„Viel Praxiserfahrung ist extrem wichtig in meinem Bereich“
Mein Weg zur HAW-Professur: Prof. Dr. Rena Amelung im Interview
Foto: Patrick Pollmeier
Prof. Dr. Rena Isabel Amelung ist Professorin für Biomedizinische Grundlagen am Fachbereich Gesundheit. Zu ihren Forschungsgebieten zählt vor allem die Versorgungsforschung. Im Interview berichtet sie von ihrem beruflichen Weg, warum die praktische Arbeit in ihrem Bereich so wichtig ist und wie ihr Einstieg als Professorin für sie war.
Sie haben, bevor Sie Professorin geworden sind, lange als Ärztin gearbeitet, zuletzt als Standortleitung einer interdisziplinären Notaufnahme. Wie war ihr Arbeitsalltag?
Die Arbeit in einer Notaufnahme ist sehr abwechslungsreich, denn natürlich weiß man nie, was kommt. Es kann eine relativ leichte Verletzung sein oder etwas Lebensbedrohliches. Ich habe in dieser Zeit unglaublich viel gesehen und gelernt. Besonders wichtig war es für mich, in einem interdisziplinären und interprofessionellen Team zu arbeiten. Ich bin beispielsweise Neurologin mit der Weiterbildung für Klinische Akut- und Notfallmedizin und gucke natürlich anders auf bestimmte Krankheitsbilder als Pflegefachpersonen oder Kolleg:innen aus anderen Fachbereichen.
Nach dem Abitur haben Sie Medizin studiert. Haben Sie damals bereits die Neurologie als Arbeitsfeld für sich im Kopf gehabt?
Nein, mir war zum Ende der Schulzeit nur klar, dass ich auf jeden Fall Ärztin werden möchte (lacht). Ich hatte zu dieser Zeit zwar keine familiären Vorbilder, aber Wissenschaftlichkeit und die Arbeit mit Menschen zu verbinden, hat mich sehr fasziniert. Deshalb habe ich mich für ein Medizinstudium entschlossen habe. Zur Neurologie bin ich erst während des Studiums gekommen. Nachdem ich im Praktischen Jahr am Ende des Studiums neben der Inneren Medizin und der Chirurgie auch länger in der Neurologie tätig war, war mir klar, dass ich dort auch weiterarbeiten möchte.
Das haben Sie dann auch getan, am Evangelischen Klinikum in Bielefeld (EvKB).
Genau, dort habe ich meine Weiterbildung zur Fachärztin für Neurologie gemacht. Parallel habe ich promoviert und im Jahr 2015 meine Facharztprüfung abgelegt. Gleichzeitig habe ich angefangen, mich immer stärker für das Thema Lehre zu interessieren.
Foto: Patrick Pollmeier
Das klingt nach vielen parallelen Entwicklungen? Erzählen Sie mal.
Ja, das stimmt, es war eine intensive Zeit. Zusammenhänge zu erklären hat mir immer Spaß gemacht. Ich habe mir schon als Schülerin mein Taschengeld mit Nachhilfe verdient und auch während meines Studiums weiter andere beim Lernen unterstützt. Als ich im Praktischen Jahr war, habe ich gemerkt: Eigentlich braucht es auch hier sogenannte Repetitorien, also strukturierte Prüfungsvorbereitung für die letzte Prüfung des Medizinstudiums. Das Lernpensum ist hoch, dazu kommt ein „Überraschungsprüfungsfach“, das man erst kurz vor der Prüfung erfährt. Als ich dann selbst Assistenzärztin für Neurologie war, habe ich angefangen, Repetitorien zu organisieren. Verschiedene Ärzt:innen haben Vorträge angeboten und auch ich selbst konnte mein Wissen vermitteln. Das war dann meine erste Lehrerfahrung vor einer größeren Gruppe. Außerdem habe ich immer mit viel Freude Medizinstudierende in Praktika begleitet und neue Kolleg:innen eingearbeitet.
Die Lehre hat Sie auch in Ihren weiteren beruflichen Stationen begleitet, oder?
Ja, genau. Ich bin immer mehrgleisig gefahren (lacht). Wie anfangs schon erwähnt, hat mich neben der Neurologie auch immer die Notfallmedizin gereizt. Deshalb habe ich mich hier weitergebildet und war seit 2019 in der Notaufnahme des Klinikums Bielefeld, Standort Halle/Westf., tätig. Parallel dazu habe ich immer Lehrveranstaltungen gegeben, seit 2016 auch an der HSBI.
