Anlässlich des altersbedingten Ruhestands von Prof. Dr. Christoph Jaroschek diskutierten Experten aus Hochschule und Unternehmen über die Innovationskraft des Standorts Deutschland sowie ökologische Herausforderungen und wirtschaftliche Perspektiven der kunststoffverarbeitenden Industrie.Prof. Dr. Christoph Jaroschek (5.v.l.) und die Redner:innen auf dem Zukunftskolloquium.
Bielefeld (hsbi). Novum im Fachbereich Ingenieurwissenschaften und Mathematik der Hochschule Bielefeld (HSBI): Statt einer typischen Abschiedsfeier veranstalteten Prof. Dr. Christoph Jaroschek und seine Mitarbeiter anlässlich seines bevorstehenden altersbedingten Ruhestands lieber ein Zukunftskolloquium. „Ich wollte auf keinen Fall, dass die Begleiter meiner über 25-jährigen Zugehörigkeit zur Hochschule große Reden über Verdienste schwingen und noch einmal alles Mögliche aus der Vergangenheit in Erinnerung bringen“, sagt der Professor, der sich innerhalb und außerhalb der Hochschule als Experte für Werkstofftechnik, Konstruieren mit Kunststoffen und Produktionstechnik einen Namen gemacht hat. „Lieber möchte ich mich von der HSBI verabschieden, indem ich gemeinsam mit Kollegen und Partnern einen Blick nach vorn richte auf aktuelle Zukunftsfragen. Deshalb das Zukunftskolloquium!“
Annähernd 120 Besucher:innen nahmen am Zukunftskolloquium teil – ein Thema: KI
„Wir sollten KI nicht überschätzen bzw. die Leistungsfähigkeit des Menschen nicht unterschätzen – insbesondere dann nicht, wenn es darum geht, auf die richtigen zukunftsweisen Fragen zu kommen und nach Lösungen zu suchen.“
Prof. Dr. Christoph Jaroschek
Organisiert von Johannes Brikmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich, folgten diesem Aufruf annähernd 100 Besucher:innen in den Hörsaal E3 des HSBI-Hauptgebäudes, darunter Kollegen und Beschäftigte aus der Verwaltung und dem Management der HSBI, Vertreter der Universität Bielefeld und weiterer Hochschulen sowie Partner aus der Wirtschaft. Jaroschek selbst setze gleich zu Beginn einen Akzent, der in die Zeit passt. Sein Thema: Künstliche Intelligenz (KI). Seine These: „Wir sollten KI nicht überschätzen bzw. die Leistungsfähigkeit des Menschen nicht unterschätzen – insbesondere dann nicht, wenn es darum geht, auf die richtigen zukunftsweisen Fragen zu kommen und nach Lösungen zu suchen.“
Um seine Ansicht zu untermauern, stellte Jaroschek zunächst die Eckdaten eines der leistungsfähigsten Supercomputer der Welt, des MareNostrum, denen des menschlichen Gehirns gegenüber. Das Gehirn besitzt, so der Professor, nicht nur wesentlich mehr Verknüpfungsmöglichkeiten, es verbraucht auch nur einen Minibruchteil der Energie des in Barcelona beheimateten Riesenrechners, der für ihn nur ein Werkzeug ist, das bespielt mit intelligenter Software helfen kann, Probleme zu lösen. Aber was Ursachenforschung und eine realistische Lösungsstrategie für aktuelle Probleme betrifft, dürfe der Mensch nicht glauben, aus der Verantwortung entlassen zu sein. „Kann KI den Ukraine-Krieg beenden? Kann sie die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius begrenzen? Wohl kaum!“ so Jaroschek.
Zedler: „Im Mittelpunkt aller technischen Herausforderungen steht immer der Mensch“
Johannes Brikmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter aus dem Team von Prof. Dr. Christoph Jaroschek, der zurzeit über ein Kunststoffthema promoviert, organisierte das Kolloquium.
In einer Videobotschaft stieß Markus Zedler, einer der ersten Studierenden Jaroscheks an der damaligen FH Bielefeld und heute Laboringenieur im Technology Center Plastics des Miele Werks Warendorf, insselbe Horn: „Intelligenz zeigt sich in gut gestellten Fragen.“ Das habe Jaroschek ihm mitgegeben und das nütze ihm etwas bis heute in seiner täglichen Arbeit. Damit nicht genug: „Im Mittelpunkt aller technischen Herausforderungen steht immer der Mensch“, so Zedler.
Auch die übrigen Beiträge des Zukunftskolloquiums bezogen durchaus gesellschaftspolitisch Position: Rudolph Hein vom gleichnamigen Konstruktionsbüro, ein Prozessoptimierer für die kunststoffverarbeitende Industrie, der annähernd 40 Jahre erfolgreich am Markt agiert, verwies auf die dichten und manchmal unvorhersagbaren Verflechtungen zwischen politischen, geopolitischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen, die es der kunststoffverarbeitenden Industrie zunehmend erschweren, wirtschaftliche Profitabilität zu sichern und Wachstum zu erzeugen.
