Containerumschlag von 13,48 Millionen TEU zweitgrößte Hafen Europas bot vielfältige Möglichkeiten, die Abläufe in der Logistik zu erkunden und innovative Unternehmen kennenzulernen. Die Studierenden begannen ihre Erkundung jedoch nicht mit einer – naheliegenden – Hafenrundfahrt, sondern per Bus. „Unter der Leitung eines erfahrenen Hafenführers erhielten die Studierenden spannende Informationen über die Geschichte und Entwicklung des Hafens“, berichtet Nottmeyer. „Die Perspektive vom Bus aus ermöglichte einen umfassenden Überblick über die unterschiedlichen Betriebseinheiten und Schifffahrtsrouten.“
Anschließend stand der Besuch des Antwerpener Lagerhauses der Spedition Vollers auf dem Programm. Das Bremer Unternehmen hat sich auf die Lagerung und den Umschlag von Kakao und Kaffee spezialisiert. „Der Betriebsleiter erläuterte die komplexen Abläufe in der Versorgungskette und die Bedeutung von Qualitätskontrolle in der Lagerung dieser Rohstoffe“, berichtet Nottmeyer. „Kaffee ist ein hochwertiger Rohstoff, der sensibel behandelt werden muss.“
Nike-Logistikmitarbeitende werden „Athleten“ genannt
Die Studierenden haben einen Einblick beim amerikanischen Sportartikelhersteller Nike bekommen.
Am Nachmittag erhielten die Studierenden dann beim amerikanischen Sportartikelhersteller Nike einen Einblick in eine vollkommen andere Branche mit ganz anderen logistischen Herausforderungen. „Die logistischen Prozesse reichen von der Produktion in Asien, über den Transport nach Antwerpen, die dortige Lagerung und schließlich bis hin zur Distribution der Sportartikel in der ganzen Region EMEA“, erzählt Nottmeyer. EMEA steht für „Europe, Middle East, Africa“, und dass die Prozesse komplex sind, liegt auf der Hand angesichts der Vielfalt des Nike-Angebots, bei dem noch dazu jedes Produkt in zahlreichen Größen in den Geschäften verfügbar sein muss. „Eine ebenso komplexe wie leistungsfähige IT, die Produktion, Transport, Lagerung und Verkauf verknüpft, ist hier einer der wichtigsten Schlüssel zum Markterfolg“, so Nottmeyer.
Und gut geschulte Mitarbeiter! Am Logistik Campus in Laakdal, 50 Kilometer südöstlich von Antwerpen, sind ca. 8000 Mitarbeiter im System 24/7 beschäftigt, um den Markterfolg von Nike sicherzustellen. „Es wird außer an Heiligabend und Neujahr rund um die Uhr gearbeitet“, erzählt Renee Brucker, Studierende des 4. Semesters und Teilnehmerin der Exkursion. „Insbesondere der Black Friday ist eine besondere Herausforderung. Die Mitarbeiter werden Athleten genannt, um ihre große Bedeutung für das Unternehmen zum Ausdruck zu bringen und Wertschätzung zu vermitteln“, so Brucker.
Bei der Exkursion konnten Studierende Abläufe in der Logistik und innovative Unternehmen kennenlernen.
Ein besonderes Augenmerk beim Besuch in Laakdal lag auf der nachhaltigen Logistikstrategie von Nike. So werden alle retournierten Produkte wieder aufgearbeitet und in eigenen Outlets verkauft. Ziel lautet, dass bei Nike nichts weggeworfen werden soll. Überdies findet die Hinwendung des Unternehmens zur Nachhaltigkeit in der Architektur des Distribution Center seinen Ausdruck, denn die Fassade des Lagerhauses ist begrünt.
Der zweite Tag begann mit dem Besuch des Hafenterminalbetreibers PSA Logistics. Die Studierenden konnten über eine Rampe die unterschiedlichen Abläufe im Terminal sehen – von der Ankunft der Containerschiffe über den Umschlag der Container bis hin zur Verladung auf die unterschiedlichen Transportmittel Bahn, Lkw und Binnenschiff. „Der Terminalmanager erklärte die Bedeutung effizienter Prozesse und moderner Technologien, aber auch die Flexibilität durch viele kompetente Fachkräfte, die die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts sichern. Das war megabeeindruckend“, erinnert sich der Studierende Jannis Passenheim.
Philips-Haushaltsgeräte mit Ceva Logistics von Venray nach ganz Westeuropa
Die Studierenden haben Einblicke in alle wichtigen Bereiche von Logistik bekommen.
Auf dem Rückweg nach Gütersloh legten die Exkursionsteilnehmer:innen noch einen Zwischenstopp beim Kontraktlogistiker Ceva Logistics in Venray, Niederlande, ein. Ceva ist eine Tochter der französischen Großreederei CGM CMA. In Venray wickelt das Unternehmen die Lagerung und Distribution von Philips-Haushaltsgeräten in Westeuropa ab. Alle Artikel werden aus Asien per Containerschiff nach Europa transportiert, bei Ceva zwischengelagert und entsprechend der Vertriebskanäle von Philips kommissioniert und verschickt. „Es ist eine besondere Herausforderung diese Logistik aufzubauen“, so Nottmeyer. „Studierende können anhand dieser Abwicklung lernen, wie Technik und manuelle Tätigkeiten im Lager nach wie vor wichtig sind.“ Auf Holländisch heißt es: „logistiek is leuk“ – zu Deutsch: Logistik macht Spaß. Das gilt vielleicht nicht für jede Tätigkeit in der Lieferkette, aber „spannend“ ist das Zusammenspiel der Kräfte allemal – wie einst schon die Wirtschaftswoche wusste. (jn)