Ältere Menschen stehen bei modernen Videospielen in der Regel vor erheblichen Hürden. Oft wissen sie nicht einmal, wie ein Gamingcontroller zu bedienen ist, geschweige denn, nach welchen Regeln solche Spiele funktionieren und wie man Aufgaben löst. Dabei macht Videospielen Spaß und kann motorische und kognitive Fähigkeiten fördern. Im Rahmen des Wahlfaches „Computer Games“ von Alexander Jaksties und Prof. Dr.-Ing. Kerstin Müller haben zwei Studierende des Masterstudiengangs Informatik am Campus Minden der Hochschule Bielefeld mit „MaFa – Magier der Farben“ nun ein Videospiel entwickelt, das unerfahrene Gamer problemlos selbstständig spielen können. Auf der Konferenz „Mensch und Computer 2026“ in Duisburg erzielte das Spiel im Wettbewerb unlängst den zweiten Platz unter 30 Einreichungen.Die Informatik-Studentinnen Chantal Faustmann (l.) und Marlena Henn entwickelten mit „MaFa – Magier der Farben“ ein Computerspiel speziell für ältere Menschen ohne Gaming-Erfahrung. Chantal Faustmanns Großmutter Monika war dabei eine der wichtigsten Testspielerinnen.
Minden (hsbi.) Chantal Faustmann ist Gamerin. Ihr Lieblingsspiel zurzeit ist Stardew Valley, aber auch andere Spiele wie beispielsweise Factorio und Subnautica „zockt“ sie mit Begeisterung. Von der Leidenschaft ihrer Enkelin fürs Gaming hatte ihre Großmutter Monika Faustmann immer mal wieder etwas mitbekommen. „Aber das waren für mich alles Böhmische Dörfer“, sagt die 79-Jährige. Mittlerweile sieht das etwas anders aus. Denn: Im Masterstudium Informatik, das Chantal Faustmann am Campus Minden der Hochschule Bielefeld (HSBI) studiert, stand das Modul „Computer Games“ auf dem Lehrplan: Studierende entwickeln hier selbst ein Computerspiel. „Wir wollten gern eine besondere Zielgruppe adressieren, und da Chantal das Thema Gaming gerne ihrer Oma näherbringen wollte, haben wir uns für die Zielgruppe ,Ältere gaming-unerfahrene Spieler:innen‘ entschieden“, erzählt Marlena Henn, Kommilitonin von Chantal Faustmann. So begann das Projekt „MaFa“, was abgekürzt für „Magier der Farben“ steht, den Namen des Spiels.
Mit ihrer Arbeit wollte das Duo herausfinden, was nötig ist, damit Senior:innen mit einem Videospiel klarkommen und womöglich ebenfalls fürs Gaming begeistert werden. Faustmanns Großmutter und 14 weitere Gaming-Neulinge sowie sechs Personen außerhalb der Zielgruppe waren die wichtigsten Testpersonen für das Vorhaben. Sie gaben wertvolle Rückmeldungen, sodass MaFa im Prozess laufend optimiert werden konnte.
Ästhetisch ist „MaFa – Magier der Farben“ irgendwo zwischen Super Mario und Kleinem Hobbit angesiedelt, mit jede Menge Fantasyfiguren.
Eine Menge Grundwissen wird gefordert, Ältere sind oft „abgekoppelt“
„MaFa“ setzt auf eine intuitive Steuerung und ein ausführliches Tutorial, das ältere Menschen Schritt für Schritt an das Spielen heranführt. Zugleich lässt das Spiel Raum für eigenständiges Erkunden.
