"Mein Werdegang zeigt: Flexibel bleiben lohnt sich"

Mein Weg zur HAW-Professur: Prof. Dr. Henrik Koers 
im Interview

Prof. Dr. Henrik Koers Portrait
Foto: Patrick Pollmeier

Prof. Dr.-Ing. Henrik Koers ist Professor für Projektmanagement im Bauwesen am Fachbereich Campus Minden der Hochschule Bielefeld (HSBI). Im Interview berichtet er von seinem Weg zur Professur, der ohne Abitur in Minden begann und ihn über Braunschweig, Kopenhagen und Aachen wieder nach Minden führte.

Sie haben Ihren Bachelor an der HSBI am Campus Minden abgeschlossen – genau dort sind Sie nun seit März 2025 Professor. Schließt sich da ein Kreis?

Ja, irgendwie schon. Ich habe auch tatsächlich als Bachelorstudent schon gedacht, dass es spannend sein könnte, irgendwann mal Professor zu werden … aber damals war das natürlich noch weit weg.

Wie sind Sie darauf gekommen, Bauingenieurwesen zu studieren?

Ich war familiär vorgeprägt (lacht). Mein Vater war Maurer und Zimmermann und hat mich immer mal auf eine Baustelle mitgenommen. Ich habe viel mitgeholfen, später eine Ausbildung zum Bauzeichner gemacht und dann angefangen zu studieren – übrigens ohne Abitur.

Das müssen Sie genauer erklären.

Ich habe einen Realschulabschluss und dann nach der Ausbildung meine Fachhochschulreife gemacht. Damit konnte ich an der HAW studieren. Und nach dem Bachelor war es dann möglich, an die Uni zu wechseln, wo ich meinen Master gemacht und promoviert habe. Wenn ich das meinen heutigen Studierenden erzähle, blicke ich oft in erstaunte Gesichter: „Ein Professor ohne Abitur? Das geht doch gar nicht“, ist häufig ihre Reaktion. Meine Geschichte beweist: Es geht sehr wohl.

Sie haben bereits während Ihres Masterstudiums in Braunschweig für ein Projekt eines Unternehmens aus dem Bereich des Grundwassermanagements in Kopenhagen gearbeitet. Wie war das parallel möglich?

Ich bin sehr viel gependelt … Meistens habe ich die ersten drei Tage der Woche in Braunschweig und den Rest in Kopenhagen verbracht. Dort war ich Teil eines großen Tiefbauprojektes. Bei solchen Projekten geht es dann zum Beispiel darum, Wasserhaltungsanlagen zu installieren, um das anfallende Grundwasser zu fördern, gegebenenfalls aufzubereiten und wieder zu infiltrieren. Im konkreten Fall ging es um eine U-Bahn-Linie, die neu gebaut werden sollte.

Während der Dissertation ging es für Sie ähnlich weiter: Sie haben zu 50 Prozent an der RWTH Aachen, zu 50 Prozent weiter bei dem Unternehmen gearbeitet – und Ihre Doktorarbeit mussten Sie ja auch noch schreiben?

Gerade während der Dissertation hatte ich manchmal das Gefühl, dass ich mehrere 100-Prozent-Stellen habe (lacht). Es war anstrengend, gleichzeitig aber auch sehr bereichernd. Ich habe zum Beispiel mein Promotionsthema direkt aus der Praxis mitgebracht. Und durch die Stelle an der RWTH Aachen konnte ich viel Lehrerfahrung sammeln, das war auf jeden Fall sehr hilfreich.

Prof. Dr. Henrik Koers Vorlesungsvorbereitung
Foto: Patrick Pollmeier

Wie sind Sie auf Ihre jetzige Stelle aufmerksam geworden?

Ich habe immer mal wieder geschaut, ob für mich passende Stellen ausgeschrieben sind. Denn ich hatte nach einigen Jahren im Projektmanagement das Bedürfnis, noch mal etwas anderes zu machen. Ich wollte Wissen vermitteln, aber etwas weniger Zeit auf Reisen verbringen. Ich habe dann 2022 zwei Lehraufträge an der HSBI, meiner alten Hochschule, angenommen. Da habe ich übrigens gemerkt, wie anders die Lehre an einer HAW im Vergleich zur Uni ist.

Inwiefern?

Während meiner Zeit in Aachen habe ich teilweise vor 300 Studierenden gestanden. Hier am Campus Minden war und ist alles viel familiärer. Mir sitzen maximal 40 Studierende gegenüber, im Laufe der Zeit lernt man sich kennen.

Sie sind heute Professor für Projektmanagement im Bauwesen. Promoviert haben Sie aber in einem ganz anderen Bereich.

Genau, ich habe in meiner Dissertation ein Thema aus dem Bereich Geotechnik bearbeitet. Durch meine Arbeit als Projektleiter habe ich aber sehr viel praktische Erfahrung im Projektmanagement. Deshalb passte das sehr gut. Im Rahmen meiner Professur kann ich auch meine andere inhaltliche Leidenschaft weiterverfolgen: Das Thema Digitalisierung im Bauwesen.

Erzählen Sie mal: Warum beschäftigt Sie das?

Die Baubranche ist in vielen Bereichen immer noch ziemlich analog unterwegs. Gerade sind viele Unternehmen mitten in der Transformation. Es ist spannend, das zu begleiten – und auch, Studierende darauf vorzubereiten, diese Digitalisierung mit voranzutreiben. Etwas, das ich meinen Studierenden ebenfalls mitgebe, ist, dass sie als Projektmanager:innen lernen müssen, gut zu kommunizieren. Gerade große Bauprojekte sind sehr abstimmungsintensiv. Es ist immens wichtig, da alle mitzunehmen.

Wie würden Sie eigentlich das, was Sie tun, einem Grundschulkind erklären?

Das muss ich sogar, meine Kinder sind in dem Alter (lacht). Früher war ich für meine Tochter immer der „Brunnendoktor“, weil ich mich in meiner Dissertation mit Brunnen beschäftigt habe. Heute sage ich, dass es ein bisschen so ist wie in der Schule. Ich bin der „Lehrer“, der den Studierenden etwas beibringt. Natürlich ist das sehr verkürzt, denn es ist oft vielmehr eine Zusammenarbeit, ein Austausch. Aber für Kinder erst einmal natürlich leichter greifbar.

Was machen Sie, wenn Sie sich nicht mit Projektmanagement, Brunnen und Co. beschäftigen?

Meine Kinder machen viel Sport und das tue ich seit einiger Zeit auch wieder. Ich laufe viel, das macht den Kopf frei.

Zum Schluss: Was ist Ihr Tipp für diejenigen, die sich den Beruf HAW-Professur ebenfalls vorstellen können?

Flexibel bleiben. Ich bin heute Professor in einem ganz anderen Bereich, als ich gedacht hätte. Ich würde mich nicht zu früh auf eine bestimmte Nische festlegen, sondern mich erst einmal breit aufstellen. Mein zweiter Tipp ist: Noten sind wichtig, aber sie sind nicht alles. Auch wenn man im Bachelor mal eine nicht ganz so tolle Note schreibt, heißt das nicht, dass man nichts werden kann.

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