07.07.2026

Wie können „vulnerable“ Gruppen vor Katastrophen besser geschützt werden? HSBI-Forschungsteam befragt Wohnungslose und Pflegende

In den vergangenen Jahren nahmen Katstrophen und Extremwetterereignisse auch in Deutschland zu. Das Forschungsprojekt „Resilienzförderung und Bildung“ an der Hochschule Bielefeld konzentriert sich in einem Teilprojekt auf Menschen, die im Katastrophenfall besonders gefährdet sind. Zu diesem Zweck haben die Forschenden Interviews mit Wohnungslosen und mit Pflegeteams in Altenheimen geführt. Wesentliche Erkenntnisse: Eine gute Kommunikation ist ebenso zentral wie professionsübergreifende Teamarbeit. Und: Hilfen sollten da ansetzen, wo sich die Bedürftigen aufhalten und sie in ihrer jeweiligen Lebenssituation „abholen“. Nur so kann Vertrauen entstehen – wichtigste Voraussetzung für die Wirksamkeit von Maßnahmen. Die Ergebnisse der Forschung sollen nun dem ASB zur Verfügung gestellt werden, um Unterstützungsleistungen zu verbessern.

Bielefeld (hsbi). Spätestens seit den Überschwemmungen im Ahrtal im Juli 2021 ist das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Katastrophenvorsorge in Deutschland stark gestiegen. Für Personen, Organisationen und Kommunen ergibt sich daraus die Aufgabe, sich besser auf Katastrophen vorzubereiten – auch, wenn es um sogenannte vulnerable Gruppen geht. Genau hier setzt das Forschungsprojekt „Resilienzförderung und Bildung“ (kurz: ReBi) an, das am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Bielefeld (HSBI) von Prof. Dr. Alexander Scheidt und Prof. Dr. Katja Makowsky und ihrem Team durchgeführt wird. ReBi ist Teil eines praxisnahen Verbundprojektes zur Resilienzförderung im Katastrophenschutz, in dem der Arbeiter-Samariter-Bund Deutschland e.V. (ASB), die Krisen- und Katastrophenforschungsstelle (KFS) der Freien Universität Berlin und die HSBI zusammenarbeiten. Das Projekt wird durch die Aktion Deutschland Hilft gefördert.

„Ziel des Teilprojekts ReBi ist es, Informationen über Katastrophenrisiken, -vorsorge und Resilienz zu sammeln und praktische Methoden zu identifizieren, die die Selbstschutzfähigkeit der Bevölkerung stärken, gemeinschaftliche Resilienz fördern und lokales Wissen über Katastrophen aktivieren und erweitern“, erläutert Prof. Scheidt „Außerdem identifizieren wir Lücken in den bestehenden Maßnahmen und versuchen, sie durch gezielte Forschung mit ausgewählten, teils als vulnerabel gelesenen Personengruppen zu schließen. Am Ende wollen wir leicht zugängliche und an unterschiedliche Bedürfnisse und Lernstrategien angepasste Bildungsmaßnahmen zur Katastrophenvorsorge entwickeln, die das Krisenbewusstsein und die Selbstwirksamkeit der Bürger:innen fördern.“

Das ReBi-Forschungsteam an der HSBI bezieht zu diesem Zweck zwei ganz unterschiedliche „vulnerable“ Gruppen in seine Arbeit ein: wohnungslose Personen und Personal aus Pflegeheimen, also Menschen, die im Katastrophenfall besonders gefährdet sind beziehungsweise die Klient:innen mit erhöhtem Gefährdungspotential betreuen. Durch qualitative Interviews wurden bereits Erfahrungen, Bedürfnisse und bestehendes Wissen erfasst. Das kann nun bei der Methodenentwicklung berücksichtigt werden. Die im Forschungsprojekt entwickelten Methoden sowie die abgeleiteten Ergebnisse aus dem qualitativen Forschungsteil werden im Anschluss vom ASB verbreitet und in die Praxis implementiert, um die Prävention im Katastrophenschutz zu stärken.

Wohnungslose Menschen berichten, dass der Alltag auf der Straße oft schon „katastrophal“ ist

Portrait Max Aulenbacher
Max Aulenbacher, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt, hat Interviews mit wohnungslosen Menschen geführt.