Eine aktuelle Statistik zeigt, dass lediglich 18 Prozent der Gamer in Deutschland 60 Jahre oder älter sind. Dabei wird nicht danach unterschieden, ob beispielsweise regelmäßig komplexe PC- oder Konsolenspiele oder lediglich gelegentlich einfache Puzzle- oder Kartenspiele auf dem Smartphone gespielt werden. Zwar ist das Durchschnittsalter der Gamer hierzulande mittlerweile auf über 39 Jahre angestiegen, aber die meisten älteren Menschen sind trotzdem bereits bei herkömmlichen Spielen abgekoppelt. „Videospiele setzen in der Regel eine Menge Grundwissen voraus“, stellt Chantal Faustmann fest. „Ältere Leute wissen aber oft nicht einmal, wie ein Gamepad genutzt wird, was eine ,Quest‘ ist, oder wie ein nicht-spielbarer Charakter, englisch NPC abgekürzt, angesprochen wird. Die Hürden für spielunerfahrene Menschen sind also ziemlich hoch, das implizite Wissen um komplexe Spielmechaniken und etablierte Konventionen fehlt meist komplett.“
„MaFa – Magier der Farben“ will damit Schluss machen: „Es ist ein einfaches storybasiertes 2D-Spiel für die Zielgruppe der unerfahrenen Spieler ab 50“, sagt Marlena Henn. „Beim Design haben wir auf reduzierte Komplexität gesetzt, eine intuitive Spielführung und entschleunigte Aktionsmechaniken. Die Spieler:innen sollen ihre Aufgaben ohne jeglichen Zeitdruck erledigen können.“
Veröffentlichung in der Digitalen Bibliothek der Gesellschaft für Informatik e.V. und Platz 2 beim Wettbewerb
Es wird gefärbt und gesammelt. Das von den HSBI-Studentinnen entwickelte Computerspiel setzt auf eine intuitive Steuerung und eine reduzierte Komplexität, um älteren Menschen den Einstieg ins Gaming zu erleichtern.
Über Konzeption und Programmierung hinaus veröffentlichten Henn und Faustmann zusammen mit Alexander Jaksties ein wissenschaftliches Papier, das von der Digitalen Bibliothek der Gesellschaft für Informatik e.V. angenommen wurde und das Projekt umfassend erklärt: „Der zugrundeliegende Game Loop des Spiels besteht aus der räumlichen Erkundung der Spielwelt, der Interaktion mit nicht-spielbaren Figuren sowie dem Einfärben von Objekten mithilfe eines Farbzauberstabs. Das Einfärben dient dabei als zentrale Spielmechanik, die zur Lösung von Aufgaben eingesetzt wird und gleichzeitig den Fortschritt der Spielenden abbildet“, heißt es in der Veröffentlichung auf der Plattform der Fachgesellschaft.
Damit nicht genug: Unterstützt vom Gleichstellungsbüro der HSBI präsentierten die beiden Studierenden ihren Prototyp auf der Konferenz „Mensch und Computer 2026“, die vom 30. August bis 2. September in Duisburg stattfand. Dort errangen sie unter 30 Einreichungen zusammen mit einem weiteren Team den zweiten Platz. Ein Erfolg, der laut Prof. Dr.-Ing. Kerstin Müller, am Campus Minden für das Lehrgebiet Computergrafik und Mathematik zuständig, „nicht hoch genug einzuschätzen ist und das große Talent von Chantal Faustmann und Marlena Henn zeigt“.
Prof. Dr.-Ing. Kerstin Müller vom Campus Minden begleitet das Gaming-Projekt. Sie ist dort für das Lehrgebiet Computergrafik und Mathematik zuständig und ist beeindruckt vom Ergebnis, das ihre Studentinnen abgeliefert haben, obwohl sie vorher noch nie ein Spiel programmiert hatten.
Gleichgewicht zwischen eigenständigem Erkunden und Hilfen bei der Navigation angestrebt
Entstanden ist das interaktive Computerspiel „MaFa“ im Rahmen eines Studierendenprojekts im Masterstudiengang Informatik am Campus Minden.
