Es ist „International Week“ an der Hochschule Bielefeld! Das heißt: internationale Gäste und Themen stehen diese Woche auf der Tagesordnung – auch auf dem Campus Minden. Ein Lehmbau-Workshop zählte hier zu den Highlights, das sich primär an Architekturstudierende richtet. Es konnten aber auch Studierende anderer Studiengänge daran teilnehmen. Das Material und die Technik bieten vor allem für ärmere Regionen im globalen Süden eine Chance für den Bau von beispielsweise Schulen oder Wohngebäuden. Aber auch in Deutschland ist beim Einsatz von Lehm noch viel Luft nach oben. Architekt Jan Glasmeier ist Experte und bringt neben seinem Fachwissen über den Baustoff Erfahrungsgeschichten aus jahrelanger Entwicklungsarbeit in Südostasien mit. Rund 20 Studierende aus dem Studiengang Architektur haben in dem Workshop aus Baulehm Lehmziegel hergestellt.
Minden (hsbi). „Wir möchten den Studierenden mit dem Workshop das Material Lehm näherbringen und eine gewisse Skepsis vor der ‚Matsche‘ nehmen“, erläutert Jan Glasmeier ein Ziel des Workshops am Campus Minden der Hochschule BIelefeld (HSBI). Lehm sei auch in Deutschland ein traditionelles Baumaterial, welches allerdings eher ein Nischendasein pflegt: Nur 0.08 Prozent aller Baumaterialien in Deutschland bestehen heutzutage aus Lehm. Dazu zählen Stampflehm, Lehmziegel, Lehmbauplatten und Lehmputze. Allerdings erlebt der Lehm zurzeit auch eine gewisse Renaissance, da mit Blick auf Nachhaltigkeit traditionelle Baustoffe wieder gefragter sind. Glasmeier möchte daher für die Annehmlichkeiten des Traditionsbaustoffs sensibilisieren: Lehm macht ein angenehmes Raumklima, ist im besten Fall schadstofffrei und hinterlässt einen weitaus geringeren ökologischen Fußabdruck als zum Beispiel Beton oder andere Baustoffe. Auch bei einem Gebäudeabriss stellt Lehm dementsprechend keine „Altlast“ dar, sondern kann in der Regel unbedenklich entsorgt oder wiederverwendet werden. Und vergleichbar günstig ist das Material auch. „Grundsätzlich könnte jeder zuhause Lehmziegel herstellen. Man braucht natürlich die Möglichkeit ein Loch zu buddeln und die Beschaffenheit des Aushubs spielt eine Rolle. Aber grundsätzlich ist es möglich“, erklärt Glasmeier. Trotz des Nischendaseins gibt es in Deutschland immer noch zahlreiche regionale Firmen, die sich mit Lehmbau befassen. So wurde das Material, mit dem die Studierenden im Workshop arbeiten, von der Firma Conluto aus dem lippischen Blomberg zur Verfügung gestellt.
Lehmziegel kann im Grunde jeder zuhause herstellen: Baulehm, Stroh und Wasser werden vermischt und in vorbereitete Lehmformen gedrückt.
Rund 20 Studierende aus dem Studiengang Architektur haben sich zu dem Workshop angemeldet. Nach einer kurzen Einführung ging es auch direkt an die gefürchtete ‚Matsche‘: „Wir formen aus dem uns zur Verfügung gestellten Baulehm Lehmziegel. Dazu geben wir als Fasermaterial getrocknetes Stroh zum Lehm, welches wir unter Zugabe von Wasser mit Händen und Füssen vermischen. Danach wird das Gemisch in vorbereitete Lehmformen gedrückt. Zusätzlich werden wir ein Geflecht aus Ruten, auch ‚Wattle‘ genannt, erstellen, welches dann mit dem vorbereiteten Lehmgemisch, auch ‚Daub‘ genannt, beworfen wird. Im Fachjargon nennt man diese Technik auch Wattle and Daub“, so Glasmeier.