Die drei R (rethink, reduce, recycle) als wirksame Stellhebel gegen negative ökologische Folgen
Dr. Michael Neumann benannte mit „rethink“, „reduce“ und „recycle“ drei Stellhebel, um den ökologischen Fußabdruck von Kunststoffen zu verkleinern.
Dr. Michael Neumann, ein weiterer Kunststoffexperte und Unternehmer, überschrieb seinen Beitrag mit der Frage „Von der Begeisterung zur Ernüchterung, Kunststoff: Fluch oder Segen – was ist zu tun?“ Neumann verwies einerseits auf die gewaltigen ökologischen Probleme, die „Plastik“ in der Umwelt verursacht und die ohne intelligente Lösungen noch weiter zunehmen werden angesichts der weltweit enormen Popularität dieses Werkstoffs. Andererseits seien Kunststoffe unverzichtbar für unsere Lebensweise und unseren Wohlstand – „ein wunderbares Produkt“: langlebig, leicht, stabil, wetterbeständig usw. usf. Neumann identifizierte die drei R (rethink, reduce, recycle) als wirksame Stellhebel, um die negativen ökologischen Auswirkungen der Nutzung von Kunststoffen nachhaltig zu reduzieren. Ein Ansatz, der an der HSBI unter anderen vom Transferprojekt InCamS@BI verfolgt wird, bei dem Prof. Jaroschek bis zuletzt als Mentor aktiv war.
Prof. Dr. Thomas Seul, zuständig für das Lehrgebiet Fertigungstechnik und Werkzeugkonstruktion an der Hochschule Schmalkalden, gab einen ebenso unterhaltsamen wie faszinierenden Einblick in die enorme Bandbreite der Einsatzmöglichkeiten von Kunststoffen und beschrieb die technologischen Herausforderungen in diesem Feld, die seine Tätigkeit in Lehre und Forschung so spannend macht.
Den Abschluss des Zukunftskolloquiums bildete ein lockeres Beisammensein in der Experimentierhalle der HSBI zwischen den von Jaroschek im Rahmen seiner Lehre und Forschung eingesetzten Spritzgießmaschinen.
Wie Ideen-Klau verhindern? Wie den Transfer schaffen? Wie den Rückstand zu China aufholen?
„Transferbär“ Klaus Jansen führte als Moderator durch die Veranstaltung.
Dr. Clemens Doriat von der Fachzeitschrift „Kunststoffe“ im Carl Hanser Verlag kritisierte die weitgehend unkontrollierte Aneignung und Einspeisung von fremdem Wissen in ihre Portale durch die sogenannten Bigtech-Unternehmen und forderte den Schutz von Urheberrechten auf EU-Ebene.
Michael Cedrola, Werkleiter bei AUO Mobility Solutions, einem Zulieferer der Automobilindustrie aus Lippstadt, räumte mit der Vorstellung auf, dass die deutsche Wirtschaft als Innovator im internationalen Vergleich noch führend sei. Man habe zwar nach wie vor eine gute Ausgangslage u.a. durch die leistungsfähigen Hochschulen und die starke mittelständische Wirtschaft, aber: „Ideen zählen erst, wenn sie real genutzt werden können“, so Cedrola, der insbesondere auf die überbordende Bürokratie und Defizite beim Transfer abhob. „Asien setzt um. Europa diskutiert – Zeit für einen Kurswechsel“ lautete denn auch seine Forderung. China sei den Europäern inzwischen enteilt. „Der Rückstand ist real, aber nicht endgültig“, so Cedrola. „Mit besserer Ausbildung, echter Innovation und Schutz des Know-hows kann Europa wieder zur technologischen Spitze aufschließen.“
HSBI-Präsidentin Prof. Dr. Ingeborg Schramm-Wölk und Prof. Dr. Rolf Naumann, Dekan des Fachbereichs Ingenieurwissenschaften und Mathematik, verabschiedeten Prof. Dr. Christoph Jaroschek im Rahmen des Zukunftskolloquiums in den Ruhestand.
Hier knüpfte die Präsidentin der HSBI mit ihrer umfangreichen China-Erfahrung an und unterstrich, dass die Lücke, die entstanden sei zwischen Deutschland und Fernost, nur durch große individuelle Leistungsbereitschaft und enge Zusammenarbeit aller Akteure aus Wirtschaft, Politik und Hochschulen hierzulande zu schließen sei. Sie lobte Christoph Jaroschek für sein kritisches Denken – „Sie haben den Fachbereich und auch mich immer wieder in Atem gehalten und dafür danke ich Ihnen!“ – und wünschte ihm für die Zukunft alles Gute.
Auch Prof. Dr. Rolf Naumann, Dekan des Fachbereichs Ingenieurwissenschaften und Mathematik, bedankte sich bei Jaroschek für sein Engagement, insbesondere für seine langjährige Mitarbeit in den Arbeitsgruppen und Gremien des Fachbereichs. Naumann nannte Jaroschek einen begeisterten Hochschullehrer, der es stets geschafft habe, durch möglichst alltagsnahe Beispiele das Interesse der Studierenden zu wecken. Und so kam der künftige Ruheständler am Ende doch nicht um eine würdigende Rückschau herum, bevor er die Gäste – standesgemäß – in die Experimentierhalle zu einem warmen Buffet einlud. (lk)