11.08.2026

Studierende der HSBI und ihrer belgischen Partnerhochschule entwickeln nachhaltige Lösungen für Flüchtlingslager Kakuma in Kenia – Crowd-Funding noch offen

Foto: Studierende sitzen zusammen im Hintergrund werden Infos zu den beiden Hochschulen auf einem Bildschirm gezeigt
Durch das Format „Collaborative Online International Learning“ arbeiten belgische und Bielefelder Studierende online an Projekten zusammen, zu denen auch kurze Zusammentreffen vor Ort gehören. © K.Schradi/HSBI
Foto: Die Lehrenden der Lehr-Kooperation stehen um einen Tisch
v.l.n.r.: Prof. Dr. Mariam Dopslaf (HSBI), Dr. Maria Kobert (HSBI), Prof. Dr. Marc-Oliver Schierenberg (HSBI), Prof. Dr. Frank Joosten (PXL), Evelien Verdonck (PXL). © K.Schradi/HSBI
Foto: Treppenhaus in der PXL
Seit 2013 pflegt die HSBI eine Hochschulpartnerschaft mit der PXL im limburgischen Hasselt. © K.Schradi/HSBI
Foto: Porträt Mariam Dopslaf
Prof. Dr. Mariam Dopslaf, Professorin für Technisches Dienstleistungsmanagement und Beauftragte für Internationales am Fachbereich Ingenieurwissenschaften und Mathematik. © P. Pollmeier/HSBI
Sauberes Wasser, Zugang zu Energie, Gesundheit oder Bildung: Die Herausforderungen in einem Flüchtlingscamp sind groß und vielfältig. Studierende der Hochschule Bielefeld (HSBI) und der belgischen Hochschule PXL haben in einer gemeinsamen Lehrveranstaltung nachhaltige und umsetzbare Lösungsvorschläge entwickelt für die wichtigsten Herausforderungen in einem der größten Flüchtlingslager auf dem afrikanischen Kontinent: Kakuma, im Norden Kenias. Input kam dabei aus erster Hand: Mit dem HSBI-Studierenden Aleer Nyang Jacob vermittelte ein ehemaliger Bewohner Eindrücke vom Leben im Camp. Und mit dem Output wären beispielsweise 300.000 Menschen mit sauberem Wasser versorgt – fehlt nur noch das Crowd-Funding zur Finanzierung.

Bielefeld (hsbi). Insgesamt 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals – SDGs) haben die Vereinten Nationen (UN) ausgerufen – von der Beendigung von Armut und Hunger über hochwertige Bildung für alle, sauberes Wasser und Sanitäreinrichtungen bis hin zu nachhaltiger Energie und Klimaschutzmaßnahmen. Sie gelten für alle Staaten. Auch für Flüchtlingslager? „Gerade hier kann man mit nachhaltigen Ideen viel erreichen“, ist Prof. Dr. Mariam Dopslaf überzeugt. Und ihre Studierenden haben mit ihren Projekten gezeigt, wie das gelingen könnte.

 „Sustainable Minds“ – „Nachhaltiges Denken“ ist Titel und Thema von Mariam Dopslafs Lehrveranstaltung am Campus Gütersloh der Hochschule Bielefeld (HSBI). Die Professorin für Technisches Dienstleistungsmanagement und Beauftragte für Internationales am Fachbereich Ingenieurwissenschaften und Mathematik hat die Veranstaltung im Sommersemester bereits zum zweiten Mal zusammen mit ihrem Kollegen Frank Joosten von der PXL University of Applied Sciences and Arts in Belgien angeboten. Möglich macht die grenzüberschreitende Zusammenarbeit das Format des Collaborative Online International Learning, kurz COIL: „Das virtuelle Lehrkonzept erlaubt Studierenden von Hochschulen aus mindestens zwei verschiedenen Ländern, online an gemeinsamen Projekten in internationalen Teams zu arbeiten“, erklärt Dopslaf. Bei Samuel Beza kommt das Konzept gut an: „Die Zusammenarbeit ist eine neue Dimension in meinen internationalen Erfahrungen“, sagt der HSBI-Student, der für den englischsprachigen Bachelorstudiengang Industrial Engineering aus Kanada nach Gütersloh gekommen ist. „Das hilft mir, meine Kommunikationsfähigkeiten weiterzuentwickeln und unterschiedliche Ansätze zur Problemlösung kennenzulernen. Und ich kann herausfinden, wie wichtig das Thema Nachhaltigkeit in anderen Ländern ist.“

Ressourcenmanagement im Flüchtlingslager im Blick

Foto: Mehrere Studierende sitzen für eine Aufgabe zusammen um einen Tisch
In internationalen Teams arbeiten die Studierenden gemeinsam an Projekten.

Um die Nachhaltigkeitsziele der UN nicht allein theoretisch zu vermitteln, haben die beiden Lehrenden Dopslaf und Joosten nach einem konkreten Anwendungsfall gesucht und ihn mit dem Flüchtlingslager Kakuma im Norden Kenias gefunden: Über 300.000 Geflüchtete leben dort, viele von ihnen schon seit Jahren oder gar Jahrzehnten. „Unsere Partnerhochschule PXL hatte bereits Kontakte ins Camp und wusste um die realen Herausforderungen dort. Warum nicht die Studierenden Lösungsvorschläge entwickeln lassen?“, beschreibt Mariam Dopslaf die Idee. Der Anwendungsbezug ist für die Studierenden ein echter Pluspunkt. „Wir können ausprobieren, wie sich Nachhaltigkeit in realen Systemen umsetzen lässt“, sagt Samuel Beza. Den 26-Jährigen interessiert besonders das Ressourcenmanagement, dabei hat er auch die finanziellen Ressourcen im Blick: „Lösungen sollten nicht nur ökologisch nachhaltig sein, sondern auch wirtschaftlich tragfähig.“