„Um Zugang zu Personen in der Wohnungslosigkeit zu bekommen, haben wir 16 wohnungslose Personen interviewt, zu denen wir über zwei Beratungsstellen in einer Großstadt in Kontakt gekommen sind“, berichtet Max Aulenbacher, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt. „Wir haben Interviews geführt, die nur zum Teil vorstrukturiert waren“, ergänzt Clara Heil, ebenfalls wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt. „Einerseits wollten wir zwar zwischen den Antworten der Teilnehmenden vergleichen können, andererseits aber auch Raum lassen für persönliche Erzählungen.“ Prof. Katja Makowsky: „Durch diese Form der qualitativen Forschung wollten wir besser verstehen, wie Personengruppen Krisen und Katastrophen wahrnehmen, darauf reagieren und welche Schlüsse sich weitergehend daraus für die Förderung ihrer Resilienz gewinnen lassen.“

In den Interviews wurde schnell deutlich, dass das „Leben auf der Straße“ schon im Alltag nicht nur riesige Herausforderungen birgt, sondern von den wohnungslosen Menschen selbst oft bereits als „katastrophal“ empfunden und von ihnen auch so bezeichnet wurde: Die Interviewten berichteten von körperlichen Angriffen, Diskriminierungen und der ständigen Suche nach einem sicheren Schlafplatz. Das Ringen um Ernährung, Hygiene, Ruhe und Gesundheit erforderte große Anstrengungen. Die Begleitung anderer Menschen ohne festen Wohnsitz wurde teilweise als Schutzfaktor empfunden. Deutlich wurde überdies, wie wichtig Mobilität ist, um täglich mehrere Stellen aufsuchen zu können und die wichtigsten Grundbedürfnisse zu decken. „Ihre Alltagserfahrungen erzeugten bei den Wohnungslosen eine Sensibilität für potenziell sichere Orte“, so Max Aulenbacher. „Eine bedeutende Erkenntnis aus den Interviews ist es somit, dass vor allem Orte wie Beratungsstellen geeignet sind, zum Beispiel Hitze- oder Kältewarnungen zu teilen, ebenso Orte, die als Treffpunkte von wohnungslosen Menschen fungieren.“

Naturkatastrophen wirken oft so, als liegen sie in weiter Ferne

Im Gegensatz zu ihrem Alltag wirkten Naturkatastrophen auf die interviewten wohnungslosen Menschen eher fern, sie selbst waren bis dato nicht betroffen und hatten allenfalls indirekt etwas mitbekommen, zum Beispiel durch Unwetter- oder Hochwasserwarnungen, die Auswirkungen auf den Zugverkehr hatten. Ein Interviewter sagte: „Was bringt das, wenn wir beide uns jetzt, sag ich mal, zwei Stunden über vielleicht kommende Katastrophen unterhalten? Die können kommen, klar, die können aber noch 100 Jahre Zeit haben. Ich stehe auf und denke: Wenn das passiert, okay, dann muss ich handeln, und zwar jetzt.“ Die erzwungene Flexibilität, täglich den Kampf um die Befriedigung der wichtigsten Grundbedürfnisse aufzunehmen, erzeugte bei diesem Befragten das Gefühl einer gewissen Resilienz: „Ich kenne genug Stellen, sag ich mal, wo ich jederzeit Hilfe kriege.“

Vergleichsbild von einem Tunnel mit herrenlosen Sachen
Pflegende haben in der Regel genau das Verständnis für die Sichtweise ihrer Klienten, das nötig ist, damit im Katastrophen-fall erfolgreich geholfen werden kann.

„Hier zeigte sich, dass Personen, ausgehend von ihrem herausfordernden Alltag und ihrem sozialen Umfeld, ein eigenes Verständnis von Katastrophen entwickeln“, resümiert Katja Makowsky. „Auch als die interviewten Menschen über die Covid-19-Pandemie sprachen, standen nicht etwa die gesundheitlichen Gefahren im Vordergrund. Vielmehr wurden erschwerte Zugänge hervorgehoben, die die Ausführung alltäglicher Gewohnheiten beeinflussten.“

Pflegende berichten von Notfällen mit potenziell katastrophalen Folgen

Solche subjektiven Auffassungen von Katastrophen förderten auch in die Interviews zutage, die das ReBi-Forschungsteam in Pflegeheimen führte. Nicht alle Situationen, die die Interviewten hier als Katastrophe wahrnahmen, sind offiziell auch als solche eingestuft. So wurden auch Situationen wie Brände, Hitze oder der Pflegenotstand von Bewohner:innen als „Katastrophen“ bezeichnet.

Die Gründe für das Entstehen von Gefahrensituationen in den Alten- und Pflegeheimen wurden divers beschrieben: Brandherde wurden auf Fehlfunktionen von elektronischen Geräten oder das Rauchen von Zigaretten im Zimmer zurückgeführt. Pflegende sahen sich in der Verantwortung, sichere Rückzugsorte außerhalb von Altenpflegeheimen zu schaffen. „Auch wenn ihre Verantwortung im Brandfall dort endet, wo die Feuerwehr ankommt und weitere Handlungsabläufe verantwortet, wurde das Wissen von Pflegenden über die Bedürfnisse von Bewohner:innen als wichtig empfunden“, berichtet Janina Hahne, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt. „Ebenso die Zusammenarbeit im Team und mit externen Personen.“