Lehmbauworkshop am Campus Minden
Hands-on Aktivität als willkommene Abwechslung zum digital geprägten Studienalltag
Für die Studierenden ist der Workshop eine willkommene Abwechslung zum normalen Studienalltag.
Für die Studierenden ist die Hand- und Fußarbeit eine willkommene Abwechslung zum normalen Studienalltag. Endlich mal nicht am Rechner sitzen, sondern körperlich und mit allen Sinnen arbeiten, den Lehm fühlen und riechen. Das bestätigt auch Studentin Sarah: „Die Lehmziegel selbst herzustellen und anschließend zu verwenden, macht einfach Spaß und der ganze Rahmen hier ist sehr angenehm." Ihre Kommilitonin Julia-Marie sieht das genauso: „Ich bin bereits zum dritten Mal dabei und es macht jedes Mal aufs Neue Spaß. Der Workshop ist eine gute Möglichkeit, sich wirklich mit Lehm zu beschäftigen." Für Justus hat sich über den Kontakt zu Jan Glasmeier sogar ein Auslandsaufenthalt ergeben: „Das Projekt hat mir einen Workshop in einem afrikanischen Land ermöglicht." Für ihn hat sich das Ziel der International Week, Studierende für internationalen Austausch zu begeistern, also auf jeden Fall bereits erfüllt.
Jan Glasmeier baut aus Lehm ganze Schulen in Thailand
Möchte den Studierenden mit dem Workshop das Material Lehm näherbringen und die Skepsis vor der ‚Matsche‘ nehmen: Architekt Jan Glasmeier.
Neben dem praktischen „Lehm-Crash-Kurs“ geht es bei der International Week, wie der Name schon sagt, auch um den internationalen Kontext. Jan Glasmeier baut seit vielen Jahren Schulen in Thailand, vor allem für Geflüchtete aus Myanmar. Dabei setzt er auf natürliche Baustoffe wie Lehm und Holz und er bindet die lokale Bevölkerung ein. Studierende aus Deutschland begleiten ihn immer wieder, um beim Bauen vor Ort zu helfen, auch vom Campus Minden waren bereits zwei Studierende dabei.
2023 hat Glasmeier zusammen mit seinem Kollegen Oliver Giebels den gemeinnützigen Verein Socialarchitecture e.V. gegründet. Sein Besuch in Minden ist übrigens keine Premiere: „Vor einigen Jahren wurde ich mit Prof. Bettina Georg in Kontakt gebracht. Daraufhin lud sie mich zu einem Vortrag mit anschließendem Workshop an den Campus nach Minden ein. Das erste Mal war ich 2023 hier. Das hat so viel Spaß gemacht, dass ich gern wiederkomme!“
International Week bietet besondere Inhalte abseits des Lehrplans
Architekturprofessorin Bettina Georg hofft, dass einige Studierende die Begeisterung für den Baustoff Lehm mit in ihr Berufsleben nehmen.
Bettina Georg ist Professorin für Entwurf im Studiengang Architektur und erklärt ihre Motivation für die Zusammenarbeit: „In dieser Woche können wir besondere Inhalte anbieten abseits des Lehrplans. Die International Week ist ein tolles Format, mit dem wir unter anderem für Auslandsaufenthalte im Studium werben wollen. Dazu kann ich alle Studierenden nur ermutigen! Ganz egal in welches Land – über den bekannten Tellerrand zu blicken ist immer ein Gewinn und das Studium ist die beste Zeit dafür.“ Auch inhaltlich bietet der Workshop Abwechslung, wie Georg ergänzt: „Es ist toll, dass die Studierenden mal was ganz Praktisches abseits von KI und Digitalisierung erarbeiten und auch direkt ein Ergebnis sehen. Ich hoffe, dass einige von ihnen die Begeisterung für den Baustoff Lehm in ihr Berufsleben mitnehmen!“ (vku)