Statt virtuell startete die Projektarbeit ganz analog mit einem Kick-off-Event im März an der PXL in Belgien. „Ein persönliches Treffen stärkt das Team-Building“, sagt Mariam Dopslaf. „Es erleichtert die spätere Zusammenarbeit.“ Schnell hatten sich die internationalen Teams gefunden und waren bereit für den inhaltlichen Input. Den gab es auch aus erster Hand: Mit Aleer Nyang Jacob war in der HSBI-Reisegruppe auch ein ehemaliger Bewohner Kakumas dabei – er ist zugleich ein Beispiel dafür, was nachhaltige Entwicklung bewirken kann: Als Kind ist der Südsudanese vor dem Bürgerkrieg im eigenen Land geflohen und im Flüchtlingslager aufgewachsen. „In Kakuma bekam ich die Möglichkeit, die Schule zu besuchen“, erzählt Jacob. Er nutzte sie, schaffte es an die Uni in Nairobi und nach seinem Bachelorabschluss mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) zum Masterstudium nach Deutschland – an die HSBI. Als Mariam Dopslaf anfragte, ob er ihren Studierenden seine persönliche Kakuma-Expertise zur Verfügung stellen könnte, sagte er sofort zu: „Es ist ein tolles Projekt, das Kakuma mit seinen Herausforderungen ins Bewusstsein rückt.“ Für Jacob sind nachhaltige Lösungen ein Schlüssel für positive Entwicklung: „Sie können Wandel in Krisenregionen bringen.“

Informationen aus erster Hand durch einen ehemaligen Bewohner Kakumas

Foto: Vier Studierende sitzen für eine Gruppenarbeit zusammen um einen Tisch
Das Team um HSBI-Student Samuel Beza (2.v.l.) hat sich um die Herausforderung „Wasser und Sanitäreinrichtungen“ gekümmert.

Die Studierenden nutzten ihrerseits die Gelegenheit, fragten Aleer Nyang Jacob aus und erfuhren, dass die Herausforderungen manchmal vielschichtiger sind als gedacht. Stichwort: Bildung und Geschlechter-Gleichheit. Ob die Schule im Camp für Mädchen und Jungs gleichermaßen geöffnet sei, wollte eine Studentin wissen. Jacob bejahte – und schob gleich eine Einschränkung hinterher: „Aber während die Jungs nach der Schule sofort Fußballspielen gehen können, müssen die Mädchen noch bei der Arbeit im Haushalt helfen – das ist die traditionelle Aufgabenverteilung.“ Betretenes Schweigen. Insgesamt sechs der größten Herausforderungen für die Bewohner Kakumas haben Mariam Dopslaf und Frank Joosten herausgegriffen, vom Bildungsbereich mit seinen überfüllten Klassenzimmern und niedrigen Standards in der Lehre über den Energie- und Technologie-Sektor mit seinem eingeschränkten Zugang zu erschwinglichem Strom bis hin zum Komplex der Ernährungssicherheit und Haushaltsführung durch Kinder mit seiner Lebensmittelknappheit und den Schwierigkeiten der Haushalte ohne Erwachsene. „Die Teams haben sich für eine der Challenges entschieden und eigenständig möglichst umsetzbare Lösungen erarbeitet. Das konnten einfache Technologien ebenso sein wie pädagogische Projekte oder Netzwerke“, erläutert Dopslaf die Arbeitsweise.

Samuel Bezas Team hat sich um die Herausforderung „Wasser und Sanitäreinrichtungen“ gekümmert. „Die Wasserknappheit im Camp ist gravierend, pro Tag stehen jeder Person nur 10 Liter zur Verfügung. Eine sichere und ausreichende Wasserversorgung ist aber essentiell, sie kann die Gesundheit und Lebensqualität verbessern und die Resilienz der Gemeinschaft fördern“, begründet Beza die Wahl. Zusammen mit seinen Kommiliton:innen machte er sich an die Recherche, fand im jordanischen Flüchtlingslager Za’atari vergleichbare Voraussetzungen – und eine übertragbare Lösung: „Aus Bohrlöchern wird Wasser gepumpt, in einfachen Filtrationsanlagen durch nachhaltiges Substrat gereinigt und in großen Tanks gelagert“, erläutert Samuel Beza das Prinzip. Das Team wandte es auf die Verhältnisse in Kakuma an, berechnete den täglichen Wasserbedarf (6 Millionen Liter pro Tag), die erforderlichen Installationen und die Kosten. Beza schaut leicht verlegen: „Man müsste knapp 1,2 Millionen Dollar investieren. Die höchsten Kosten verursachen die Bohrungen für die benötigten 40 Wasserlöcher.“ Dafür wären aber 300.000 Menschen jeden Tag mit sauberem Wasser versorgt. Und damit sie verantwortungsvoll damit umgehen, gehören auch entsprechende Trainings zum Lösungsvorschlag.

Vertreter aus Kakuma trotz der hohen Kosten des Projekts für sauberes Wasser stark interessiert

Bei der Präsentation zu Beginn der International Week im Mai an der HSBI war der zugeschaltete Vertreter aus Kakuma trotz der hohen Kosten sehr interessiert. Und Mariam Dopslaf ist zuversichtlich: „Im vergangenen Jahr hat es ein Energie-Projekt auch in die Umsetzung geschafft. Der nächste Schritt für das Wasserprojekt könnte jetzt ein Crowd-Funding sein.“ (uh)