Absprachen im Team wichtig, Covid-19-Erfahrungen immer noch präsent

Pflegende berichteten, dass sie an Schulungen teilnahmen, zum Beispiel über Brandschutzmaßnahmen. Sie betonten, dass Online-Angebote mehr Pflegende erreichten, allerdings würden Präsenzschulungen den Vorteil haben, praktische Übungen zu ermöglichen. „Für Pflegende war es wichtig, die Bedürfnisse von Bewohner:innen zu berücksichtigen, die in den stationären Einrichtungen einen dauerhaften Wohnort hatten“, so Prof. Makowsky. „Absprachen im Team waren zentral für die Organisation des Pflegealltags, Kommunikation ein zentraler Teil – auch und gerade vor dem Hintergrund möglicher Katastrophen. Sensibilität und Vertrauen sind in diesem Arbeitsumfeld Voraussetzung für eine erfolgreiche Risikoprävention.“

Auch in den Interviews mit den Pflegenden kam die offensichtlich als katastrophal eingeschätzte Covid-19-Pandemie zur Sprache, darunter die enormen Herausforderungen für das Schichtsystem und die schwierige Suche nach Vertretungen. „Mittel und Wissen zur Reaktion auf die Pandemie waren zwar vorhanden, Pflegende fühlten sich allgemein gut auf Infektionslagen vorbereitet, da sie zum Beispiel auf Konzepte und Maßnahmen zur Risikoeindämmung von Infektionen durch Noroviren zurückgreifen konnten“, so Janina Hahne. „Aber sie erlebten besonders in dieser Zeit eine Verschärfung der Problematik des Pflegenotstandes.“ Was half, was wurde als positiv wahrgenommen? Hahne nennt ein Beispiel: „Das Singen von Kindern! je nach Möglichkeit auch innerhalb des Pflegeheims.“

Kommunikation zentral, Maßnahmen an Ressourcen anpassen!

Eine Aerztin und eine Pflegerin schieben ein Krankenbett in einen Operationssaal
Pflegende haben in der Regel genau das Verständnis für die Sichtweise ihrer Klienten, das nötig ist, damit im Katastrophenfall erfolgreich geholfen werden kann

Ob wohnungslose Personen oder Pflegende – Einigkeit bestand darüber, dass Katastrophen eine Bedrohung für „Leib und Leben“ sind. Beiden Gruppen gemein ist auch das Wissen, dass die Kommunikation von Risiken, Katastrophen und Maßnahmen extrem wichtig ist. „Sie sollten nach Möglichkeit an die Zielgruppen und deren Verständnisse von Katastrophen angepasst werden“, so Teilprojektleiterin Prof. Dr. Katja Makowsky. „Wohnungslose Menschen und Mitarbeitende stationärer Altenpflegeheime erlangten Wissen und Erfahrungen in ihrem Alltag, als Teil von Netzwerken, Mitarbeitende der Altenpflegeheime zudem auch in Schulungen.“

Nun zu den Unterschieden: „Angesichts dessen, dass wohnungslose Personen soziale Kontakte unterschiedlich bewerten und/oder meiden, wäre es für die Resilienzförderung mit Hinblick auf Katastrophen zentral, die aktiven sozialen Netzwerke zu identifizieren, in denen eine Informationsweitergabe möglich ist“, so Makowsky. „Auch regen diese Interviews an, bereits bestehende Kontaktstellen zu nutzen, um Informationen, z.B. über Risiken wie Extremwetterwarnungen, zu teilen. Dadurch, dass Personen ohne festen Wohnsitz ihren Alltag an verschiedenen Orten verbringen, zwischen diesen wechseln und Kenntnisse über das öffentliche Leben in verschiedenen Städten und Regionen sammeln, könnten diese Kenntnisse auch hilfreich sein, um sichere Orte zu schaffen, an denen Einsatzkräfte Personen gezielt unterstützen können.“

In Pflegeheimen wiederum wäre eine Orientierung der eingeleiteten Maßnahmen im Katastrophenfall an bestehenden Ressourcen förderlich, so die Professorin weiter. „Pflegende geben ihre Kenntnisse über Katastrophen und Maßnahmen an gepflegte Menschen weiter, wobei sich die Mitarbeitenden auf Wissen und Erfahrungen berufen. Im Fall neuer Katastrophen können durch einheitliche und kontinuierliche Informationen zusätzliche Unsicherheiten vermieden werden. Das Wissen über Bewohner:innen und Einrichtungen von Festangestellten kann für Einsatzkräfte wichtig sein, und dazu beitragen, sichere Evakuierungsorte zu schaffen. Personen mit Orientierungsschwierigkeiten und Hinlauftendenzen könnten bei Evakuierungen zusätzlicher Betreuung bedürfen, was durch temporäre Unterstützung möglich wäre. Um Pflegende in ihrer Selbstwirksamkeit und sicheres Handeln in Krisen oder Katastrophen zu fördern, könnten Schulungsmaßnahmen angepasst werden: Um möglichst viele Pflegenden die Teilnahme zu ermöglichen, könnten flexible Termine durch externe Anbieter eine passende Ergänzung zu einrichtungsinternen Schulungen sein.“ (jh/lk)