Seit 2021 waren Sie dann Teil des Qualifizierungsprogramms der HSBI zur Professur, Career@BI. Haben Sie zu dieser Zeit damit gerechnet, dass Sie selbst Professorin werden könnten?
Es war eher so, dass ich damals versucht habe, meine Interessen, also das klinische Arbeiten und die Lehre, miteinander zu vereinbaren. Natürlich hatte ich im Hinterkopf, dass eine Professur eine Karriereoption sein könnte.
Wie kam es dazu, dass es eine reale Option wurde?
Ich habe erfahren, dass Prof. Annette Nauerth im Jahr 2024 in den Ruhestand gehen würde. Sie war, wie ich jetzt, Professorin für Biomedizinische Grundlagen an der HSBI. Da ich sowieso schon Lehraufträge an der HSBI übernommen habe und die Hochschule und den Fachbereich gut kannte, habe ich mich entschlossen, es zu versuchen und mich beworben.
Mit Erfolg: Seit 2022 sind Sie Professorin. Wie war der Wechsel von der Notaufnahme in den Hörsaal?
Es war erst einmal eine große Umstellung. Plötzlich war ich nicht mehr den ganzen Tag von Menschen umgeben, sondern saß auch viel allein am Schreibtisch und habe meine Veranstaltungen vorbereitet. Es war unglaublich hilfreich, mit Frau Nauerth eine Ansprechpartnerin zu haben, von der ich ganz viel lernen konnte. Im ersten Semester meiner Professur habe ich die Hälfte ihrer Veranstaltungen übernommen, ab dem zweiten Semester dann alle. Zusätzlich habe ich einige Forschungsprojekte angeschoben, was mir sehr viel Spaß macht. Ich kann gar nicht glauben, dass ich jetzt schon seit 2022 an der HSBI bin, die Zeit vergeht wie im Flug.
Foto: Patrick Pollmeier
Wie erleben Sie die Arbeit mit den Studierenden?
Das ist für mich sehr bereichernd. Es ist schön, zu erleben, dass ich wirklich etwas bewirken kann. Eine Studentin hat mir beispielsweise einmal berichtet, dass sie aufgrund meiner Lerninhalte in ihrer Freizeit bei einer Person einen Schlaganfall erkannt hat. Grundsätzlich erlebe ich die Arbeit als sehr sinnstiftend – sowohl mit jungen Studierenden, die direkt aus der Schule zu uns kommen, als auch mit denjenigen, die berufsbegleitend studieren.
Wie würden Sie Ihren Alltag in Bezug auf das Thema Vereinbarkeit beschreiben?
Die Professur ermöglicht mir auf jeden Fall mehr Freiheiten als der Schichtdienst, den ich vorher gemacht habe. Ich habe zwei Kinder und da ist diese Flexibilität natürlich sehr hilfreich. Gleichzeitig ist die Arbeit nicht „weg“, sie verschiebt sich dann zum Beispiel in den Abend.
Was würden Sie anderen, die diesen Weg gehen möchte, raten?
In meinem Bereich ist es extrem wichtig, viel Praxiserfahrung mitzubringen, also: das echte Leben zu kennen. Auch jetzt, als HAW-Professorin, bin ich viel im Austausch mit Praktiker:innen, bilde mich fort, bleibe immer auf dem Laufenden. Außerdem, und das passt zu meiner vorherigen Antwort, ist es wichtig, sich gut organisieren zu können. Die Arbeit ist sehr frei und man kann eine Menge voranbringen. Aber es ist wichtig, dass man für sich eine gute Balance findet.
Apropos Balance: Was tun Sie, um dem Kopf freizubekommen?
Das klappt schon ganz gut, wenn man Kinder hat (lacht). Außerdem mache ich mehrmals pro Woche Sport mit Freundinnen und lese auch sehr gerne.
Zum Schluss: Wenn Sie einem Grundschulkind Ihren Job erklären müssten, was würden Sie sagen?
Ich würde sagen, dass ich Ärztin bin und an der Hochschule großen Menschen mehr darüber erkläre, wie unser Körper und bestimmte Sachen darin funktionieren. Ich bin also „Lehrerin für große Menschen“. Außerdem finde ich durch meine Forschungsprojekte neue Sachen heraus.
Weitere Informationen zum Karriereweg HAW-Professur
Eine HAW-Professur könnte auch für Sie spannend sein? Informieren Sie sich jetzt über Ihre vielfältigen Perspektiven an der Hochschule Bielefeld!