Erstellt wurde „MaFa – Magier der Farben“ mit der Unity Engine, einer weltweit führenden, plattformübergreifenden Entwicklungsumgebung zur Erstellung von 2D- und 3D-Games. Weil die Zielgruppe jedoch mehr oder weniger bei Null anfängt, beginnt MaFa erst einmal mit einem umfangreichen Tutorial, das alle Steuerungen und Handlungsmöglichkeiten detailliert und in einfacher Sprache erklärt. Generell war den beiden Entwicklerinnen wichtig, den Spieler:innen eigenständiges Erkunden zu ermöglichen und sie gleichzeitig immer wieder bei der Navigation zu unterstützen. „Wir haben ein Gleichgewicht angestrebt zwischen Autonomie und einem geführten Spielverlauf“, so Chantal Faustmann.
Nach Abschluss ihres Studiums planen die beiden Spieledesignerinnen den Einstieg in die Industrie.
„Da wir selbst regelmäßig mit Computern und Videospielen zu tun haben, war es gar nicht so einfach, sich in die Rolle einer Person zu versetzen, die das nie macht“, sagt Marlena Henn. „Nach den ersten Testversuchen mit Chantals Oma und weiteren Rentner:innen aus dem privaten Umfeld haben wir noch sehr viele Dinge verändert, die uns vorher nicht bewusst waren. Diese Veränderung der Sichtweise ist aber gleichzeitig auch das Spannendste am ganzen Projekt gewesen. Es war einfach sehr befriedigend zu sehen, dass am Ende tatsächlich ältere unerfahrene Personen unser Spiel ohne Hilfe spielen konnten.“
Kommerzielle Verwertung und Einsatz in der Demenzprävention als gedankliche Perspektive
Neben einer möglichen kommerziellen Nutzung sehen die Studentinnen auch Potenzial für den Einsatz speziell entwickelter Videospiele in der Altenpflege und möglicherweise in der Demenzprävention.
Ob und wie es weitergeht mit MaFa, ist noch offen. Die beiden Studierenden laden interessierte Kommiliton:innen jedenfalls ein, das Thema mit weiterer Forschung fortzuführen. Anlaufstelle dafür ist das Lab für Computergrafik und Theoretische Informatik (CGTI Lab) am Campus Minden mit Birgit Christina George und Prof. Dr.-Ing. Kerstin Müller an der Spitze. Perspektiven sind durchaus vorhanden. Einerseits in Richtung Kommerzialisierung: „Ältere gaming-unerfahrene Menschen könnten ein lohnendes Marktsegment sein“, vermutet Marlena Henn. „Senioren:innen verfügen ja häufig über mehr frei verfügbare Zeit und ein höheres angesammeltes Vermögen im Vergleich zu Jugendlichen und jüngeren Erwachsenen. Vielleicht liegt in dieser bislang wenig erschlossenen Zielgruppe noch erhebliches Marktpotenzial.“ Andererseits könnten entsprechende Videospiele auch in der Altenpflege und vielleicht sogar in der Demenzprävention eingesetzt werden: „Videospiele fördern mentale Fitness und mit hoher Wahrscheinlichkeit beugen sie gewissen kognitiven Abbauprozessen vor. Womöglich wirken sie sogar Vereinsamungstendenzen entgegen, wenn man beim Spielen mit anderen Gamern interagiert. Manche Studien deuten jedenfalls in diese Richtung“, so Chantal Faustmann.
Der Prototyp des Computerspiels wurde auf der Konferenz „Mensch und Computer 2026“ prämiert.
Für beide Studentinnen ist die Masterarbeit der nächste und letzte Schritt ihres Studiums. Sie planen, danach in die Industrie zu gehen, um im IT-Bereich oder einem ähnlich technische Berufsfeld zu arbeiten. Chantal Faustmann hält sich gedanklich allerdings durchaus eine Hintertür offen und könnte sich auch vorstellen, im Bereich Spieleentwicklung zu promovieren und in der Forschung zu arbeiten, falls sich ein passendes Projekt findet. Das würde auch ihre Oma Monika Faustmann gut finden: „Vielleicht mausere ich mich doch noch zu einem echten Profi, wenn man mich weiter als Testperson einsetzt!“ (lk)